Das Seminar für Kritische Theorie an der University of Illinois wollte sich im letzten Frühjahr eigentlich ganz allgemein mit "aktueller politischer Theorie aus Kontinentaleuropa" beschäftigen. Mitten im Semester aber musste plötzlich das Programm verändert werden. Nun interessierte nur noch ein einziges Buch: "Das Seminar hat sich entschieden", heißt es auf der Website, "den Rest des Semesters der Lektüre von Hardts und Negris Empire zu widmen."

Dies ist keineswegs irgendein Einzelfall aus der akademischen Provinz der Vereinigten Staaten. Empire ist derzeit das Große Neue Ding für die politisch-theoretisch interessierte Jeunesse Dorée (ZEIT Nr. 13/02). Die Yale Marxist Reading Group auf dem Elite-Campus von New Haven ist ihm ebenso verfallen wie das soziologische Graduiertenseminar an der kanadischen Queens University. Dessen Früjahrsprogramm 2002 steht im Zeichen des "Postpostmodernismus: Radikale Gesellschaftstheorie im neuen Jahrtausend" und gipfelt wie selbstverständlich in einer Diskussion von Empire: "Michael Hardt und Antonio Negri", teilt das Vorlesungsverzeichnis mit, "kombinieren Foucaults Konzept von Biomacht mit Deleuze und Guattaris Theorie der molekularen Revolution und tun ihr Bestes, dabei die postkoloniale Situation zu berücksichtigen. Indem sie einige neue Begriffe hinzufügen, produzieren sie ein Werk, das zum Kommunistischen Manifest des 21. Jahrhunderts werden könnte."

Seit vielen, vielen Jahren hat keine Großtheorie mehr derart eingeschlagen wie Empire. Das Internet ist voller Diskussionsgruppen. Kleine, aber bei der globalisierungskritischen Jugend einflussreiche linksradikale Zeitschriften wie Bad Subjects, Z Magazine, The Stranger, New Left Review und Rethinking Marxism haben große Essays und ganze Sondernummern veröffentlicht. Auch in Deutschland widmen sich Lesekreise - Wiedergänger der Kapital- und "Peter-Weiss-Arbeitsgruppen" der siebziger Jahre - der Exegese des Werks.

"Dieses Buch", hat einer der Teilnehmer in einem Interview mit der FAZ bekannt, "bietet sich zum Lesegruppen-Lesen besonders gut an, weil das, was Hardt und Negri als neues Subjekt beschwören, etwas ist, das sie als Potentielles begreifen. Indem man sich mit dem Buch auseinandersetzt, wird man zu dem, was das Buch prognostiziert."

Als der Campus Verlag vor wenigen Wochen die deutsche Ausgabe in Berlin vorstellte (461 Seiten, 34,90 e), kamen Hunderte junger Leute in den Roten Salon der Volksbühne, um Michael Hardt zu sehen. Seit Herbert Marcuses Auftritt Ende der Sechziger an der FU, seit Michel Foucaults Erscheinen Ende der Siebziger auf dem Tunix-Kongress, seit den Vorträgen Judith Butlers in den Neunzigern hat es ein vergleichbares Radical-Chic-Happening nicht mehr gegeben, in dem sich Popkultur, juveniler Linksradikalismus und die Sehnsucht nach der großen, allumfassend welterklärenden Theorie durchdringen.

Negris "untadelige revolutionäre Vita" - so eine der vielen ihm gewidmeten Websites - trägt nicht wenig zu der Anziehungskraft des Unternehmens Empire bei. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und klammheimlicher Freude beschwören seine Anhänger, dass er Ende der Siebziger als Drahtzieher terroristischer Akte angeklagt wurde, die Polizei freilich nie zweifelsfrei habe belegen können, dass er tatsächlich in die Ermordung Aldo Moros verstrickt gewesen sei. Antonio Negri ist darum seit Jahrzehnten die ideale Projektionsfläche für die Militanzfantasien bürgerlicher Intellektueller: ein reueloser Apologet der Gewalt, der es immer verstanden hat, sich rechtzeitig von den Folgen seiner Lehren zu distanzieren - anders als die dummen Gläubigen, die seine Manifeste allzu wörtlich genommen hatten.

Der späte Ruhm Negris, dieses unsinkbaren alten Pfundskerls der linksradikalen Szene Italiens, der seinen Lebensabend als Freigänger in Rom verbringt, beweist nebenbei auch dies: Der Terrorismus der bleiernen Jahre ist endgültig zum Marketing-Element herabgesunken. Mit Harvard University Press und dem Frankfurter Campus Verlag machen sich nun auch respektable akademische Verlage Negris Street Credibility zu nutze. Empire ist der größte Sachbuch-Kassenschlager in der Geschichte der Harvard University Press. Der Campus Verlag wird sicher, das lässt die überwältigende Resonanz auch hierzulande bereits ahnen, nicht schlecht mit dem Buch fahren.

Neue geistige Regressionslust

Bis tief in die bürgerliche Öffentlichkeit hinein findet also niemand mehr etwas dabei, dass die avancierten Kader der akademischen Jugend sich heute von einem verstockten alten Mann die Welt erklären lassen, der schon seinerzeit nichts unversucht gelassen hat, um seiner eigenen Generation den Aufbruch der siebziger Jahre kaputtzumachen. Es wäre allzu selbstgerecht, Negris Altersruhm als Zeichen der Liberalität und Entspanntheit unserer Öffentlichkeit zu deuten. Toni Negris zweite Karriere ist vielmehr ein Indiz dafür, das sich eine erstaunliche Geschichtsvergessenheit mit neuen millenaristischen Träumen von einer totalen "Befreiung" verbündet.

Der internationale Erfolg von Empire ist wahrhaft gespenstisch, allerdings nicht in dem gern zitierten Marxschen Sinn. Dieses Buch ist nicht der Vorläufer einer kommenden Revolution, sondern der Nachklapp einer gescheiterten Revolte. Hardt und Negri selber beschreiben ihr Projekt als den Versuch, das aus ihrer Sicht unwahrscheinliche Überleben des heute "erstaunlich gesunden und robusten" Kapitalismus mit den zahllosen marxistischen Prognosen seines Absterbens zu "versöhnen". Der Gedanke, dass es da womöglich nichts zu versöhnen gibt, dass vielleicht die betroffenen Theorien schlicht falsch waren und vom Gang der Geschichte widerlegt wurden, wird gar nicht erst zugelassen.

Dass dieses Buch einen solchen Ruhm genießt, darf man als Indiz einer offenbar verbreiteten geistigen Regressionslust deuten. Die fürchterlich autoritär-angeberische Seminarsprache, die auch von den tapferen Übersetzern nicht zu retten war, wird vom Publikum anscheinend als Relevanzsignal verstanden. So rattert dieser Text über gut 400 eng bedruckte Seiten: "Die Analyse der reellen Subsumtion, wenn man versteht, dass sie nicht nur die ökonomische oder die kulturelle Seite der Gesellschaft berührt, sondern den sozialen Bios, das gesellschaftliche Leben selbst, und dabei die Modalitäten der Disziplinierung und/oder der Kontrolle berücksichtigt, zeigt die Brüche in der linearen und totalitären Gestalt der kapitalistischen Entwicklung."

Es wäre freilich naiv, jargonbewehrte Unverständlichkeit als Handicap eines Theoriekultbuch-Kandidaten zu verstehen. Im Gegenteil ist offenbar ein gewisser Hermetismus geradezu Bedingung des Erfolgs. Man denke nur an den Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari, das Kultbuch der Siebziger und eine der Hauptinspirationen für Empire. Systematische Unschärfe, verkleidet mit einem Habitus der Wissenschaftlichkeit, erzeugt einen subversiven und zugleich hermetischen Sound. Die vertrackte Theoriesprache von Empire suggeriert Komplexität, dabei ist das Buch von überaus schlichten Oppositionen bestimmt: der romantischen Verklärung jeglicher "Gegen-Gewalt" (immer gut, immer gerechtfertigt) steht eine ungezügelte Verachtung für alles Bürgerliche gegenüber: repräsentative Demokratie, Kapitalismus, Rechtsstaat, Reformismus, Eigentum, Individualismus, Nationalstaaten und ihre Institutionen (immer böse, immer illegitim).

Schwer zu sagen, was seltsamer berührt - das pseudowissenschaftliche Gedröhne oder die zahlreichen Ausbrüche in prophetisches Vibrato: "Eine neue Rasse von Barbaren wird kommen und ins Empire einfallen oder es evakuieren", heißt es in einer der vielen Passagen, die zwischen nietzscheanischer Männerfantasie und öligem Befreiungskitsch reichlich delirant schillern. "Diejenigen, die dagegen sind und deshalb aus den lokalen und partikularen Zwängen ihres Daseins entfliehen, müssen darüber hinaus ständig versuchen, einen neuen Körper und ein neues Leben aufzubauen."

"Der neue Körper", fahren die Autoren fort, "muss nicht nur radikal ungeeignet für die Normalisierung sein, sondern auch in der Lage, ein neues Leben zu schaffen. Wir müssen viel weiter gehen, um diesen neuen Ort des Nicht-Orts zu bestimmen. ... Wir müssen dahin gelangen, ein kohärentes politisches Artefakt zu entwickeln, ein künstliches Werden in dem Sinne, wie die Humanisten von einem durch Kunst und Erkenntnis geschaffenen homohomo sprachen und Spinoza von einem mächtigen Körper, geschaffen von höchstem Bewusstsein, das von Liebe durchströmt ist. Die unbegrenzten Wege der Barbaren müssen eine neue Lebensweise formen."

Müssen, müssen, müssen? Lässt sich die ersehnte totale anarchistische Revolte denn befehlen? Feine Barbaren, denen man die Notwendigkeit eines jeglicher Kontrolle durch die "Biomacht" entzogenen "mächtigen Körpers" erst derart schulmeisterlich einbimsen muss! Wie kann es sein, dass kaum ein Rezensent - von den Lektoren wollen wir lieber schweigen - sich solchem blühenden Unfug mit der nötigen Deutlichkeit entgegenstellt? Wie bloß haben es seriöse Verlage wie Harvard und Campus über sich gebracht, derartiges Theoriegerümpel und schrille Gefasel zu verbreiten?

Es geht ja hier nicht bloß um Stil- und Geschmacksfragen. Das Buch ist eine einzige große Geschichtsklitterei im Dienste altlinker Gewissheiten, die man längst auf dem Müllhaufen der Geschichte wähnte: Der Nationalsozialismus wird in fast schon vergessener altmarxistischer Manier ökonomistisch abgeleitet - als unvermeidliche "kapitalistische Ausdrucksform" einer Krise der Moderne.

Die Totalitarismus-Theorie gilt den Autoren hingegen als Ideologie des Kalten Krieges. Dem Sowjetkommunismus indes wird der Ehrentitel einer "produktiven Zivilgesellschaft" verliehen: "Die Ideologie des Kalten Krieges nannte diese Gesellschaft totalitär, doch war sie in Wahrheit eine von starken und vielfältigen Momenten der Kreativität und Freiheit durchzogene Gesellschaft."

Diese freundlichen Züge hatte sie, möchte man sarkastisch ergänzen, der finsteren postmodernen "Kontrollgesellschaft" des Westens voraus, wo die Macht gnadenlos "Bewusstsein und Körper der Bevölkerung und zur gleichen Zeit die Gesamtheit sozialer Beziehungen durchdringt".

Obskurantismus und Kitsch

Es ließen sich noch weitere verblüffende Einzelaussagen dieses bizarren Buches zitieren - etwa über die iranische Revolution als "machtvolle Zurückweisung des Weltmarkts

und insofern ... als die erste postmoderne Revolution". Doch wozu die Mühe? Obskurantismus ist ja hier kein Betriebsunfall, sondern das Ziel der ganzen Unternehmung, wie die lyrischen letzten Zeilen des Buchs in unübertrefflicher Kitschdiktion bestätigen: "Diese Revolution wird keine Macht kontrollieren können, weil Biomacht und Kommunismus, Kooperation und Revolution in Liebe, Einfachheit und auch in Unschuld vereint bleiben. Darin zeigen sich die nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und das Glück, Kommunist zu sein."

Biomacht, Kommunismus und Leichtigkeit in Liebe, Einfachheit und Unschuld!

Der Bostoner Politikwissenschaftler Alan Wolfe - eine leider erschreckend einsame Stimme - hat es in seinem Rezensionsessay für The New Republic so gesagt: Empire verhält sich zu ernsthafter Gesellschaftskritik und Politikwissenschaft "wie Pornografie zu Literatur".

Wäre bei diesem trefflichen Vergleich nicht eine irreführende Assoziation von verbotenem Vergnügen im Spiel - man könnte es wahrlich nicht besser sagen.