Havanna

Wenn sie ausgeht, nimmt sie nur ein kleines, mit verblichenen Pailletten besticktes Portemonnaie mit. Darin steckt alles, was sie braucht: ihr Personalausweis und ein Kondom. Wenn sie aus der Haustür kommt, muss sie in der grellen Sonne erst einmal blinzeln. In ihre Wohnung dringt kein Tageslicht. Die Wohnung ist ein Zimmer in einem der halb verfallenen Häuser in Havanna, die im Laufe der Jahre immer weiter unterteilt wurden, um immer mehr Menschen hineinzupferchen. Ein dreimal drei Meter großem Raum, in den eine Zwischendecke aus grobem Holz eingezogen wurde.

Unten in der Ecke neben einem schmierigen Waschbecken steht ein zweiflammiger Gasbrenner. Dort kocht sie, wäscht sie die Wäsche für ihre Familie. Im Zimmer stehen ein Tisch und drei Drahtstühle, die irgendwann einmal Bezüge gehabt haben müssen. Oben auf den Bohlen ist Platz für drei modrige Matratzen. Dort schläft sie, neben der Mutter und dem Bruder.

Sie heißt Gisèle

und ist eine jinetera. Das heißt übersetzt Reiterin, bedeutet nicht Prostituierte, sondern etwas weniger, so viel wie: Sie weiß eine Gelegenheit zu nutzen. Der Beruf der "Reiterin" ist, wie erst recht die Prostitution, die beim Namen genannt wird, auf Kuba verboten. Trotzdem streifen Tausende junger Mädchen durch die Straßen von Havanna. Sie sind auf das Geld der Touristen aus. Der Tourismus ist zur einzigen nennenswerten Devisenquelle Kubas geworden.

Vor wenigen Jahren war sogar der bloße Besitz von Dollars verboten, ebenso der freie Handel mit Lebensmitteln. Nun sind Bauernmärkte wieder erlaubt.

Zaghaft wurden Modegeschäfte, private Restaurantes und sogar, mit ausländischer Beteiligung, Einkaufszentren eröffnet. Die Globalisierung hat Kuba erreicht. Bezahlt wird überall in Dollar. Und das ganze Volk ist verzweifelt auf der Jagd nach dem amerikanischen Geld.