Die französischen Intellektuellen haben einen Schock hinter sich: Niemand unter ihnen hatte mit Le Pen gerechnet. Die Linke hat sich durch ihre Fehleinschätzung der Lage in die demütigende Situation manövriert, bei der Stichwahl für einen Kandidaten werben zu müssen, den sie zuvor als korrupten Reaktionär gebrandmarkt hatte. Nicht nur das eigene Ansehen hat man auf diese Weise demoliert, sondern auch - und das ist wohl der eigentliche Schaden - die Legitimität der höchsten Institution des Staates.

Der Anblick französischer Intellektueller auf internationalen Kongressen ist in diesen Tagen alles andere als erhebend: Man trägt jetzt demonstrativ seine "Scham, ein Franzose zu sein", zur Schau. Man schlägt sich in einer Tour an die Brust. Eine ungewohnte Rolle. Dieselben französischen Intellektuellen, die reumütig ihre Stirn in Falten legen, wenn die Rede auf die heimischen Peinlichkeiten mit der Rechten kommt, leben gleich wieder merkwürdig auf, sobald die Weltlage berührt wird. So tief reicht die Irritation der französischen Linken über die von ihr mit verschuldete Schmach offenbar nicht, dass das Sendungsbewusstsein ernsthaft darunter leiden müsste: Europa muss sich kulturell, ökonomisch und politisch (selbstverständlich unter französischer Führung) stärker gegen Amerika (und Israel) stellen. Dass kaum jemand derzeit den Blick auf die französischen Dinge für einen Blick in die Zukunft halten mag, hat sich noch nicht herumgesprochen.

Unverkennbar ist ein gewisser perverser Stolz auf die eigene Schande im Spiel, der einst als deutsche Merkwürdigkeit galt. Mit Lust und Entsetzen beugt sich nun die Linke über die Karte des "braunen Frankreich", die in der Tageszeitung Libération zu sehen ist. Wie grauenhaft! Doch dann, ach, die großartige Reaktion des französischen Volkes! "Haben Sie gehört, wie viele Menschen in Paris gegen Le Pen auf den Beinen waren?" Der beherzte Kampf "gegen rechts" - so wichtig er ist - lenkt mit seinen sentimentalen Volksfrontgefühlen angenehm davon ab, die eigenen Fehler zu bedenken.

Die französischen Intellektuellen haben den größeren Schock womöglich noch vor sich, wenn die gegenwärtige Farce vorbei sein wird: Dann wird der Blick frei auf ein Land mit beschädigten politischen Institutionen und einer unglaubwürdigen politischen Klasse - welcher Intellektuelle gegenüberstehen, die durch ihre eigene apolitische Torheit gedemütigt sind und erstarrt in der zunehmend lächerlichen Prätention, eine exception culturelle darzustellen.

Dieses Land sieht sich nun nicht nur mit einer Gefahr von rechts konfrontiert, sondern mit einem neuen Rassismus, den kaum jemand beim Namen zu nennen wagt. Den Protest gegen das Phänomen des "neuen Judenhasses" - von dem Politologen Pierre-André Taguieff in seinem aktuellen Buch analysiert - hat man bislang weitgehend den Juden selbst überlassen. Man verurteilt es, findet es aber im allgemeinen antizionistischen Konsens der französischen Gesellschaft irgendwie auch verständlich, dass les jeunes aus den Banlieues sich immer öfter die jüdische Gemeinde Frankreichs als Ziel ihres Protests gegen Israel erwählen. Mit Antisemitismus, so verlautet es überall, habe das rein gar nichts zu tun.

Dem Philosophen Alain Finkielkraut kommt wieder die Rolle des einsamen Warners in einem Meer der Beschwichtiger zu. "Traditionell", schrieb er in der jüdischen Monatszeitschrift L'Arche, "sind diejenigen Franzosen Antisemiten, die stolz ihre Identität feiern und gegen die Juden zusammenhalten. Der zeitgenössische Antisemitismus aber besteht aus Leuten, die sich selbst nicht leiden können und eine postnationale Perspektive haben, die sich vom ,Franzosentum' lossagen, um sich besser mit den Armen in der Welt identifizieren zu können. Sie benutzen Israel, um die Juden ins Lager der Unterdrücker stellen zu können. So wird eine Verbindung möglich zwischen dem antisemitischen Islamismus und der Selbstanklage, zwischen der wechselseitigen Zurückweisung und dem Selbsthass."

Im neuen Heft von Granta, das eine interessante internationale Umfrage über die Haltung von Intellektuellen zu Amerika enthält, ergänzt der Schriftsteller Benoit Duteurtre diese Analyse: "Ein Muster schält sich heraus ...: Es berechtigt Frankreich, als selbsternannte Bastion der Menschenrechte hochmütig über die Macht der Yankees zu urteilen.