Elf Jahre nach dem ersungenen Befreiungsschlag findet hier der Grand Prix Eurovision statt, mit Corinna May, Ralph Siegel, Europas Schlagerszene, so haut man dem russischen Sozialismus noch nachträglich eins auf die Ohren. Sich selbst zwar auch, finden die meisten Esten, die Musik sei so schlecht, dabei mit zu trällern peinlich, aber für das Land sei es sicherlich toll, weil die halbe Welt ja auf ihre geputzte Hauptstadt gucke. Sogar Saku,der größte Bierbrauer des Landes, geriet aus dem Häuschen und spendierte dem freudigen Ereignis eine riesige Halle, weshalb die Sangesarena nun Saku Suurhall heißt, also sinngemäß Große Bierhalle.

Da wird man neugierig: Was ist das für eine Stadt, die so was mitmacht? Wie leben ihre Menschen, wie sieht es dort aus, riecht, schmeckt es? Ein paar Fakten vorweg: In Tallinn wohnen 399 852 Menschen, ein Drittel aller Esten; die Stadt ist 158 Quadratkilometer groß, wurde im 12. Jahrhundert das erste Mal erwähnt; Hafenstadt, Hansestadt, Handelsplatz von alters her; es gibt aberhundert Chöre; Tallinn kommt von taani linn, was »dänische Stadt« bedeutet und auf ewig daran erinnert: Die Dänen waren die ersten Eroberer hier. Finnlands Hauptstadt Helsinki liegt nur 80 Kilometer entfernt; Estnisch und Finnisch sind verwandte Sprachen, man versteht sich. Bis auf manchmal. Sagt der Este: »Die Zimmer sind geputzt«, versteht der Finne: »Die Leichen sind geschmückt.«

Nun zu den Menschen und ihrer Stadt.

Am Abend steht Madis Kolk auf dem Theaterplatz von Tallinn, dem Teatri väljak, hinter sich das Opernhaus, er zeigt mit seiner rechten Hand geradeaus, in diesen Fünfziger-sechziger-siebziger-Jahre-Architekturwirrwarr der Neustadt, atmet tief ein und sagt: »Das ist das Weiße Haus, Kaderschmiede zur Sowjetzeit, heute unser Außenministerium« - leichte Rechtsdrehung -, »Das war das Offizierskasino, jetzt ist es ein Theater« - leichte Rechtsdrehung -, »Das ist das beste Gymnasium von Tallinn, und das Denkmal dort steht für die gefallenen Schüler während des Befreiungskampfs.« Er hält kurz inne, richtet seinen Zeigefinger auf einen wankenden Mann mit lustigem Blümchenhut und sagt: »Das ist der letzte Hippie von Tallinn. Ein Rockmusiker.« Zu erwähnen ist, dass in Tallinn nicht nur jeder Zentimeter Stadt irgendeine Geschichte erzählt, sondern einem auf jedem Zentimeter auch ein Maler, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, auf jeden Fall irgendein Künstler begegnet. Madis Kolk kennt jeden. Und jeder kennt ihn.

Herr Kolk ist Pianist; er hat das Klavierspiel studiert, in Tallinn und Moskau, er hat mit vielen Orchestern gespielt, in Estland, Russland, der Ukraine. Er war der künstlerische Leiter des estnischen Staatskonzerts, jetzt sein Produzent; er hat gemeinsam mit dem Komponisten Erkki-Sven Tüür das Internationale Neue Musikfestival gegründet, das estnische Kulturereignis schlechthin. Herr Kolk ist 49 Jahre alt. Wenn man von ihm etwas lernen kann über Tallinn und Estland, dann, dass es früher schlimm war, als die Russen das Sagen hatten, »finstere Zeiten«, und dass man nun, seit sie weg sind, frei atmen kann. Er zeigt auf einen Mann, hoch gewachsen, graue Haare, Anfang 70, sagt: »Das ist Eino Tamberg, unser großer Komponist. Gehen wir in den Konzertsaal, hören wir seine Musik.«

Herr Präsident schließt die Augen

Im Saal riecht es nach DDR, nach Staub, Essen und süßem Parfum, die Damen haben sich fein gemacht, Perlenkette, Goldohrringe, die Haare hochgesteckt. Von der Decke blickt sozialistischer Realismus, in Öl gemalt, russische Soldaten streicheln blonde Kinderköpfe, schauen Bauern beim Ernten zu, was Soldaten eben tun. Vorne, auf der Bühne, singen sie unter gewaltigen Schleiern, die Musik erinnert an die elegischen Klänge Arvo Pärts. Für Madis Kolk eine klare Botschaft: »Diese Kreaturen dort, das sind wir, die Esten von einst, verloren und einsam, geheimnisvolle Wesen im Niemandsland.« Etwas lauter spricht er in die Musik hinein: »Wir wünschen uns ja nichts sehnlicher, als eine normale europäische Gesellschaft zu werden. Doch vom Westen trennen uns noch immer unsere Fehler, Unzulänglichkeiten, die Armut, die Arbeitslosigkeit.« Räuspert sich und blickt etwas verlegen nach rechts. Vier Plätze weiter sitzt Staatspräsident Arnold Rüütel, neben ihm seine Frau und die beiden pummeligen Töchter, die vornehm ihre Münder spitzen, wenn man guckt. Herr Präsident hält sich verbissen an seinem Programmheft fest, hin und wieder schließt er die Augen.