die zeit: In jüngster Zeit herrscht dauernd Streit: über die Irak-Politik, den Nahen Osten, die Stahl- und die Agrarsubventionen, den Internationalen Strafgerichtshof. Wie schlecht steht es um die transatlantischen Beziehungen?

Colin Powell: Gestern habe ich in einer unserer Zeitungen eine Überschrift gesehen, die lautete ungefähr so: "Der Atlantik wird immer breiter. Europäer sehen eine groteske amerikanische Politik." So was ist doch bizarr. Ich lese das dann und bemühe mich wirklich, den Grund dafür zu verstehen. Ich weiß ja um Kyoto (den Vertrag zur Reduktion der Treibhausgase, den Amerika ablehnt, d. Red.), ich weiß ja um den Internationalen Strafgerichtshof (an dem sich die USA nicht länger beteiligen wollen, d. Red.), ich kenne die Enttäuschung bei unseren europäischen Freunden, dass Amerika in diesen Fragen nicht Europas Ansicht teilt. Aber die Annahme, dass die Vereinigten Staaten einfach nur ihres Weges gingen, ohne den Europäern zuzuhören und sich mit ihnen zu beraten, das ist doch eine Karikatur. Schauen Sie sich das so genannte Quartett an (das bei der Lösung des Nahostkonflikts zusammenarbeitet, d.

Red.). Da stehe ich in Madrid auf einer Bühne zusammen mit Kofi Annan, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, mit Javier Solana und Josep Piqué für die EU und Igor Iwanow für Russland - und trotzdem werden wir des Unilateralismus bezichtigt. Da frag ich mich manchmal: Wo bin ich denn? Warum mache ich das alles nur?

Aber ich muss zugleich sagen: Diese Regierung und dieser Präsident haben tiefe Überzeugungen und Werte. Die erklären wir unseren Freunden und der ganzen Welt. Dann versuchen wir das, was wir für richtig halten, in Einklang zu bringen mit den Interessen unserer Freunde. Nur weil dies nicht immer klappt, heißt das noch lange nicht, dass uns egal ist, was andere sagen, und wir sowieso machen, was wir wollen. Schließlich gibt es auch diejenigen Fälle, in denen wir Monate später hören: Vielleicht habt ihr doch gar nicht so falsch gelegen.

zeit: Auch nach der Kreation der "Achse des Bösen"?

Powell: Das Ausmaß der Kritik an dem Präsidentenwort von der "Achse des Bösen" war verblüffend. Dabei hatten wir über diese Länder früher schon öffentlich gesprochen. Der Präsident hat einen schlauen Weg gefunden, das gemeinsame Wesen aller drei Länder zu beschreiben. Und was ist danach passiert? Die Nordkoreaner wollen jetzt mit uns reden

die Irakis geben vor, sie würden sich jetzt besser verhalten. Der Präsident hat dann seine frühere Position bekräftigt, wonach er mit den Nordkoreanern reden will. Er hält auch einen multilateralen Zugang zum Irak-Problem für richtig. Wir sind für Sanktionen, die den Menschen im Irak nicht schaden, und trotzdem für den Regimewechsel in Bagdad. Wir werden also weiter in Grundsatzfragen unsere Position selbst dann vertreten, wenn unsere Freunde - nach intensiven Beratungen - nicht unserer Meinung sind.