Washington

Es ist ein bisschen unheimlich, nie zu wissen, ob sein tiefschwarzer Humor nicht im nächsten Moment in handfeste Aggression umschlägt. Zum Beispiel, wenn Michael P. das Gaspedal durchdrückt, die Musik mit dem wuchtigen Beat laut dreht, das Piepsen des Radarwarngeräts ignoriert und anfängt, im Slalomkurs über den dreispurigen Highway zu rasen. Gerade hat er noch von "Disziplin" und "Respekt" als den soldatischen Kardinaltugenden geschwärmt.

Jetzt grinst er mit schiefem Mund und spuckt nicht zitierbare Flüche gegen seine einstigen Vorgesetzten aus. Verraten fühlt er sich von dem Land, "für dessen Bestand ich meinen Hals riskiert habe".

Michael P., mit 24 Jahren als Fallschirmjäger angeworben vom Militärischen Abschirmdienst (MAD), dem Geheimdienst der Bundeswehr. Als Undercoveragent 1989 eingeschleust in die rechtsextremistische Nationalistische Front. Dort aufgestiegen zum Intimus des Parteichefs. Ein Jahr später, nach seinem Rückzug aus der Naziszene, von der Bundeswehr nach Kanada in Sicherheit gebracht. 1993 in die Vereinigten Staaten versetzt. 1998 aus der Bundeswehr ausgeschieden. Am 30. Juni 2001 stellte P. Antrag auf Asyl in den Vereinigten Staaten. Zukunft ungewiss.

"Meine Frau und ich würden noch heute die Koffer packen und nach Deutschland zurückkehren. Aber dort kann uns niemand unsere Sicherheit garantieren", sagt er ruhig. Dann kocht wieder dieser Zorn hoch, von einem, der als Patriot "Volk, Vaterland und Verfassung" schützen wollte und deswegen jetzt irgendwo in den USA sitzt, ohne Geld, ohne Arbeitserlaubnis, mit 37 Jahren. Sein Leben hatte Michael P. sich anders vorgestellt, damals, vor der Bundeswehrzeit.

Er will Dachdecker werden. Weil ein netter Nachbar in dem Nachkriegswohnblock in Erwitte bei Lippstadt das auch ist. 1983 besteht Michael P. seine Gesellenprüfung, jetzt möchte er den Meister draufsetzen. Aber die Wehrpflicht kommt dazwischen. Widerwillig tritt Michael P. den Grundwehrdienst an. Schon bald aber trifft er auf Kameraden "mit denselben Idealen", erlebt Mannschaftsgeist und findet Halt in der Truppe. Es ist der Höhepunkt des Kalten Krieges, und Michael P. verpflichtet sich für vier Jahre, um sich bei der Luftlandebrigade 27 in Lippstadt zum Fallschirmjäger ausbilden zu lassen. Der Drill und das Leben im Laufschritt werden 1989 mit dem Fallschirmspringerabzeichen belohnt. "Dem Mythos Fallschirmjäger anzugehören - das war großartig."

Kurz nach dem Ende seiner Ausbildung, am Morgen des 15. Februar 1989, bittet der Chef seiner Stabkompanie den Hauptgefreiten Michael P., ihn vor der Kaserne zu treffen. Der Hauptmann holt P. in seinem Privat-Audi ab. "Zwei Herren vom MAD möchten sich mit dir unterhalten", eröffnet er ihm. In einem Café im Kurort Bad Waldliesborn stellt er Michael P. den beiden MAD-Beamten vor. Sie nennen sich "Fred" und "Wolf". "Sie fragten mich, ob ich schon einmal von der Nationalistischen Front gehört hätte und ob ich mir vorstellen könnte, für den MAD herauszubekommen, was da so läuft."

"Fred" und "Wolf" zeigen Michael P. ein Schulungsheft der NF. Von der "Notwendigkeit der Eugenik" ist in dem Pamphlet die Rede, von "raumfremden imperialistischen Mächten des Westens und des Ostens", die "Deutschland Selbstbestimmung verweigern". Der MAD befürchtet, dass die neonazistische NF Anschläge auf Kasernen der Bundeswehr und der Alliierten plant. Michael P.

soll herausfinden, ob sich eine Terrorgruppe bildet. Nach einem zweistündigen Gespräch willigt der Soldat ein. "Ich habe es als Auftrag verstanden und aus Pflichtgefühl gehandelt."

Am darauf folgenden Freitag trifft sich Michael P. mit seinen neuen Führungsoffizieren, um den Einsatz zu besprechen. "Sie waren äußerst nervös, ihre Bedenken waren ernst gemeint. Dass mir etwas zustoßen könnte, dass etwas schief gehen könnte, stand außer Frage." Dennoch: Ein Agententraining findet nicht statt. Für Notfälle wird ein telefonischer Code vereinbart: "Ich habe einen Interessenten für den Ehrendolch."

Noch am selben Abend macht sich Michael P. auf den Weg zur Bielefelder Parteizentrale der Nationalistischen Front. Ein NF-Mitglied öffnet die Haustür. "Jaaa ...", sagt der Agent, "... ich wollte mal reinschauen, was hier so los ist." Danach beginnt das Lügen. In einem Vieraugengespräch prüft der Chef und Gründer der NF, Meinolf Schönborn, die Gesinnung des vermeintlichen neuen Kameraden. Schönborn, ehemaliger Stabsunteroffizier bei der Panzertruppe, findet schnell Gefallen an dem unerschrockenen und selbstsicheren Auftreten des Fallschirmjägers P. Vor allem aber dessen militärisches Know-how interessiert den NF-Chef. Bald weiht Schönborn seinen neuen Schützling in den Plan ein, "Nationale Einsatzkommandos" zu gründen: terroristische Zellen, über Deutschland verteilt, hoch mobil und schnell einsatzbereit. "Die Taktik sollte ähnlich sein wie bei der RAF", erinnert sich Michael P., "Ziele wären die Bundesregierung, die Gerichtsgewalt und alle Repräsentanten gewesen, auch auf die ,Besatzerarmeen', die Amerikaner, Engländer und Franzosen, sollten Anschläge ausgeübt werden. Der Plan war, in einer Nacht eine Welle von terroristischen Anschlägen von Norden bis zum Süden Deutschlands stattfinden zu lassen."

Mithilfe des MAD, so Michael P., liefert der Undercovermann in den folgenden Monaten neueste militärische Karten an Schönborn. Aus Bundeswehrbeständen erhält die NF außerdem mehrere Dutzend Betten für ihr Schulungszentrum.

"Riesiges Interesse hatte Schönborn auch an Ausbildungsmaterial für Pioniereinheiten, besonders an den einschlägigen Vorschriften für die Sprengausbildung", erzählt Michael P. "Das hat alles der MAD besorgt, und ich habe es dann an Schönborn weitergegeben."

Im Gegenzug berichtet Michael P. seinen Führungsoffizieren anfangs wöchentlich, später fast täglich Neues von Schönborns Schlachtplänen für ein "Viertes Reich"

gibt Namen und Adressen von NF-Mitgliedern und -Sympathisanten weiter

liefert dem MAD über 100 Fotos, die er auf bierseligen Nazifeiern von seinen "Kameraden" geschossen hat. Bezahlt wird dieser Sondereinsatz des Soldaten offiziell immer durch Spesenabrechnungen.

Michael P.s Angst aber ist damit nicht abgegolten. Durch ein "Leck", so P., sei im Verteidigungsministerium bekannt geworden, dass der Soldat für den MAD arbeitet. Ab jetzt muss der Undercoveragent fürchten, dass diese Information zur NF durchsickert - schließlich, so hatte P. beobachtet, unternahm die Partei alles, um Führungskräfte der Bundeswehr für sich einzunehmen. Michael P. liegt nachts oft wach in der Kaserne, weiß nicht, was Schönborn weiß, was die Kameraden wissen, ob sie nicht alle schon längst wissen ...

Aber die Lüge fliegt nicht auf. Im Spätsommer 1989 tritt NF-Chef Schönborn mit einem besonderen Wunsch an P. heran: Der Fallschirmjäger soll sich im Libanon in Guerillakriegsführung ausbilden lassen, um später die Mitglieder der Nationalen Einsatzkommandos zu schulen. Den Kontakt zu Terroristenlagern im Nahen Osten würde Schönborn über den NF-Kameraden Uwe Mainka herstellen, ein ehemaliges Mitglied der verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, der selbst im Libanon eine paramilitärische Ausbildung erhalten hat. "Das Ganze sollte in meinem Jahresurlaub geschehen", sagt Michael P. - "Das war für mich der Zeitpunkt, an dem ich dem MAD gesagt habe: Jetzt ist Schluss!"

Für seine Führungsoffiziere, berichtet Michael P., sei das Ende der konspirativen Arbeit an dieser Schwelle keineswegs so selbstverständlich gewesen. "Natürlich", meint er, hätte er sich auch in MAD-Diensten zum Terroristen ausbilden lassen können. "Absoluter Quatsch" sei es, was die Innenbehörden gegenwärtig aus Anlass des NPD-Verbotsverfahrens versicherten, dass nämlich V-Leute in rechtsextremistischen Organisationen abgeschaltet würden, sobald sie in einflussreiche Positionen aufstiegen. - "Die Grenze wurde nie aufgezeigt. Die haben alles darangesetzt, mich zu halten: Geld, Beförderung - ich hätte alles verlangen können."

Doch schließlich bereitet der MAD eine Ausstiegslegende für den Informanten vor. Schönborn wird aufgetischt, dass Michael P. wegen seiner Verwicklungen mit der NF zur Versorgungskompanie 250 nach Calw "strafversetzt" werde. In Wahrheit dient die Umquartierung dazu, die Verlegung des Soldaten nach Kanada vorzubereiten. Am 15. Februar 1990 wird P. nach Shilo, Manitoba, ausgeflogen.

1993 folgt eine Versetzung in die Vereinigten Staaten, wo P. bis 1998 verschiedene Nato-Stützpunkte durchläuft. Mit der NF nimmt Michael P. keinen Kontakt mehr auf - gegen den Rat des MAD, Schönborn sein plötzliches Verschwinden möglichst plausibel zu machen.

In Deutschland versuchen die Sicherheitsbehörden unterdessen, der Nationalistischen Front das Handwerk zu legen. Anfang 1992 klagt der Generalbundesanwalt 28 mutmaßliche Mitglieder der Nationalen Einsatzkommandos wegen "Verabredung zur Gründung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" an. Im Sommer 1992 hebt die Polizei bei NF-Anhängern in Braunschweig eine Bombenküche aus. Neben Sprengstoff und Munition finden die Beamten auch "Schriftmaterial, das eine ernsthafte Beschäftigung mit Anschlagsplänen erkennen lässt". Nichtsdestotrotz wird das Verfahren gegen die 28 Verdächtigen am 25. Oktober 1993 eingestellt - aus Mangel an Beweisen.

Michael P., der gern als Belastungszeuge aussagen würde, wird nicht zur Verhandlung geladen - offensichtlich wollte der MAD diesen Zeugen dem Gericht nicht präsentieren. Telefonisch teilt ihm sein ehemaliger MAD-Führungsoffizier "Fred" mit: "Gerichtsmäßig gibt es dich gar nicht" (siehe Kasten).

Am 16. November 1992 verbietet der damalige Innenminister Rudolf Seiters (CDU) Schönborns Nationalistische Front wegen ihrer "Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus" und ihrer "aggressiv-kämpferischen" Agitation.

Nach diesem Schlag gegen die Organisation macht Michael P. sich mehr denn je Sorgen um seine Sicherheit. "Denn Schönborn musste klar sein, dass das Verbot vor allem auf meinen Informationen gründete." Gut einen Monat später treffen zwei MAD-Vertreter in Washington zu einem "Sicherheitsgespräch" mit P. ein.

Die Beamten teilen dem Exagenten mit, dass "eine Gefährdung seiner Person derzeit nicht gegeben ist". Gleichzeitig weist der MAD darauf hin, dass P.

durch sein eigenes Verhalten den Mitwisserkreis über seine Tätigkeit unnötig erweitert habe. In einem Vermerk über das Gespräch heißt es: "Hieraus resultierende Probleme hat P. selbst zu tragen, da er sich nicht an die Absprachen mit dem MAD gehalten hat."

Als Michael P.s Dienstzeit im Juni 1998 endet, beantragt er eine Dienstzeitverlängerung, um als Nato-Soldat in den USA bleiben zu können. Aber das Bundesverteidigungsministerium winkt ab: "Da nach Prüfung durch den MAD keinerlei Hinweise auf eine Gefährdung vorliegen, besteht keine übergeordnete Fürsorgepflicht, die die Einrichtung einer Planstelle (...) rechtfertigen würde." Michael P. verklagt das Ministerium - vergeblich.

Ein seltsames Missverhältnis: Während der Verfassungsschutz Aussteigern aus der rechtsextremistischen Szene mit Darlehen, Entschuldungsprogrammen und Arbeitsplatzförderung auf die Füße hilft, stehen einem Undercoveragenten keine Hilfeleistungen zu. Die grüne Bundestagsabgeordnete Annelie Buntenbach, die sich seit Jahren für Michael P. verwendet, hält die Gefährdungsanalyse des MAD für unglaubwürdig. Aussteiger aus der neonazistischen Szene seien generell in "hohem Grade gefährdet", auch noch nach Jahren. "Die Schwierigkeiten in diesem Fall", sagt Buntenbach, "liegen in der fehlenden rechtlichen Regelung einer Geheimdienstarbeit, wie Herr P. sie geleistet hat."

Mittlerweile hat ein US-Gericht Michael P.s Asylantrag angenommen. Vorerst jedenfalls darf er nicht nach Deutschland abgeschoben werden.