Schuld ist unsere älteste Tochter. Mit 15 Jahren wollte sie nicht mehr auf unsere örtliche High School gehen, sondern auf eine "richtige" Schule. Zum Beispiel auf jene, die imposant auf einem Hügel ruht, wenn man aus Edinburgh Richtung Norden fährt: Inmitten einer großartigen Parklandschaft liegt dort ein neugotisches Schloss mit Türmen, Erkern und Wasserspeiern, das an das Harry-Potter-Internat Hogwarts erinnert. Tatsächlich soll dieses Schloss K. J. Rowlings Vorbild gewesen sein - die Bestsellerautorin wohnte in einem Stadtviertel direkt darunter.

Der Kies in der Auffahrt knarzte unter den Reifen. In der hohen Eingangshalle hingen dunkle Ölporträts früherer Direktoren. Im Direktorenzimmer, einem eichengetäfelten Kleinod, roch es nicht nach Schule, sondern nach Gelehrsamkeit. Gediegen. Wir ließen uns breitschlagen.

Vier Kinder setzen in Großbritannien nur die ganz Armen oder die ganz Reichen in die Welt - die einen aus Gewohnheit, die anderen, weil sie es sich leisten können. Wir können es uns eigentlich nicht leisten, vier Sprösslinge im, wie es heißt, "unabhängigen Sektor" erziehen zu lassen. In Städten geht das noch, dort gibt es fast 2000 private Tagesschulen. In Edinburgh, der Stadt mit der höchsten Privatschuldichte Großbritanniens, verzichtet fast ein Viertel der Eltern - landesweit sind es acht Prozent - auf das, was es vom Staat umsonst gibt. Man trifft hier Taxifahrer, die Geld für die Bildung ihrer Kinder ausgeben. Wenn man wie wir auf dem Land lebt, bleibt nur ein Internat. 17 000 Pfund pro Nase und Jahr, über 27 000 Euro, kostet das in den besten der 550 Boarding-Schools. Jetzt sind wir total abgebrannt.

Russen und Chinesen kommen

Aber die Alternative ist schwer erträglich. Der Staat bietet Schulen, die es als unabänderlich hinnehmen, dass 14- und 15-Jährige im Nachmittagsunterricht ihren Cannabisrausch aus der Mittagspause ausschlafen. Lehrer, die sich nicht mehr wehren, wenn Schülerihnen "Fuck off!" zurufen, sind fast die Norm. Das Staatsschulsystem, gestand die Erziehungsministerin Estelle Morris ein, wird vor allem den 11- bis 14-Jährigen nicht gerecht.

Dass Großbritannien in der Pisa-Studie sehr gut abschnitt, verdankt es zum großen Teil den Privatschulen. St. Andrews, Schottlands älteste Universität, vergab 2001 mehr als die Hälfte der Studienplätze an Privatschulabsolventen. In Oxford und Cambridge sank der Prozentsatz auf knapp unter 50 Prozent - nach massivem Druck der Regierung, mehr Staatsschüler aufzunehmen. Die Eliteuniversitäten führen mit allen Studienplatzbewerbern Interviews. Ein Abitur als generelle Hochschulzugangsberechtigung gibt es nicht.

Auch international hat es sich herumgesprochen, dass es kaum eine bessere Ausbildung als auf britischen Privatschulen gibt. Viele Ausländer kommen, Chinesen und Koreaner, Russen und Bulgaren, Nigerianer, Ghanaer und auch 3000 Deutsche. Die Sunday Times berichtete über den Zustrom aus Deutschland unter der Überschrift Ich bin ein English public school boy.