Für das Ende des Zölibats spricht aber auch ein ganz pragmatischer Grund: Die Kirche findet kaum noch Nachwuchs für das Priesteramt. Der Verzicht auf ein Familienleben ist vielen katholischen Männern ein zu hoher Preis. Einige amerikanische Kardinäle, zum Beispiel Roger Mahoney in Los Angeles, wollen das Ende des Zölibats wenigstens diskutieren. In Rom beißen sie damit auf Granit.

Auch das Geld wird in vielen Diözesen knapp werden. Die Kirche muss mit einer Lawine von Zivilklagen rechnen, und die Kläger werden sich nicht mehr auf stille und preisgünstige Vergleiche einlassen, wenn sie mit empörten Geschworenen rechnen können. Eine Jury in Texas verurteilte unlängst die Diözese von Dallas im Fall eines pädophilen Priesters zu einem Schmerzens- und Strafgeld von 120 Millionen Dollar.

Experten weisen darauf hin, dass sexueller Missbrauch Minderjähriger ein Problem aller Institutionen ist, die mit Jugendlichen arbeiten - Highschools, Sportclubs, Pfadfinder, Kindergärten. Aus Angst vor Gerichtsklagen und einem öffentlichen Skandal vertuschen viele die Verbrechen und vermitteln den Tätern lieber neue Arbeitsplätze. "Passing the trash" heißt das im Jargon der Pädagogen, "den Müll weiterreichen". 

Aber immer mehr Anwälte zielen nun in Zivilverfahren auf die Pfründen der katholischen Kirche. Einer von ihnen, Jeffrey Anderson, hat in den vergangenen Jahren für Missbrauchsopfer insgesamt 60 Millionen Dollar in außergerichtlichen Vergleichen ausgehandelt. Jetzt, da es um das große Geld geht, hat er gegen mehrere Diözesen Klagen wegen "krimineller Verschwörung" eingereicht - auf Grundlage eines Gesetzes, das zur Bekämpfung der Mafia eingeführt wurde.