Das Daebang Ssarijip ist ein Spezialitätenlokal. Man sitzt auf gepflegtem Laminatboden an flachen Lacktischen, ein modernes Orchideenarrangement und eine altenglische Wanduhr sind die einzigen Dekorationselemente. Hier gibt es fünf verschiedene Hundegerichte, die meisten Gäste beginnen mit gekochtem Hund als Vorspeise. Als das sesamgarnierte Filet auf einem Holzbrettchen serviert wird, können unsere Tischnachbarn offenbar nicht anders, als mit unverhohlener Neugier zu schauen, was die Westlerin nun tun wird.

Wir kommen ins Gespräch und tauschen zu diesem Zweck als Erstes unsere Visitenkarten aus. Herr Kim und Herr Lee, so stellt sich bald heraus, sind zwei lebenslustige und weit gereiste Banker, die Bo-shin tang bestellt haben, das beliebte Hundefleischfondue, in dem rohe Fleischscheibchen in einem Topf mit scharf gewürzter Brühe gegart werden. Es ist ziemlich warm im Lokal, und wir trinken - wie üblich bei einem opulenten Mahl in Korea - Soju, eine milde Wodka-Variante. Vielleicht ist es der Alkohol, der uns schnell zum heiklen Thema Hundefleisch bringt. Herr Kim sagt: Wir Koreaner mussten vom Westen unendlich viele Sitten und Gebräuche übernehmen. Und gar mancher Koreaner hat hierzulande eine ähnlich emotionale Bindung zu Pferden wie Sie zu Hunden - niemals würde man hierzulande Pferdefleisch essen. Herr Lee pflichtet unterstützend bei: Wir verurteilen Europäer doch auch nicht, bloß weil sie unsere Lieblingstiere essen. Und genauso wenig möchten wir uns von dieser Schauspielerin als Barbaren bezeichnen lassen!

Mit dieser Schauspielerin ist in koreanischen Hundefleischangelegenheiten Brigitte Bardot gemeint. Die Französin hatte unlängst bei einem TV-Auftritt alle Koreaner mit entsprechenden Essgewohnheiten als Barbaren bezeichnet.

Auch der Weltfußballverband Fifa kritisierte angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaft die koreanischen Esssitten. Der Kongressabgeordnete Hong-Shin Kim konterte und schrieb einen offenen Brief an Bardot, in dem er wiederum all die Menschen als Barbaren bezeichnet, die keinen Sinn für kulturelle Unterschiede haben. Kim gibt in dem Brief außerdem zu bedenken, dass noch während der Olympischen Spiele 1968 in Tokyo die US-amerikanische Time die Japaner als Barbaren bezeichnet hat, weil es dort - wie inzwischen auch in New York, Hamburg oder Berlin - an jeder Ecke rohen Fisch zu essen gab.

Nun soll nicht der Eindruck entstehen, ein jeder Koreaner würde täglich einen halben Dackel essen - Hundefleisch ist eine relativ teure Spezialität, die fast ausschließlich in besonderen Restaurants serviert wird. Trotzdem ließen Koreas Gastwirte die Kritik nicht auf sich sitzen und schlossen sich zu einer Vereinigung zusammen. Während der Fußballweltmeisterschaft werden sie in der Nähe der Stadien bei den ausländischen Gästen für den Genuss von Hundefleisch werben. Das geschieht keineswegs mit der hinterhältigen Absicht, hartgesottene Fußballfans aus Europa das Gruseln zu lehren. Vielmehr hat es historische Gründe. Das Hundefleisch-Sujet wurde zuletzt während der Olympischen Spiele 1988 in Seoul zu einem interkulturellen Konflikt. Die damalige südkoreanische Regierung ließ während der Spiele alle entsprechenden Restaurants schließen.

14 Jahre später wäre dem offiziellen Korea diese Verbotslösung sicher auch wieder die angenehmste, sagt Herr Lee. Aber in Seoul habe sich eine Protestbewegung formiert. Sie sei im Internet und vor Ort aktiv. Es gehört nun mal zu den Besonderheiten Südkoreas nach Ende der Militärdiktatur, ein Faible für Demonstrationen aller Art entwickelt zu haben. In welchem anderen Land könnte man sich beispielsweise weibliche Golf-Caddies vorstellen, die monatelang - und mit großer nationaler Beachtung - für ihre Festanstellung kämpfen? Nach dem ersten ignoranten Augenrollen entdeckt man bei genauerem Hinsehen hinter fast jeder koreanischen Protestaktion kluge und durchaus berechtigte Forderungen.

Herr Kim und Herr Lee sind inoffizielle Demonstranten. Tragen makellos gebügelte Oberhemden nach einem langen Arbeitstag, gehören zur südkoreanischen Elite. Sie möchten, wie sie sagen, endlich auch im Westen mit ihren kulturellen Eigenarten akzeptiert werden - nicht nur während eines Kurzurlaubs mit Familie in Europa. Herr Kim schielt jetzt auf meine Hand, die mich hartnäckig vom Probieren der Vorspeise abhält. Dann setzt sich auch noch die überaus farbenfroh geschminkte Köchin zu uns an den Tisch und sieht das Offensichtliche. Mir wird es immer peinlicher, das appetitlich wirkende Gericht noch nicht angerührt zu haben. Inzwischen fühl ich mich hundelend.