Die eigentliche Sensation dieser glückhaften Spätsommertage jedoch sind die wiederhergestellten mittelalterlichen Malereien in Langhaus und Chor der gewaltigen Kirche. In der Bombennacht vor Palmarum 1942 hatte das Feuer jahrhundertealte Übertünchungen abplatzen lassen, darunter waren Kalkmalereien aus der Bauzeit sichtbar geworden; frisch restauriert schauen die gotischen Engel und Heiligen nun von ihren hohen Wänden herab.

Eine meisterliche Restaurierung - die Fachwelt ist begeistert

Die Welt blickt auf St. Marien titelt die Presse, Die größten Funde Europas und Lübeck, Kulturzentrum des Mittelalters. Hymnisch feiern auch die Kunsthistoriker das Ereignis, von einer "Fügung" ist die Rede, denn der Brand habe die vom Prunk späterer Zeiten überkrustete "Ruhmeshalle städtischen Patriziats" purgiert, phönixgleich sei "uns erst heute die ursprüngliche, mittelalterliche Raumgestaltung wiedergeschenkt worden", und ein "unerreichtes mittelalterliches Meisterwerk von gewaltiger Zeugniskraft" kröne sie nun. Die im Rot-Grün-Ocker-Dreiklang hoch von der Langhausnordwand leuchtende so genannte Verkündigungsszene mit einem Engel zwischen zwei Pilgern wird zum Motiv für Postkarten und für die beiden Briefmarken der "Wohltätigkeits-Gedenkausgabe 700 Jahre Marienkirche Lübeck", Auflage vier Millionen. Der gefeierte Restaurator Dietrich Fey darf sich vor seinem Bundeskanzler verbeugen, erhält Urkunde und Ehrengabe, soll gar Professor werden. Weiteres Geld aus Bonn steht in Aussicht, die Freilegung alter Malereien soll auf die ganze Kirche ausgedehnt werden. Seinen Gehilfen wirft der von den Elogen Berauschte am Abend des großen Tages ein paar Bier- und Schnapsmarken hin: "Ihr sollt auch nicht leben wie Hunde! Hier, lasst euch volllaufen."

Doch einer von ihnen spielt nicht mehr mit. Es ist der Maler Lothar Malskat. Eine Woche nach seinem 39. Geburtstag macht er reinen Tisch. Am 10. Mai 1952 verlangt der in seiner Künstlerehre gekränkte Mann in einem Brief an Fey Anerkennung für seine Arbeit: Schließlich habe er, Malskat, die bejubelten Fresken neu gemalt - vor allem im Hochchor sei nichts Altes mehr zu retten gewesen. Er fordert Fey auf, diesen "Kulturbetrug" öffentlich einzugestehen, auch informiert er dessen Auftraggeber, den Oberkirchenrat Werner Göbel, später wird er ihn der Komplizenschaft beschuldigen.

Die Herren reagieren nervös. Rasch bildet man eine Kommission, geleitet von dem Vorsitzenden der westdeutschen Denkmalspfleger, Günther Grundmann. Am 4. August 1952 zeigt Malskat den Experten seine heimlich gemachten Fotos von den leeren grauen Putzflächen des Hochchors: "À la Gotik malen - das ist ziemlich einfach."

Restaurator Fey leugnet weiterhin hartnäckig, Landeskonservator Peter Hirschfeld hatte sich von Anfang an distanziert, und der Kunsthistoriker Richard Sedlmaier verliert die Kontenance: "Die fortgesetzten Lügen des Herrn Fey sind eine penetrante Perversität!" Der Kieler Ordinarius hatte eine - bereits viel zitierte - Dissertation, von Johanna Kolbe, angeregt und betreut; jetzt steht auch sein Ruf auf dem Spiel.

Am 10. August wollen die von Malskat früh informierten Lübecker Nachrichten mit einem vorsichtigen Grundsatzartikel "Gerüchten vorbeugen", drucken jedoch in den folgenden Tagen die Leserbriefe der Kontrahenten, und bald darauf titelt der Spiegel: Alles malte Malskat. Der Skandal ist nun in der Welt, doch nichts geschieht, bis Lothar Malskat am 6. Oktober bei der Lübecker Staatsanwaltschaft Strafanzeige erstattet: gegen Dietrich Fey und gegen sich selbst. Knarrend setzt sich die Justizmaschine in Gang, ordnet im Januar 1953 Untersuchungshaft an, wegen "Verdunklungsgefahr infolge der von Malskat ausgehenden irreführenden Informierung der Presse ..."