Der Donnerstag unterscheidet sich nicht von den Tagen zuvor: Zu fünft sind wir schon seit Sonntag hier. Tagsüber gibt es Bühnenproben, danach Pressekonferenzen mit den Interpreten. Abends geht es dann auf den Empfang eines der vielen teilnehmenden Länder; den beim Bürgermeister haben wir schon hinter uns, und auch beim deutschen Botschafter waren wir.

Freitag gibt es die erste Generalprobe vor Publikum. Da sind die Eintrittskarten erschwinglich - im Vergleich zu morgen. Dieses Jahr wurden sie nämlich im Internet versteigert, und das Mindestgebot lag bei 230 Euro. Trotzdem sind alle Karten weg. Alles läuft wie beim Finale. Auch die Schaltungen in die einzelnen Länder werden mit einer Dummy-Wertung geprobt. Man will sich schließlich nicht blamieren, wenn ganz Europa zuschaut. Für Spontaneität ist da kein Platz, selbst die Gags der Moderatoren sind einstudiert.

Dann kommt der Samstag , der große Tag! Ein echter Fan fiebert ihm das ganze Jahr entgegen. Die Atmosphäre selbst in der Halle zu erleben, das ist nicht zu übertreffen. Nach einem Warm-up fürs Publikum geht es los. Die drei Stunden rauschen so an einem vorbei - man klatscht mit, man singt mit, leise natürlich, manchmal auch laut. Klar drückt man Deutschland die Daumen, doch es ist nicht so, dass Deutschland gewinnen muss. Corinna May gefällt mir sehr gut, vor allem live mit ihrer Wahnsinnsstimme. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie gewinnt - auch wenn sie den gleichen Startplatz hat wie einst Nicole. Mir liegt der französische Beitrag Il faut du temps mehr; ich mag solche Balladen. Vielleicht schafft es aber ein Land, mit dem niemand rechnet: Belgien etwa mit seinem Tom-Jones-Verschnitt. Mein Geschmack ist das nicht. Kommt dann die Wertung, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Das ist das Ritual überhaupt. L'Allemagne douze points, Germany twelve points - wenn alles aufspringt, da bleibt keiner sitzen. Die Spannung steigt mit jedem Durchgang. Und dann singt der Sieger noch einmal sein Lied! Wie gut, dass man das auf der Aftershowparty bis früh in den Sonntag morgen feiern kann. Müde, aber überglücklich werde ich im Hotel versuchen, noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Viel wird es nicht sein, gegen Mittag ist schon der Abflug, erst abends bin ich zu Hause.

Montag früh in der Praxis werden mich wohl einige Patienten darauf ansprechen, dass sie mich im Fernsehen gesehen haben. Ich gab einige Interviews. Dabei muss man immer aufpassen, nicht zu sehr in die Herz-Schmerz-Ecke gedrängt zu werden. Schlager - das hören wir gar nicht gern. Das sind Popsongs, die es auch in die Charts schaffen könnten, wenn sie nur entsprechend promotet würden. Schade, dass sie nicht mehr in den Landessprachen gesungen werden.

Am Dienstag sehen wir uns auf Video an, wie der Contest im Fernsehen rüberkam. Peter Urban kommentiert das sehr gut. Früher gab es da Moderatoren, die, wie zum Beispiel Thomas Gottschalk 1989, in die Lieder reinsprachen. Das ist für uns eine Todsünde!

Mittwoch heißt es, die Eindrücke aus Tallinn für unsere Mitgliederzeitschrift T.O.M. - Top of Music in Europe zu Papier zu bringen. Gut, dass wir schon in Estland jeden Tag über alles berichten, was die Fans zu Hause brennend interessiert. Sie konnten die ganze Woche alles auf www.ecgermany.de verfolgen. Einmal im Jahr gibt es ein großes Treffen, zu dem mindestens die Hälfte unserer 400 Mitglieder kommt. Ein tolles Bühnenprogramm haben wir da, es gibt einen Stargast und einen Karaoke-Wettbewerb. Jeder soll doch einmal auf der Bühne stehen.