Nach 15 Monaten Ermittlungsarbeit ist die Anklageschrift auf 160 Seiten angeschwollen, am 10. August 1954 beginnt der Prozess im großen Saal des Atlantiks, einem beliebten Tanzlokal vor dem Lübecker Burgtor. Presse, Fernsehen, Wochenschau, Zuschauer in Massen. Malskat genießt die Szene, er klagt an: "Ich habe mich selbst angezeigt. Und Dietrich Fey und alle seine Hintermänner: den Oberkirchenrat, den Kirchenbaumeister, den Oberbaurat und städtischen Denkmalpfleger, den Stadtbaudirektor und den Museumsdirektor." Auch den Richter und den Staatsanwalt wegen Rechtsbeugung, als sein Befangenheitsantrag nicht durchkommt. Auf professionelle Beobachter wirkt Malskat wie ein "wild um sich beißendes Tier", wie ein Choleriker voll "zerfressener Eifersucht". Sein überwiegend weibliches Publikum - es reagiert so leidenschaftlich, dass es zeitweilig ausgeschlossen wird - verehrt ihn allerdings als großen Verkannten, ganz so, wie er sich selber sieht ...

Zur Verhandlung stehen nur seine 21 Schein-Heiligen im Hochchor, nicht die Malereien im Langhaus (in einer zweiten Prozessrunde geht es dann noch um die Gemäldefälschungen während der Schwarzmarktzeit). Das Landgericht tut sich schwer - Betrug, wo sich kein materiell Geschädigter findet? Gründlicher Gutachteraufwand stellt fest, was Fey bestreitet, der Mitangeklagte Oberkirchenrat Göbel - "Eine Kirche ist kein Museum" - bemäntelt und Malskat unbeirrt behauptet: "Es waren ja nur kahle Wände! Ich bin der Schöpfer des Wunders von St. Marien! Ich, der Maler Lothar Malskat!" Fey leugnet auch Offensichtliches hartnäckig, Göbel verteidigt sich: Er habe den Menschen ihre Illusionen nicht rauben wollen.

Am 25. Januar 1955, nach über sechs Monaten, ergeht das Urteil: "Der Angeklagte Fey wird wegen Betruges in zwei Fällen zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte Malskat wird wegen Betruges zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, unter Anrechnung der erlittenen Untersuchungshaft." Göbel und ein mitangeklagter Malergehilfe werden freigesprochen. Über Malskats Chorheilige heißt es in der Begründung: "Die Bilder sind mit einem sittlichen Makel behaftet und völlig wertlos."

Einmal mehr ist der "nachgeborene gotische Meister" ein Märtyrer: "Vor meinen Heiligenfiguren beteten weltbekannte Experten. Plötzlich waren dieselben Madonnen miserable Erzeugnisse eines ostpreußischen Malergesellen." Währenddessen ringen die Kunsthistoriker mit ihrer historischen Blamage und suchen ihre Seh- und Urteilsschwäche mit dem hohen "Druck des Ortes" zu erklären.

Im September 1955 beschließt der Kirchenvorstand, die Hochchorbilder, die "ein kirchliches Ärgernis darstellten und gottesdienstliches Handeln in St. Marien schwer belasteten", zu entfernen (die Malereien im Langhaus bleiben erhalten). Malskat stimmt zu, aber aus einem ganz anderen Grund. Er will verhindern, dass die Kirche weiterhin Geld mit seiner Arbeit verdient, während er wegen Betruges im Gefängnis sitzt: Allein die innige Verkündigungsszene, so lässt er durch seinen Anwalt ausrichten, habe auf den Briefmarken mit Zuschlag etwa 180 000 Mark eingebracht.

Als er am 31. August 1957 vorzeitig entlassen wird, sind seine Chorheiligen abgewaschen, ist seine Ehe zerbrochen. Für ein halbes Jahr kommt er bei einem Freund unter, dem Komponisten Michael Jary. Lothar Malskat ist nun relativ berühmt. Anfragen auf Kunstfälschungen oder -kopien lehnt er ab, seine Bewährung läuft bis 1962. In Hannover findet er eine Galerie für eigene Arbeiten: starke Farben in der Manier Emil Noldes. Doch mit der Erinnerung an den Skandal verweht auch seine Berühmtheit ... Eine zweite Ehe, ein Selbstmordversuch, zwei Herzinfarkte, 1981 ein Schlaganfall, danach malt er ein letztes Selbstporträt: Ich selbst mit linker Hand.

Ein Freund findet ihn im Februar 1988 tot in seinem Reetdachhäuschen vor den Toren Lübecks, drei Rottweiler waren seine letzten Hausgenossen. Auf dem Burgtorfriedhof liegt Lothar Malskat begraben: "Ihr habt mich zum gotischen Genie gemacht. Nun seht zu, wie ihr eure Phantasiefigur los werdet."