Wenn ein Theaterabend gelingt, muss man keine Fragen stellen. Genau wie in der Liebe: Es würde doch niemand über Gründe grübeln, solange er glücklich ist. Was macht aus zwei Leuten eine Herzensangelegenheit? Oder im Jargon des Theaters: Was macht eine Ansammlung von Figuren zum Drama? Darauf gibt es keine Antwort, deshalb redet man in Fällen des Gelingens von Kunst. Auch George Tabori ist ein Künstler, wenngleich der ungarische Jude, der 1935 nach London emigrierte und 1971 von New York nach Berlin übersiedelte, erst spät als bedeutender Autor und Regisseur erkannt wurde. Diese Woche wird er 88 Jahre alt, und in seinem neuen Stück, das er eben am Berliner Ensemble inszenierte, steckt viel von den früheren Erfolgstexten: Das Farcenhafte, das pathologische Verhalten der Protagonisten und ihre traurige Amoralität, die wechselnden Stilebenen und die Judenwitze. Doch das Erdbeben-Concerto ist ein Untergangsszenario, das niemanden erschreckt, weil die sechs armen Irren, die es bevölkern, von Anfang an lebensmüde sind. Ihr Fatalismus, ihre Geilheit und das Setting wirken wie zusammengeborgt aus Klassikern des Katastrophengenres: Von Becketts Endspiel zu Bernhards Macht der Gewohnheit, von Kleists Erdbeben in Chili zu Enzensbergers Untergang der Titanic. Wo jeder Mensch ein Abgrund sein müsste, ist nur seichte Gespensterposse. Statt sich zu fragen, wie dieses Theater zu beleben wäre, soll man lieber nach dem Geglückten suchen, bei Tabori sind das etwa die Faschismusfarcen Jubiläum, Mutters Courage und Mein Kampf.