"Haben Sie die Schweinerei im zweiten Stock Vorderhaus gesehen? Das war bestimmt wieder dieser lange Lulatsch!", sagt Frau Samft dann etwa.

"Der ist doch gar nicht so groß", erwidere ich unwillig.

"Das ist doch egal. Aber er war's", beharrt Frau Samft.

Frau Samft ist so versteift, dass sie kaum den Kopf drehen kann. Sie war auch schon seit zehn Jahren nicht mehr im Vorderhaus, geschweige denn im zweiten Stock dort. Möglicherweise hat sie den "langen Lulatsch" noch nie gesehen. Alles, was sie weiß, weiß sie aus Erzählungen der Leute.

Manchmal habe ich den Eindruck, es könne nichts in unserem Haus geschehen, ohne dass Frau Samft mit Lichtgeschwindigkeit davon erfahren würde. Man kann sie zu jedem beliebigen Gegenstand oder Menschen befragen - immer wird man eine fantastische Antwort von ihr erhalten. Mit anderen Worten, Frau Samft ist wie Google.

Wenn ich wissen will, ob diese scharfe Blonde mit dem spanischen Namen aus dem dritten Stock jetzt schon geschieden ist, frage ich Frau Samft. Oder Google. Jede Scheidung, jede Geburt, jeder Todesfall - alles da. Man muss sich nur dafür interessieren.

Nur was sie über einen selbst zu sagen weiß, kann man Frau Samft schlecht fragen. Das wiederum funktioniert nicht nur bestens bei Google, es ist sogar das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieser Suchmaschine: Laut Statistik suchen die User von Google zu über fünfzig Prozent nur nach sich selbst. Ein wenig ist die Benutzung von Google wie das Aufsuchen einer öffentlichen Toilette - etwas, was man andauernd tut und worüber man nur selten spricht.