Wer je auf einem Klassentreffen war, der hat was zu erzählen. Wirklich? Fast alle Heimkehrer von diesen Wiedersehens- oder besser wohl Wiederbelebungsversuchen sind eher trist ernüchtert oder noch trister amüsiert. Und doch und doch: Auf Klassentreffen wie auf Begräbnissen oder Bällen oder Geburtstagsfeiern kann ein Erzähler ein Ensemble von Figuren zum Tableau versammeln, um ihre gemeinsame Gegenwart und Vergangenheit zu erkunden. Aber so rigid und radikal hat kaum jemand diese Chance genutzt wie nun Dorothea Dieckmann, deren Roman uns zehn Stunden und 300 Seiten lang einsperrt in einen einzigen Ort, die Gaststätte Waidmannsruh über einer Stadt irgendwo auf halber Strecke zwischen Hamburg und Freiburg, wo 20 Jahre nach dem Abitur eine Klasse sich noch einmal und wohl zum letzten Mal trifft.

Bekannte Gesichter, trüb und explosiv gemischte Gefühle. Eingefangen in einer Erzählsprache, die Satz um Satz mit nicht nachlassender Energie um höchste Präzision, gnadenlose Schärfe des Blicks und um eine Diagnose dieser Gruppe von Damen & Herren kämpft, allesamt vierzig, hoffnungsvoll immer noch aneinander gebunden, hoffnungslos längst auseinander gedriftet. Ein Zauberberg wird nicht aus diesem Treffen junger alter Gespenster dort oben in Waidmannsruh, eher eine neue, noch trostlosere, destruktivere éducation sentimentale, die Ausnüchterung von über Jahrzehnte gestauten Illusionen, Hoffnungen, Lebenslügen.

Nur ein einziger Fremder, ein dicker, beflissen freundlicher Kellner ist zugelassen in dieser geschlossenen Gesellschaft der dahingealterten Exabiturienten. 16 haben sich versammelt zum Klassentreffen, doch auch die drei Abwesenden sind gespenstisch präsent. Alle unermüdlich taxiert und sortiert von der Ich-Erzählerin Marie, Schriftstellerin natürlich, Großbürger- und Einzelkind, seitdem trotzig und wirr auf der Flucht vor ihrer Herkunft, aus allen frühen Prägungen und einer üblichen Serie von leidlich überstandenen Affären. Sie sieht die Welt durch eine Brille, überscharf, versucht sich auch selbst nicht zu verschonen, sondern rücksichtslos hineinzukopieren in dieses Gruppenbild mit Dame, und macht den Leser zum Komplizen ihres auf Erbärmlichkeiten spezialisierten Scharfblicks.

Bewunderswert der erzähltechnische Aufwand, mit dem Dieckmann alle Handicaps dieses auf die Einheit von Ort und Zeit eingeschworenen Romans angeht und meistert, wie sie anderthalb Dutzend aufflackernde Gesichter und Lebensläufe in Regie nimmt, diese Trieb- und Schicksalsbündel vor die Erzählkamera rückt, ranzoomt, wegschneidet, wieder erfasst, bis sie auch für uns unterscheidbar werden, mit ihren Haartrachten, gestischen Ticks, Redeweisen, Pullovern, Hosenträgern, Seelenschmerzen. Und unaufhörlich glitscht Vergangenheit hinein in diese Gegenwart auf Waidmannsruh, eine Schulzeit zwischen Pausenhof und Eduscho, die Turnstunde, das Kinodunkel, die ersten Kiffereien und Knutschereien. Man wollte immer schon anders sein als die anderen und doch genauso wie sie.

Überlebende Scheintote

Denn sie alle lebten schon damals - das ist so genau kaum je registriert worden in einem anderen Roman aus dieser nahen fernen Zeit, den mittleren und späten siebziger Jahren - lebten vom kulturellen Abfall der nächstälteren Generation, eingesponnen immer noch in eine sekundäre Welt aus Camus, Sergio Leone, Jim Morrison und Verena Stefan, aus I can't get no satisfaction oder Das kann doch nicht alles gewesen sein und She loves you, and you know you should be glad, aus Hasch und Ho Chi Minh. Leben aus zweiter, dritter Hand, doch hautnah nacherlebt, wie ganz echt. Zwischen den schon unerreichbaren 68ern und der nicht einmal ahnbaren Generation Golf ein paar Jahrgänge im Niemandsland.

Das alles ergibt sich kunstvoll wie nebenbei, denn der Roman und seine Erzählerin denken gar nicht daran, ihre Befunde hochzurechnen zu einer Psychosoziologie der kurz vor 1960 geborenen Jungintelligenzija. Beide haften immer nur an den herausgeschnittenen Gesichtern dieser Inas und Renates und Helgas und Hotschis, beobachten neue und alte Paarbildungen und unterscheiden scharf Männer- und Frauenrollen: die einen ewige Junggesellen, ob mit oder ohne Bindung, "softe Machos", die anderen schuftend in Karrieren oder Sozialfürsorge, versackt in Kinderglück, späten Notehen oder entschlossen feministisch. Zwischen allen Optionen, scheinbar in splendid isolation, Marie, eine schöne, zu allem und zu nichts entschlossene Erzählposition.

Splendid isolation? Solange der Roman in wilder Präzision wie auf der Stelle tanzt, in immer neuen Kameraschwenks das Gruppenbild abweidet, kann dieser Eindruck täuschen. Aber immer wieder rückt er eine seit über zwei Jahrzehnten abwesende Person ins Zentrum: Erdmute, die sich rechtzeitig, mit einem spektakulären Selbstmord verabschiedet hat aus ihrer Klasse, der Wirklichkeit und ihrer Generation, damit das Erwachsenwerden und Ende aller Traumtänzerei verweigernd. War sie beispielhaft mutig, konsequent oder nur hochmütig und feige? Es ist diese Frage, die mit den Überlebenden überlebt hat und sie immer noch aneinander bindet, weil keiner auf sie eine Antwort findet. Auch Marie, die Erzählerin, nicht: "Sie war die Erste, die mir gezeigt hat, wie man stirbt."

Denn da ist eine andere, fast abwesende, geistesabwesende Figur, der Schönste, der Unerreichbarste, mit dem die Erzählerin seit 20, 25 Jahren eine Rechnung offen hat: Richard, Objekt einer Liebesprojektion, die er damals nicht einmal wahrgenommen hat, die an ihm spurenlos abgeglitten ist. Das muss wiedergutgemacht, das muss abgegolten und gerächt werden. Es ist diese eigensinnige, fast unglaubwürdige Obsession, die Maries Erzählen und Dieckmanns Roman offenbar in Gang gesetzt hat und ihn über alle seine Beschreibungsorgien hinweg in Spannung hält, die seinen Zeittakt, den immer wieder abgezählten Countdown, von halbzehn bis elf, bis Mitternacht, dann ein und schließlich drei Uhr, auflädt mit Erwartung, bis zum jämmerlichen Finale.

Wir Leser ahnen längst, wenn auch nicht die hoffnungslos kluge Marie, dass diese kranke Liebe und verschleppte Rache ohne Genugtuung und Triumph, dass sie böse enden werden. Doch auf die schmuddelige Orgie zwischen Kloschüssel und Klorolle, mit der Dieckmann ihre Heldin schließlich abstraft, sind wir trotzdem nicht gefasst. Weder die Liebe noch die Rache noch eine zunächst lustvoll betriebene Fellatio gelingen, und Richard, der Schöne, Schlaffe, Unnahbare, wird dabei programmatisch in zwei Teile zerrissen, in einen bewusstlos agierenden Unterleib und einen egoman vor sich hindelirierenden Kopf. Obwohl er wie auch Marie ihre doppelte Hinrichtung überleben.

Sie redet sogar weiter, hängt an den fünften noch einen sechsten Akt, im heraufdämmernden Wintermorgengrauen: "In scharfen, klaren Bruchstücken lag die Wirklichkeit um mich herum." Da bleibt nichts mehr zu kitten, zu träumen. Der Roman inszeniert sein Ende als perfekte Trostlosigkeit. Die verlorene Generation, die er im Gruppenbild porträtiert hat, scheint nicht nur zeitgemäß, sondern fundamental gescheitert: versunken in emotionalen Miseren, ersatzweise trainiert in sexuellen Fertigkeiten, haben sie offenbar alle mit Leib und Seele verspielt.

Das kann doch nicht alles gewesen sein, möchte nun auch der Leser seufzen. Ein lückenlos brillant durchgeschriebener Roman wird nun abgefertigt mit diesem aschgrauen Showdown, der Damen & Herren nur wie Scheintote überleben lässt und die selbstmörderische Erdmute unverhofft rechtfertigt: Das alles, dieses mühsame Erwachsen- und frühe Altwerden, war doch die Mühe kaum wert. Also Vorhang zu und keine Frage offen?

Verwirrenderweise hat Dorothea Dieckmann in diesem Frühjahr auch einen Essay publiziert, einen im Wortsinn fulminanten Text, der also mit Blitz und Donner die literarische Szene erschüttern und erhellen soll. Mit Kafka und einer zur existenziellen Ikone hochstilisierten Bachmann als Kronzeugen wird hier ein emphatischer Anspruch an Literatur fomuliert, der so radikal und hochfahrend nur in der Hochzeit der literarischen Moderne galt: Schreiben als Entwurf einer Gegenwelt aus Sprache, dem Alltag und bloßen Sprechen abgetrotzt durch Sendungsbewusstsein, Martyrium, Selbstopfer. Vorgetragen wird diese asketische Kunstreligion mit einer glanzvoll pamphletischen Wut auf die marktgeile, triviale Verkommenheit gegenwärtiger Schreibkonzepte und Schreibpraktiken.

Man nickt, man staunt, bewundert und bleibt doch verwirrt. Denn Dieckmanns eigener Roman spielt sicher nicht mit in dieser großartig weltverneinenden und zugleich eine Gegenwelt erschließenden Sprachkunst einer längst legendären Avantgarde. Eher in jener menschenfreundlicheren Region, in die sich auch Ingeborg Bachmann zuletzt hineingewagt hat, als sie in ihren Simultan-Geschichten statt von Todesarten von Lebensarten und Überlebenden zu erzählen begann. Ob Dorothea Dieckmann, hätte sie das eingesehen, einen weniger auftrumpfenden Essay und einen schlüssigeren Roman geschrieben hätte? Und doch beweist auch dieser, dass sie unter den übersehenen oder verkannten Autorinnen heute, neben so vielen überschätzten, zu den allerbesten gehört.

Dorothea Dieckmann: Damen & Herren
Roman; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002; 315 S., 19,- €

Sprachversagen
Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2002; 96 S., 12,- €