Am Freitagabend, dem 28. Mai 1937, hielt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in der Berliner Deutschlandhalle eine sorgfältig vorbereitete und inszenierte Rede. Die Gauleitung der NSDAP hatte 20 000 Mann als Publikum auf die Beine gebracht, die SA-Formationen der Hauptstadt waren mit ihren Bannern angetreten, Märsche und Kampflieder stimmten die Zuhörer auf den Goebbels-Auftritt ein. Alle deutschen Rundfunksender übertrugen ihn live. Den Zeitungsredaktionen lag der Text bereits vor

sie sollten ihn am kommenden Morgen "in allergrößter Aufmachung" und mit zustimmenden Kommentaren im Blatt haben. Die Sonntagspresse würde dann mit ihren Leitartikeln nachziehen.

Das Thema der Rede war die moralische Verkommenheit der katholischen Kirche.

Zwei Monate vorher hatte Papst Pius XI. die Nationalsozialisten schwer verärgert, als er mit seiner Enzyklika Mit brennender Sorge die kirchenfeindlichen Schikanen angeprangert und den ideologischen Totalitätsanspruch des Regimes bestritten hatte. Zum Gegenschlag nutzten die Machthaber eine Reihe von Sittlichkeitsprozessen gegen Priester und vor allem Ordensleute, die seit 1936 unter starkem politischen Druck im Gange waren, schon reichlich Propagandaaufmerksamkeit gefunden hatten und nun durch den Ministerauftritt auf eine offizielle Ebene gehoben wurden.

Die Vorwürfe lauteten auf Homosexualität unter Klosterbrüdern und, worin noch mehr polemischer Sprengstoff steckte, auf den Missbrauch von Abhängigen, von Pflegezöglingen und Insassen kirchlicher Heime. In der Deutschlandhalle wütete Goebbels jetzt vor der ganzen Nation gegen die "Schweinereien" und die "herdenmäßige Unzucht", die im Klerus um sich gegriffen habe. Natürlich log er, übertrieb maßlos bei den Zahlen ("Tausende und aber Tausende Fälle") und schwieg sich aus über die teils höchst manipulativen Ermittlungsmethoden, wobei etwa Pfleglinge mit Schokolade und Zigaretten zur Bezichtigung des Personals überredet worden waren.

Erotische Abenteuer

So ganz und gar allerdings log Goebbels auch wieder nicht

zumindest bei einer der ins Visier genommenen Kongregationen scheint es damals in der Tat drunter und drüber gegangen zu sein, wie auch der kirchenfreundliche Historiker Hans Günter Hockerts feststellen musste, der die Affäre genau untersucht hat. Doch davon einmal abgesehen, interessant ist etwas anderes - nämlich wie vertraut und modern die Angriffe auf die Priesterperversion doch wirken, wenn man die zeittypische Rhetorik, das Gerede von Staatswohl und Volksgesundheit, einmal beiseite schiebt. Kirchenkritik 1937 und Kirchenkritik 2002 sind sich im Grunde sehr ähnlich. Wenn heute die zölibatäre Entsagungsmoral eines Männerbundes umstandslos als Ursache der Missbrauchsproblematik angesehen wird, so war das auch der Standpunkt des Völkischen Beobachters, der erklärte, die Sexualdelikte seien "die naturnotwendigen Folgen eines widernatürlichen Systems"

für eine rätselhafte Bluttat in einem kirchlichen Internat wurde die "asketische klösterliche Erziehung" verantwortlich gemacht. Und auch das patente Ideal einer unverkrampften Körperlichkeit als Gegenbild zur verklemmten Frömmelei hatten schon die Nazis auf ihre Fahnen geschrieben. Goebbels forderte in seiner Rede vom Mai 1937 "eine Jugenderziehung, die frisch, unmuffig und unprüde ist".

Die Verderbtheitskritik ist über weite Strecken ein Recyclingunternehmen, in dem Beispiele, Motive und Argumente von Jahrhundert zu Jahrhundert weitergereicht werden. Im Umfeld der Sittlichkeitsprozesse von 1936/37 kam unter anderem der Pfaffenspiegel von Otto v. Corvin wieder zu Ruhm und Ehren, ein in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenes antiklerikales Pamphlet

den Verfasser hatte sein Ärger über die abergläubische Verehrung der angeblichen Reliquie des "Heiligen Rocks" 1844 in Trier inspiriert. Ein Kapitel ist Sodom und Gomorrha überschrieben und behandelt die Lasterhaftigkeit der Geistlichen

aber auch in den folgenden Abschnitten über das Klosterleben und über das Beichtsakrament wird boccacciohaftes Novellenmaterial über Priester und Mönche ausgebreitet, die ihre privilegierte Vertrauensstellung für erotische Abenteuer ausnutzen.

Die Attacken ähneln sich

Corvin, ein politischer Radikaler, der nach der Revolution von 1848/49 beinahe hingerichtet worden wäre, war kein sanfter Kirchenreformer, der sich von der Aufhebung des Zölibats die Rückkehr zum menschenfreundlichen Glauben Jesu versprochen hätte. Im Pfaffenspiegel erscheint die moralische Verrottung der Religion vielmehr als Beweis ihrer Unhaltbarkeit und Überlebtheit - das gilt für eine ganze polemische Tradition von den Enzyklopädisten der französischen Aufklärung bis zum unersättlichen Kirchenfresser Karlheinz Deschner, dessen Kriminalgeschichte des Christentums mittlerweile den 7. Band und das 14. Jahrhundert erreicht hat.

Unter Historikern ist es umstritten, wie viel die Liederlichkeit des ehelosen, aber nicht besonders keuschen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Klerus zur Reformation beigetragen hat, zu ihren Motiven wie zu ihrer Durchsetzung. Für die Publizistik und Bildpropaganda der lutherischen Seite jedenfalls war das Sittenproblem Gold wert

auf unzähligen Holzschnitten fahren Papst und Klerisei mit ihren Konkubinen zur Hölle. Das Motiv von Untreue und Promiskuität reicht über die moralische Sphäre weit hinaus ins eigentlich Theologische und Heilsgeschichtliche: Luther identifiziert die römische Kirche mit der "Hure Babylon" aus der Offenbarung des Johannes. Und dieses Bild aus dem Neuen Testament greift wiederum zurück auf die Metaphorik und Theologie des Alten, wo der Bund des Volkes Israel mit Jahwe als eine Art eheliche Verpflichtung erscheint und die immer wieder eintretende Bundesvergessenheit, die Abkehr vom wahren Gott hin zu den Götzen, als Ehebruch und Hurerei.

Herkömmlicherweise zielte die Sexualpolemik auf dem Feld der Religion nicht auf das Keuschheitsideal selbst, sondern auf die Unfähigkeit, ihm zu genügen.

Schon bei Luther geht es zwar gegen den Zölibat überhaupt, aber die volle psychologisierende Attacke auf den gesamten Komplex von Askese und Entsagung blieb dem 19. Jahrhundert vorbehalten. Seither gilt nicht erst der missglückte, sondern bereits der geforderte Triebverzicht als verkehrt - selbst schon eine Perversion, die alle weiteren Perversitäten folgerichtig aus sich hervortreibt. "Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken", heißt es bei Nietzsche, in einem Aphorismus aus Jenseits von Gut und Böse, "- er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster." Das ist dann die Standardansicht der Moderne geworden, vom Propagandaminister Goebbels bis zum kritischen Fernsehmagazin.