Als Burkhard Hirsch verspätet ins Hotel Adlon eilte, kurz bevor es dort zum Eklat zwischen Paul Spiegel und Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Vertretern der FDP über den Antisemitismus in deren Reihen kam, drückte ihm ein CDU-Politiker aus dem Südwesten rasch seine Visitenkarte in die Hand. Jürgen Möllemann habe völlig Recht, solle er nur wissen, manches dürfe man in Deutschland leider nicht sagen.

Gesagt hatte Möllemann gegenüber der taz im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt, er würde sich "auch wehren, und zwar mit Gewalt". Und weiter: "Ich bin Fallschirmjäger-Offizier der Reserve. Es wäre dann meine Aufgabe, mich zu wehren. Und ich würde das nicht nur im eigenen Land tun, sondern auch im Land des Aggressors." Gesagt hatte Möllemann schließlich auch noch, mit seiner "intoleranten, gehässigen Art" sei Friedman selbst mitverantwortlich für den Antisemitismus.

Wen man derzeit auch spricht in der FDP, an Möllemann bleibt kein gutes Haar. Schon gar nicht, seit sich herausstellte, dass er mithilfe eines Fraktionsangestellten, der wiederum FDP-Kreisvorsitzender in Recklinghausen ist, die Aufnahme des früheren Grünen-Abgeordneten Dschamal Karsli in die Partei hinter den Kulissen forciert hatte. Andererseits sprach Burkhard Hirsch vielen seiner Parteifreunde aus der Seele, als er dringend warnte, die FDP mit Möllemann gleichzusetzen. Ein Vermächtnis steht auf dem Spiel.

Den Stein hatte Hildegard Hamm-Brücher ins Rollen gebracht, als sie vor 14 Tagen brieflich androhte, aus der Partei auszutreten, falls Karsli tatsächlich in der FDP-Landtagsfraktion bleiben dürfe und Mitglied ihrer Partei werde - trotz Äußerungen wie der, die "Machenschaften von Scharon" sollten als "Nazi-Methoden einer rücksichtslosen Militärmacht" entlarvt werden, und die Deutschen sollten die "moralische Lähmung durch das Verbrechen des Holocaust" im aufrechten Gang an der Seite der Palästinenser überwinden. Karsli hatte obendrein noch gesagt, die "zionistische Lobby" habe "den größten Teil der Medienmacht in der Welt inne" und kriege die bedeutendsten Persönlichkeiten klein.

Es gehe nicht um "die" FDP, sagen auch andere Liberale und versuchen so, den Schaden zu begrenzen. Ganz generell mache sich doch eine neue Unbefangenheit breit. "Es walsert", sagt Hirsch. Er habe die Leute mit den gelben Sternen noch gesehen. Aber die Generation von heute? Er erinnert sich auch an seinen Patenonkel. Er war als hoch dekorierter Jagdflieger aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause gekommen und sollte sich nun, 1940, an einer Sammelstelle zum Abtransport melden, da er Jude war. Er habe seine Orden zusammengesucht, "sie an das Holzbein genagelt, es abgeschickt an die Behörden und sich das Leben genommen".

Kritik vom Schutzpatron

"Das ist kein Neofaschismus, das ist die Berliner Republik", grübelt einer am anderen Ende der Telefonleitung. "Dieses Demonstrative: Wir sind ein normales Land!" Und die FDP? Selbst Wolfgang Gerhardt gesteht offen, Jürgen Möllemann habe der Partei "schweren Schaden zugefügt". "Schnellstens und eindeutig" müsse der Fall Karsli bereinigt werden. Sogar Möllemanns ewiger Schutzpatron Hans-Dietrich Genscher reihte sich sehr spät, aber eindeutig in die Front der Kritiker ein. Mindestens, so überlegen manche als Ausweg, müsse Karsli erklären, er werde weder das Mandat noch die Parteimitgliedschaft aktiv wahrnehmen.