Es war eine jener zarten, ersten Liebesschwärmereien. Der 14-jährige Werner Michael und die 13-jährige Lottie. Miteinander sitzen sie in der Klasse, in der jüdischen Schule in Shanghai. Ein kleiner Beziehungsschmerz kommt nur bei den Prüfungen auf, wenn Lottie oder ihre Freundin wieder die Erste ist und Werner Michael nur der Dritte.

Nach dieser Kinderschwärmerei mit Lottie, verrät er, habe er später die romantische Liebesgeschichte mit ihr gesucht

später, als sie beide schon in ihrem Traumland angekommen waren, als Lottie schon Lotte hieß und dann aber Alan Marcus heiratete, den jüdischen US-Soldaten, der das Massensterben auf dem schmalen Strand und dem steilen Ufer der Normandie am D-Day überlebt und das KZ-Buchenwald mit befreit hatte - noch heute quält ihn in seinen Albträumen, was er dort sah.

Aber dass es nie etwas wurde mit ihnen, weckt keinen wirklich tiefen Schmerz, als Werner 60 Jahre später ebendiese Lottie und auch ihren Mann herzlich in die Arme schließt. Mitten in einer Hotellounge in San Francisco, umgeben von chinesischen Goldkarpfen im künstlichen Bach, von chinesischen Kellnern im Hintergrund, echten Palmen und Rattanmöbeln. Bei ihrer inzwischen achten Wiedersehensfeier Ende April finden sie und 300 weitere jener Überlebenden sich zusammen, die 1938/39 in Shanghai einen der letzten Fluchtpunkte aus der Verfolgung durch die Nazis finden konnten. Rickshaw nennen sie ihre Versammlung, nach dem dort gebräuchlichen Fahrzeug.

Das letzte Schiff brachte Michael und Lottie nach Asien

Werner Michael Blumenthal, geboren in Oranienburg, in einem der märkischen Häuser gegenüber dem Schloss, unweit des späteren KZs. Aufgewachsen am Kurfürstendamm in Berlin. Mit neun Jahren, 1935, zitiert er immer gern das Werbeplakat: Der deutsche Junge trinkt nur Katreiner Kaffee. Mit zwölf erlebt er die Pogromnacht, wird von Hitlerjungen verprügelt, fährt angstvoll noch einige Zeit in die jüdische Kaliski-Waldschule in Berlin-Dahlem, ehe die braune Flut alles unter sich begräbt. Die Bitternis und die Enttäuschung über das Versagen dieser ganzen Kulturnation klingen noch heute in seinen Worten.

In den Worten des früheren US-Finanzministers, Wirtschaftsprofessors, Topmanagers und heutigen Direktors des Berliner Jüdischen Museums Michael Blumenthal, der es geschafft hat, dauerhaft mit allen früheren Lebenswelten in Verbindung zu bleiben.

Auch mit Lottie Lustig aus Wien. Sprühend, temperamentvoll strahlt sie mit ihren zum Knoten gebundenen weißen Haaren noch heute die Attraktivität des jungen Mädchens von damals aus.

Shanghai 1939: Hier hat sich ihr Lebensweg das erste Mal gekreuzt. Beide kamen sie aus bürgerlichen, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Familien. Aus ganz normalen Familien, nur eben lebten sie in einer Welt, in der ein kriminelles Regime eine unschuldige Minderheit systematisch terrorisierte, enthumanisierte, vertrieb, schließlich ermordete. Und so gerieten diese beiden Kinder mit einem der letzten Schiffe als Flüchtlinge in das chinesische Gewühl der Straßen von Shanghai und wanderten jeden Tag in ihre jüdische Schule im internationalen Viertel neben der Synagoge.

Noch heute ist das dreistöckige Gebäude mit Teilen des alten Mobiliars bestückt. Efeu umrankt inzwischen die damals kahle Fassade, als wäre ein Teppich über die unsicheren, schrecklichen Jahre gewachsen. Die Kinder sollen von einem Tag auf den anderen ihr Deutsch vergessen und das nie gehörte Englisch sprechen und schreiben. Sie tun das mit solcher Energie, dass sie sich bald an die Spitze der Klasse vorgearbeitet haben.

Ausgerechnet Shanghai. Heute ist die Stadt am Whangpu die Boomtown des kommenden Jahrtausends, wo die höchsten Wolkenkratzer - das höchste Hotel, der zeitweilig höchste Fernsehturm - wie Spargel aus dem Lehm geschossen sind

aus den Millionen von kleinen Häuschen jenes alten Shanghai, das wie ein fruchtbarer Boden der Zukunft Kraft gibt.

Doch damals hatte jenes unentwirrbare Gewimmel einen schrecklichen Ruf. Es war einer der schlimmsten Plätze der Welt, den Juden auf ihrer panischen Flucht vor den KZs finden konnten.

Shanghai, die offene, internationale Stadt mit ihrem unerträglichen Klima, mit erbärmlichen Wohnungen, unvorstellbarer Armut, Ratten, Epidemien, Bandenkriegen, Morden

ein Hexenkessel, der für alle Flüchtlinge eine tiefe seelische Erschütterung bedeutete, eine weitere traumatische Erfahrung. Aber es war für 18 000 Deutsche und Österreicher auch der letzte und einzige Ort, weil der Rest der Welt nichts tat, bis es zu spät war für viele Millionen Juden und Nichtjuden.

Auch sein eigenes Land, die USA, verschont Michael Blumenthal nicht: Die USA hätten nach 1933 Juden nur weit unter ihrer selbst gesetzten Quote von jährlich 27 370 Menschen zugelassen, sagt er in San Francisco, 113 370 Leben hätten noch gerettet werden können. Und Blumenthal wird nicht müde zu betonen, wie entsetzlich wenige Fliehende bei anderen Ländern dieser Welt offene Türen fanden und Aufnahme - bei den gleichen Ländern, die die Ausschreitungen und Verfolgung der Nazis mit Worten so heftig verdammten.

Shanghai ist für sie alle eine defining experience, wie Blumenthal sagt.

Gerade die Kinder wurden für ihr Leben geprägt, und viele sind darüber nicht mehr hinweggekommen. Michael Blumenthal jedoch beschreibt seine Haltung damals wie heute als vorsichtigen Optimismus. Für ihn war Shanghai eine harte, aber konstruktive Schule fürs Leben. Er hatte das Glück, sich im besten Alter, mit 13, mit einer tatkräftigen Mutter und einem immer gegenwärtigen Vater, neugierig aufs Leben und ausgestattet mit einer pragmatischen Intelligenz, auf alle Abenteuer in dieser neuen Welt einlassen zu können.

Die positive Seite der Shanghai-Erfahrung, erzählt er, sei diese bemerkenswert zusammengewürfelte Gemeinschaft gewesen. Mit ihrer Kultur, Bildung, Organisationsfähigkeit, Intellektualität und Religiosität hätten sich die deutschsprachigen Juden ihre Würde, ihren Mut und ihren hartnäckigen Überlebenswillen bewahrt. Difficult times are necessary for good performance, zitiert er den Cellisten Rostropowitsch

schwere Zeiten sind die Voraussetzung für einen guten Auftritt.

Aber es bleiben auch für Michael Blumenthal zehn Jahre armseligen Vegetierens

es bleibt die Erfahrung von Hunger, Krankheit, Kultur- und Identitätsverlust, das Gefühl der Abhängigkeit von barmherzigen Spenden jüdischer Organisationen, die Angst in dem fremdartigen, bedrohlichen Wartesaal Shanghai, die Unsicherheit, ob es je eine Zukunft geben würde. Und wie sich später herausstellen sollte: Der Wahnsinn der deutschen Vernichtungsideologie reichte bis nach Ostasien.

1943, als die Japaner die Stadt schon seit zwei Jahren besetzt hielten, geschah eine der bizarrsten Geschichten dieses Weltkriegs: Der als Schlächter von Warschau berüchtigte SS-Oberst Josef Meisinger, der zeitweilig Polizeiattaché an der deutschen Botschaft in Tokyo war, versuchte die japanische Regierung davon zu überzeugen, sie solle auch die Juden von Shanghai ermorden lassen. Es war Februar, und nach Stalingrad hatten auch die Japaner begriffen, dass der Sieg der Deutschen wohl doch nicht ewig dauern würde. So verfügten sie nur, dass alle Juden in Shanghai in ein Ghetto umziehen mussten, in den Stadtteil Hongku.

Doch das bedeutete eine katastrophale Verschärfung der Lage: Nun lebten die Flüchtlinge auf engstem Raum zusammengepfercht mit zigtausend Chinesen, bewacht von bedrohlichen japanischen Militärs, in überbelegten Heimen, kleinsten Räumen, ohne Toiletten und Kochmöglichkeiten. Sozialer und psychischer Dauersprengstoff.

Das Viertel, das Haus, das Hinterhaus stehen noch. Wer Gelegenheit hat, mit Michael Blumenthal die wenigen Quadratmeter Raum zu betreten, auf denen seine Familie damals in der Chusan-Lu lebte, der ahnt ein wenig von der damaligen Bedrängnis.

Der souveräne, stets professionelle, kantige Mann wirkt auf einmal verletzlich, sein Humor wird schärfer und bitterer. Erinnerungen an Hunger, Krankheiten und Enge steigen in ihm auf und an den Schock über die Meldungen aus Auschwitz, Sobibór, Riga, als die ganze schreckliche Wahrheit auch nach Ostasien drang. Als er erfuhr, dass Kindheitsfreunde und seine Tante Margarete, die in Berlin um die Ecke gewohnt hatte, ermordet worden waren.

Shanghai mit seinen Rikschas, die heute längst von VW-Taxis abgelöst sind, war ein Planet des Überlebens. Doch das Rickshaw-Treffen, das die Flüchtlinge von Shanghai in diesen Tagen zum vielleicht letzten Mal in dieser großen Zahl zusammenbringt, wirkt wie ein heiteres Klassentreffen. Ein gnädiges Vergessen, das dem Selbsterhaltungstrieb der Menschen dient, scheint auch hier das Schreckliche zu unterdrücken und nur das Gute zu behalten. 300 US-Amerikaner im vorgerückten Pensionsalter, überwiegend middle class, lärmen bei der großen Kaffeegesellschaft im Ballsaal des Crowne-Plaza-Hotels, nicht weit von jener berühmten Brücke entfernt, von der sie fast alle zehn endlose Jahre ihres Lebens voll brennender Hoffnung geträumt hatten. Golden Gate, die Brücke zur Freiheit, zum ganz normalen Leben.

Deutsch können alle noch - kaum einer spricht es

Klassensprecher des Rickshaw-Treffens ist heute Michael Blumenthal, der auf diesem Treffen die große Rede halten soll. Mit warmen Worten führt er seinen Shanghailanders wieder die alten Bilder vor Augen, lebendig, aber alles andere als romantisch. Er erinnert die 70-, 80-, 90-Jährigen an die überstürzte Flucht mit ihren Eltern, an die Monate des pädagogischen KZ-Terrors im Anschluss an die Reichspogromnacht für viele der Väter, der sie alle schockartig in die Flucht trieb. Daran, wie sie sich im Hexenkessel Shanghai wiederfanden, traumatisiert, staatenlos, mittellos.

Deutsch können alle noch. Kaum einer spricht es. Dass Blumenthal die Arte-Dokumentation über die Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin auf Deutsch vorführt, ist für einige schwer zu ertragen. Und doch nimmt er vor den Shanghai-Exilanten in San Francisco für das gegenwärtige Deutschland Stellung, wo die nachfolgenden Generationen tief beschämt sind und nicht verstehen können, was in ihrem Land vor ihrer Zeit geschah. Er betont, dass die meisten Deutschen heute ihre nationale Verantwortung kennen, aber vor allem aus der Vergangenheit lernen und niemals vergessen wollen. Sogar so weit geht er, von einer Traumatisierung der Kinder der Täter zu sprechen.

Irgendwann sind auch bei einem Galadiner die letzten Nachspeisen abgeräumt.

Zwei Tage lang waren 300 ehemalige Deutsche in die Vergangenheit eingetaucht, haben sich Geschichten erzählt und ihre Kinderbilder auf die Tagungsausweise geklebt, um vielleicht doch noch, nach mehr als 50 Jahren, einen Freund aus der Kindheit, eine Klassenkameradin wiederzuentdecken oder selbst erkannt zu werden.

Die meisten dieser 300 Menschen mit ihren zahllosen Geschichten aus vielen Jahrzehnten sind nach dem Exil wie Blumenthal in die USA gegangen, viele auch nach Palästina. Nur wenige hat das Schicksal zurück nach Deutschland gebracht, wie Sonja Mühlberger, die in Shanghai zur Welt kam. Oder wie Arnold Fuchs, der wegen seiner TBC-Lunge kein amerikanisches Visum bekam. 1950 wurde er von den Maoisten zwangsverschickt und im plombierten Zug durch die USA nach Bremerhaven expediert, mit über 100 anderen Leidensgenossen. Am Ende durfte er dann doch noch nach Amerika einreisen.

Irgendwann verschwinden die chinesischen Kellner, die Goldkarpfen, die Bambusbäume in der Nacht dieses banalen West-Coast-Hotels. Auch die chinesische Hochzeit im Ballsaal nebenan endet, mit greller Musik. Im Morgenlicht des Pazifik steigt ein neuer Tag herauf. Eine Sightseeing-Tour wird die letzten Teilnehmer noch durch San Francisco hindurchführen, über die Golden Gate Bridge, zu den uralten Gigantenbäumen.