Wer es heutzutage unternimmt, eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert zu schreiben, trifft auf eine lebhafte Konkurrenz. Man muss daher schon seinen eigenen Weg gehen, um mit einem unorthodoxen, eine komplexe Verlaufsgeschichte überzeugender als bisher erfassenden Ansatz im Vergleich bestehen oder die Vorgänger sogar übertreffen zu können. Daher verblüfft es, dass sich der Berliner Historiker Henning Köhler in seiner Jahrhundertgeschichte Deutschlands für die konventionellste aller Möglichkeiten, für eine narrative, streng chronologisch orientierte Politikgeschichte entschieden hat. Da seine Interpretation, gewidmet "in Freundschaft" Wolf Jobst Siedler, der einen begeisterten Klappentext beigesteuert hat, auch keinem klaren Strukturierungskonzept folgt, sondern sich von einer durch politische Zäsuren markierten Epoche zur nächsten voranbewegt, ist das Projekt von Anfang an dem Einwand des methodischen Anachronismus ausgesetzt.

Diesen Autor treibt offensichtlich keine Neugier voran: Was die Wirtschaftsgeschichte, die Sozialgeschichte, die "neue Kulturgeschichte" ihm zu bieten haben, um komplizierte Probleme genauer identifizieren, erschließen und erklären zu helfen, kümmert ihn nicht. Aber auch seine Politikgeschichte beschränkt sich auf eine Höhenkammwanderung, kommt bar jeden analytischen Interesses daher, verzichtet mithin auf jede theoretisch geschärfte Begrifflichkeit und vermag daher auch keine Analyse mit attraktiver Erklärungskraft zu entwickeln.

Als ob er den matten Gang seiner Erzählung gespürt hätte, sucht der Verfasser das Defizit durch eine geradezu cholerische Bekenntnisfreude beim Fällen schroffer Werturteile wettzumachen. Deshalb wechselt er öfters zwischen selbstzufrieden daherdümpelnder Berichterstattung und heftiger Belehrung vom hohen Kothurn des besser wissenden Präzeptors Germaniae. Nur selten lässt er sich bei einem kontroversen Sachverhalt die Chance entgehen, sein Fehlurteil zuzuspitzen. Insofern ist diese Geschichte Deutschlands "auf dem Weg zu sich selbst" trotz aller anderen Syntheseversuche tatsächlich das Unikat eines genuinen Lückenfüllers: Bisher hat es eine Darstellung mit einem derart unverhüllten Drang zum reaktionären Verdikt noch nicht gegeben.

Diese Eigenart lässt sich jeweils an einigen Beispielen aus den behandelten Epochen illustrieren. Die politische Struktur des Kaiserreichs als "halbkonstitutionell oder halbabsolutistisch zu denunzieren" gehe nicht an, behauptet der Autor, obwohl sich diese Charakterisierung angesichts der parlamentsautonomen Domäne des Militärs und der fehlenden Parlamentarisierung nicht wenigen Historikern geradezu aufgedrängt hat. Über die Parteien - den Aufstieg und Niedergang des Liberalismus, den Konservativismus, das katholische Zentrum - vernimmt man nichts, nur die "staatsfeindliche Bewegung" der SPD, die man "heute ... extremistisch" nennen würde, wird beklagt. Hätte man etwa das Sozialistengesetz bis 1914 verlängern sollen?

Warum ist bloß die Sozialdemokratie von einer Vielzahl politischer Köpfe seit den 1890er Jahren als konstitutionelle Oppositionspartei par excellence betrachtet worden?

Hass auf Sebastian Haffner

Die Kritik an den Machteliten hält Köhler für verfehlt: Sie verkörpere nur den Erfolg alliierter und "sozialdemokratischer Propaganda mit Langzeitwirkung". Schon der Begriff der "Junkerherrschaft" sei "marxistisch getönt". Natürlich sind auch die Agrarsubventionen für den ostelbischen Großgrundbesitz "unumgänglich". Die informelle sammlungspolitische Allianz zwischen Großwirtschaft und Großlandwirtschaft wird als "Fiktion" enthüllt.