Der indische Premier ist zäh. Er laviert lange, doch er scheut vor harten Entscheidungen nicht zurück. Die Weltmeinung kümmert ihn wenig. Er hat keine Rücksicht auf sie genommen, als er vor vier Jahren Indiens erste Atombombe zünden ließ. Er wird auch jetzt keine Rücksicht darauf nehmen, falls er es für opportun oder für unumgänglich halten sollte, den Nachbarn Pakistan wegen dessen Unterstützung für die Separatisten in Kaschmir mit Krieg zu überziehen.

Ein Draufgänger und Dreinschläger ist der 75-Jährige nicht, eher ein Zauderer, aber der studierte Jurist und Politologe hat gelernt, sich durchzusetzen. In die Politik geriet der Lehrersohn während des indischen Freiheitskampfes gegen die Briten, die ihn 1942 wegen Agitation einsperrten. Er wurde Journalist, Chefredakteur orthodox-hinduistischer Zeitungen, 1956 Gründer der nationalistischen Jana Sangh, 1957 Abgeordneter im Unterhaus. Früh machte er Front gegen die ewig regierende Kongressspartei und wurde von Indira Gandhi Mitte der siebziger Jahre hinter Schloss und Riegel gesetzt. Nach seiner Entlassung schloss er sich dem oppositionellen Wahlbündnis der Janata an, die 1977 den Kongress aus dem Amt fegte. Zwei Jahre lang war er Außenminister, fand sich aber bald wieder in der Opposition. Als Chef der Bharatiya-Janata-Partei (BJP) tat er nichts, um den scharfmacherischen Hindutva-Ideologen in den Arm zu fallen, die den Vorrang der Hindus gegenüber allen anderen Religionsgemeinschaften propagierten, zumal gegenüber der großen Minderheit der 120 Millionen Muslime und der kleinen Minderheit der Christen. Die Option auf den Besitz von Kernwaffen wollte er sich schon immer offen halten. Im Jahre 1996 wurde er zum ersten Mal Ministerpräsident, allerdings nur für 14 Tage. Erst 1998 gelang es ihm, mit einer Koalition von 17 Parteien die Regierung zu bilden.

Atal Vajpayee gilt in seinem Lande als Gemäßigter, als Liberaler, als weltoffener Geist. Er kann ein mitreißender Redner sein. Bücher schreibt er und verfasst Gedichte. Sein Hindi, blumenreich und poetisch, wird weithin bewundert. Und er ist von Haus aus kein Eisenfresser.

Die Generäle drängen

Das Verhältnis seines Landes zu dem anderen Erben des britischen "Raj", zu Pakistan, hat Vajpayee besten Willens und ehrlichen Herzens auf eine neue Basis der Verträglichkeit zu stellen versucht. Drei Kriege seit der Unabhängigkeit im Jahre 1947, zwei davon um das geteilte Kaschmir - das genügte seiner Ansicht nach. Also fuhr er im Bus nach Lahore, um mit dem pakistanischen Staatschef Muscharraf einen Aussöhnungsprozess anzubahnen - kurz danach brach der pakistanische Geheimdienst die blutige Kargil-Krise vom Zaun. Unverdrossen unternahm Vajpayee zwei Jahre später einen neuen Anlauf und lud Muscharraf nach Agra ein. Wiederum war die Mühe vergebens.

Am 13. Dezember vorigen Jahres drang ein Stoßtrupp von fünf muslimischen Fundamentalisten ins Parlament in Delhi ein und brachte neun Menschen um. Und dann kam vorige Woche der Terrorangriff auf einen Bus, danach auf eine Kaserne in Kaluchak nahe Jammu. Die Anschläge sind nach indischer Überzeugung von pakistanischen Stellen verübt, wenn nicht gar geplant und unterstützt worden.

Ist das Maß nun voll? Kommt es zum Krieg - dem ersten Krieg zwischen zwei Atommächten?