Ein Zufall soll es gewesen sein. Während des Putsches gegen Präsident Gorbatschow im August 1991 lief er als Journalist durch das Weiße Haus in Moskau, erinnert sich Dimitrij Rogosin. Im Getümmel traf er auf den früheren Außenminister Eduard Schewardnadse und folgte ihm. "Weil ich 1,90 Meter groß bin, hielt man mich für seinen Leibwächter und ließ mich durch", erzählt er.

Bis aufs Podium ans Mikrofon gelangte Rogosin, wo er spontan und unter Beifall eine Rede gegen die Putschisten und für den Erhalt der Sowjetunion hielt. Der zielstrebige Machtmensch schmückt sich seitdem mit dieser Anekdote über seine Erweckung zum Politiker. Sein Image kann einen sympathischen Schimmer vertragen.

Denn Rogosin hat sich den Ruf eines Chauvinisten erworben: ein Bodyguard der nationalen Interessen Russlands. Der 38-Jährige, heute Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses in der Duma, ist ein typischer Exfunktionär des Komsomolz: umtriebig, parkettsicher und mit einem Jungengesicht gesegnet, dessen offene Züge sich schnell zur Unerbittlichkeit anspannen können. Seine Ideologie fußt auf dem eigenen Fortkommen und der Größe Russlands. "Es schmerzt das Herz", sagt er, "wenn unser Land als Fußabtreter gedemütigt wird."

Die Sehnsucht Rogosins nach der Supermacht teilen besonders die unter 40-Jährigen im politischen Establishment, wie eine Umfrage im letzten Jahr zeigte. Viele Vertreter der Elite scheuen den realistischen Blick auf die Überlegenheit Amerikas und malen sich das romantische Nebelbild einer eurasischen Achse mit China und Indien. Rogosin übersetzt ihre antiwestlichen Reflexe in Worte.

Den Beitritt Russlands zum Europarat bezeichnete er als "Dummheit" und schalt die Abgeordneten der Parlamentarischen Versammlung in Straßburg "politische Clowns und Zwerge". Besonders kränkt Rogosin, dass Berichterstatter untersuchen, ob Russland seine Verpflichtungen gegenüber dem Europarat eingehalten hat. "Sie schreiten mit dem Stock durch den Schulraum, dreschen auf uns ein und sagen, wir hätten unsere Hausaufgaben wieder nicht gemacht."

Einmal in Fahrt, verhöhnt Rogosin die Nato als marginalisierte Organisation und warnt vor Kulanz gegenüber den USA: "Kommen wir denen nur einen Millimeter entgegen, verlangen die von uns auch Zugeständnisse in Sachen Tschetschenien, Pressefreiheit und ähnlichen Unfug." Der frühere Handballer und Siebenmeterspezialist bevorzugt in der Politik den ungezielten Wurf. Nach der Disqualifizierung einer russischen Skiläuferin bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City beklagte er die "Fähigkeit der USA, unehrliche Spiele zu organisieren". Trotzig fügte er hinzu: "Uns wird man nie lieben."

Rogosins Ausfälle sind Menetekel für den russischen Präsidenten. Wladimir Putin traf eine riskante Entscheidung, als er sich im Herbst vergangenen Jahres der Antiterrorkoalition unter amerikanischer Führung anschloss. Knapp zwei Wochen nach den Anschlägen in New York und Washington hatte Putin 21 Vertreter der beiden Parlamentskammern und des Staatsrates in den Kreml gebeten. Er fragte die politische Crème des Landes, wie er reagieren solle.