Wer in ein Flugzeug steigt, ist selbst schuld. Das kann eine banale Feststellung sein oder ein existenzielles Axiom. Hat man sich einmal entschieden, ein Flughafengebäude zu betreten, darf man alle Hoffnung fahren lassen. Doch - es bleibt verführerisch. Diese sachlichen, beruhigenden weiblichen Lautsprecherstimmen, die selbst den Weltuntergang als kurzfristige Verspätung entschuldigen würden, die einlullende, einladende Stewardess-Gestik, diese Sirenen des Komm-mit-uns: "Willkommen in der wunderbaren Welt des internationalen Flugverkehrs."

Crashing Aeroplanes, ein Hörspiel von Andreas Ammer und FM Einheit, könnte - der Titel verrät's - das Gegenmodell entwickeln und vermittelt doch beides: Magie und Schrecken. Fünfzig Minuten treiben wir auf einem akustischen Laufband aus Geräuschen, Musik und Stimmen, aus Fluganweisungen, Abstürzen und Dialogen aus dem Voice-Recorder, eine großartige gleichmütige Collage von Originaltönen, das Deutsche dient vor allem der Orientierung. Man sollte es vielleicht vorausschicken: Das Hörspiel wurde bereits im Juni 2001 gesendet, bekam jetzt den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden, die Veröffentlichung als CD war für den letzten September geplant und wurde verschoben - aus gegebenem Anlass. Die wunderbare Welt der Sprachschablonen und des Euphemismus - auch das wäre ein denkbares Motto der Abstürzenden Flugzeuge. "Wir haben ein Problem mit ...", erklärt der Pilot, bevor Jet 592 mit 109 Menschen in den Sümpfen der Everglades verschwindet. "Keine Bange, keine Bange, regen Sie sich nicht auf", sind die letzten Worte des Kapitäns, als die Maschine am Berg Osutaka zerschellt. "Der Voice-Recorder übersteht - anders als Piloten - jeden Flugzeugabsturz", erläutert die freundliche Stimme. Vielleicht ist es das Schreckliche und zugleich Beruhigende dieses Hörspiels: Mit welcher Sachlichkeit und Konsequenz Realität als Sprache überlebt.

Das Beiheft zur CD zeigt, was jeder kennt: Anweisungen für richtiges Verhalten im Falle eines "Problems". Isoliert erscheinen die comichaften Bilder wie zynische Kommentare zur Hilflosigkeit angesichts des Infernos, erinnern an jene Aktentaschen, die man sich beim Atomwaffenangriff zum Schutz über der Kopf halten sollte: Alltagsverstand gegen das Unfassbare. Soll man sich so sein Ende denken? Weit nach vorne gebeugt, die Hände umfassen die Knöchel der Füße, der Kopf liegt zwischen den Knien - entspannt in den kollektiven Tod? Oder die erotische Variante? Versonnen bläst die Stewardess die Schwimmweste auf, der männliche Passagier blinzelt trotz Sauerstoffmaske zur Seite, ein anderer kriecht in Hundestellung auf dem Boden entlang der Leuchtlinie. Ein Hauch von Masochismus umweht das Fliegen ohnehin, dieses Angeschnallte, Klaustrophobische, hilflos braun gebrannten Flugkapitänen ausgeliefert zu sein, Essrationen zu akzeptieren, die man freiwillig nie bestellen würde. Der bildhafte Sprung aus dem Flugzeug hat da beinahe etwas Befreiendes: Fröhlich hüpft das Paar synchron ins Leere - Exit.

Der Autor Andreas Ammer und der Musiker FM Einheit (ehemals Einstürzende Neubauten) haben - nach ihrem ausgezeichneten Apocalypse Live von 1995 - mit ihrer neuesten Zusammenarbeit wieder jene Verbindung aus Musik, Nachrichten und Reportage verwirklicht, die sie seit 1990 als "Soundpoetry" anstreben.

Diesmal im Sog einer Musik, die dem Minimalismus und dem Techno so viel verdankt wie der Ambient Music, voller Variationen, Wiederholungen und Stimm-Melodien. Das zieht sich vom brennenden Zeppelin in Lakehurst über den Absturz des Jets 592 in den Everglades, der Katastrophe in Amsterdam über den Aufprall am japanischen Mount Osutaka bis zur Explosion über dem schottischen Lockerbie. "Angeschnallte Leichen" fallen aus dem zerbrochenen Jet auf die Stadt herab oder - mit der Stimme der biblischen Plage: "Vom Himmel hoch werden sie kommen. Heute wird es Menschen regnen."

Und doch präsentieren sie kein Horrorszenario. Die brechende Stimme des Radioreporters von Lakehurst - "Ich kann kaum reden, es ist so schrecklich ..." - bleibt die Ausnahme. Die Sachlichkeit gegenüber dem Nichterzählbaren hat gesiegt: "Check - check - okay." Selbst die letzten Worte vom Voice-Recorder könnten einem Film entspringen. Pilot: "Scheiß drauf, bringen wir's hinter uns!" Kopilot: "Wir sind tot." Beruhigend endet das Hörspiel: in der Gepäckhalle, dort, wo wir alle wie neugeboren und voller Urvertrauen wieder einmal der fliegenden Fruchtblase entkommen sind.

Ammer/Einheit: Crashing Aeroplanes
Hörsturz booksound / FM 4.5.1. 1 CD, 51 Min., 18,90 €, ISBN 3-934847-60-9