An einem lauen britischen Frühlingsnachmittag in diesem Universum nippt ein Mann an einem Glas Orangensaft. Plötzlich platzt der Boden aus dem Glas, und der Saft platscht auf den Teppich. Verdutzt betrachtet der Physiker David Deutsch den leeren Glaszylinder, während der dickflüssige Saft versickert.

"Interesting physics", murmelt er nur.

Nicht jedem fällt der Saft so einfach aus dem Glas. In einem anderen Universum würde eine Kopie von David Deutsch vielleicht ein Glas ohne Sprung benutzen, Kaffee statt Orangensaft trinken oder ganz etwas anderes tun. Denn unsere Realität ist nach Deutschs Überzeugung nur eine von Myriaden paralleler Welten. In einigen sind wir längst tot, in anderen werden wir nie geboren, und gewiss gibt es einen Kosmos, in dem dank merkwürdiger Zufälle der Evolution Dinosaurier Städte bauen.

Was nach Science-Fiction klingt, ist für den Oxforder Quantenphysiker eine unausweichliche Konsequenz aus den Naturgesetzen. Mehr noch: David Deutsch zufolge können wir die Realität gar nicht richtig verstehen, wenn wir die Existenz des "Multiversums" nicht akzeptieren.

Auch er selbst lebt in einer Art Parallelwelt. Deutsch, der unter Physikern einen schon fast legendären Ruf genießt, arbeitet nicht etwa an einem Universitätsinstitut, sondern in einem kleinen Eckhaus am Rande von Oxford.

Im Vorgarten, verdüstert von einem morschen Baum, wuchert Unkraut, vor der Eingangstür liegen vom Regen aufgeweichte Werbeprospekte. Häufchen aus Büchern, Zeitschriften und Notizzetteln bahnen den Weg ins Arbeitszimmer. Auf einer Tafel stehen Gleichungen, auf einer meterlangen Schreibtischplatte drei Computer. Über einem hängt ein Einstein-Poster der Firma Apple: "Think different".

Mitten in diesem Chaos denkt David Deutsch nach über die tiefen Verbindungen von Wissen und Wirklichkeit, Information und Physik. Der 48-jährige Spross einer österreichisch-jüdischen Familie, der in Israel geboren wurde und im Alter von drei Jahren nach England kam, wollte schon als Kind Physiker werden. Als 13-Jähriger bastelte er sich eine elektronische Addiermaschine, als Student war er "Taschenrechner-Aficionado", und mit 32 Jahren beschrieb er in einer bahnbrechenden Arbeit die Quantenverallgemeinerung der so genannten universellen Turing-Maschine. Damit lieferte er die zentrale Idee für den Quantencomputer, eine visionäre Rechenmaschine, die eines Tages bestimmte Berechnungen schneller durchführen können soll als alle heutigen Computer zusammen. Seine Forschungen legten den Grundstein für die Quanteninformatik, eine Theorie, die manche für den Schlüssel zu einem fundamental neuen Realitätsverständnis halten.