Wenn Moby auf der Bühne steht, ist ihm mit bloßem Auge kaum zu folgen. Im Takt seiner schnellen Songs wirbelt er vom linken Bühnenrand zum rechten, vom Keyboard ans Schlagzeug und wieder zurück. Nur selten hält er inne und wenn, dann meistens bei einer Gesangseinlage, die vom Band kommt. Dann zieht er sich sein TShirt aus, streicht sich schüchtern über den kahlen Schädel, blickt dankend gen Himmel und reißt seine schmächtigen Arme hoch.

Schwer vorstellbar, dass Moby, der mit bürgerlichem Namen Richard Melville Hall heißt, auf die vierzig zugeht. Schwerer vorstellbar ist nur, dass ein super unscheinbarer Superstar wie er je zur Ruhe kommen wird. Selbst wenn er in einem Sessel sitzt, um ein Interview zu geben, wirkt er noch zappelig, ein manisches Medium. Dieser Streber hat die schnellste Single aller Zeiten produziert - 1015 Beats pro Minute, behauptet das Guinness Buch der Rekorde. Mit jeder hektischen Geste strahlt er aus, dass man im Leben die Augen offen halten muss. Irgendwann kommt deine Chance. Der richtige Ort. Der richtige Zeitpunkt. Dann heißt es hart dranbleiben, aber auch Bodenkontakt halten. Und vor allem: Nie das Gottvertrauen verlieren.

Er selbst hat erfahren, wie es ist, wenn man sucht und schließlich findet. Nach Jahren als Punk, in New-Wave-Bands, als DJ in New York, als Produzent von Speed Metal und dumpfem Rave war es schließlich da, das Erfolgsrezept. Es ist so einfach, dass man sich fragt, warum es noch keine Nachahmer gefunden hat: Man multipliziere die Kälte elektronischer Musik mit der Wärme ererbter Gefühle, füge eine Rhythmusspur hinzu - und erhält als Ergebnis Kitsch, wie er nötigender nicht sein könnte. Moby hat der elektronischen Musik Spiritualität implantiert, wofür ihn die amerikanischen Landsleute verehren. Seinen Auftritt bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City verdankt er dieser Fähigkeit zur elektronischen Stadionhymne. "Wahnsinnig aufregend" fand Moby das Ganze, beklagt aber auch, wie anonym so ein Auftritt sei. Wie sehr man in der Masse verschwinde. So als Mensch.

Während sich beim puren Techno Intimität und Gemeinschaft, die Grenzauflösung von Ich und Anderen nur auf der Tanzfläche einstellt, erzählt Mobys Musik von der neoromantischen Suche nach der Wiederherstellung von Ganzheit. Zwar ist das Gesicht, das er der Maschinenmusik gegeben hat, blass, aber dafür kann sich jeder darin wiederfinden. Gleichzeitig hat er Amerikas Erinnerungen, die musikalischen Wurzeln seines Landes, ausgegraben, den Gospel, den Blues und den Soul; er hat sie emsig technisiert und der Masse zugänglich gemacht. Schon Play, der Vorgänger des aktuellen Albums 18, lebte von diesem Prinzip. Wie ein DJ sampelte Moby die göttlichen Gesänge schwarzer Sänger zu Anfang des 20. Jahrhunderts und schnitt sie zu eingängig liturgischen Songs. Etwas brutal ist das manchmal schon: Moby reißt den Höhepunkt eines Refrains aus dem Song. Er sucht sich die sehnsüchtigsten Blue Notes aus der Ruf-und-Antwort-Struktur, die verzückteste Stelle aus der sich steigernden Erregung eines Gospels. Das Gefundene vervielfältigt er und bindet Schleifen daraus.

Wie fleißig geklont und beschleunigt sie auch diesmal wieder sind, diese kleinen Melodien! Wie hübsch eingewickelt in sentimentale Streichersätze und Pianopassagen! Bloß dass Moby auf 18 (Mute/EMI) vor allem den Soul der sechziger und siebziger Jahre geschröpft hat. Es spielt keine Rolle, dass nebenbei noch Sinéad O'Conor, Angie Stone oder die Sängerinnen des griechischen Duos Azure Ray singen, es ist auch egal, worüber sie singen; dass sie anders als sonst sogar vollständige Songs vortragen. Wie sie singen: Darauf kommt es an. Dass sie für einen wie Moby ihre Seele nach außen stülpen. Und wenn er einmal selbst die Stimme erhebt: dieses fatale Vibrieren darin! Diese naturidentische Instant-Religiosität, diese Kraft, die einem ein offenkundig amerikanischer Gott schenkt, um über das Leid der Welt hinwegzukommen ... Jammer, das ist bei Moby vor allem die Vorlust auf Katharsis, übertroffen in ihrer Kraft bloß noch vom Mut zum Klischee.

Unter Kennern wird ihm vorgeworfen, er drehe nur fremde Locken auf seiner Glatze. Das allerdings gilt generell für das Kulturrecycling des Pop, und in Mobys Variante kommt es einer amerikanischen Sehnsucht entgegen. Hier, wo jeder Manager nach der Schicht meditiert und fastet, wo Falun Gong und Feng Shui immer schicker werden und Fernsehpfarrer Kultstatus erreichen, kommt es gut an, dass er auf seiner Homepage die Botschaft vom friedliebenden und fleischfreien Dasein verkündet. Moby, der Asket: Wie er in seinem bescheidenen New Yorker Loft davon erzählt, dass er keine Zeit zum Geldausgeben hat und keine Lust auf ein wildes Musikerleben - das gefällt in einem Land, in dem viele wenig gemeinsam haben und man sich deshalb mindestens auf Fleiß einigen muss, die ehrliche, harte Arbeit, die einen überall hinbringen kann. Und die man nur erträgt, wenn man sie transzendiert.

Moby selbst war es, der in einem Interview das Geheimnis seiner Beliebtheit preisgab. Entstanden sei das jüngste Album vor dem 11. September, dass es danach noch funktioniert, habe bewiesen, wie warm, wie tief, wie tröstend es sei. Tröstend wie sonst in Gottes eigenem Land bloß die Nationalhymne, ein Gitarrenriff von Bruce Springsteen oder der New Soul von Künstlern wie Mary J. Blige. Man liegt nicht falsch, wenn man Mobys Songs als ekstatische, mit der schwarzen Kunst der Auflösung paktierende Hymnen an das weiße, puritanische Arbeitsethos versteht. Das macht ihn konsensfähig über die USA hinaus: Ein Album wie 18 gefällt jedem, der arbeiten muss und abends nicht noch Avantgarde haben will. Oder sogar Rebellion. Bloß für Moby, das Arbeitstier, ist dieser Erfolg kein Grund, sich auszuruhen. Seelenmusik ist ihm Stress, melodiöse und religiöse Bedürfnisbefriedigung eine Pflicht, die es abzuleisten gilt.