Wenn das israelische Aufklärungsflugzeug die Schallmauer durchbricht, erzittert der Himmel über Beirut wie nach einem Bombeneinschlag. Ein ohrenbetäubendes Donnern rast über Plätze und Schnellstraßen, über die archäologischen Ausgrabungsfelder, wo mameluckische und ägyptische, griechische, römische und assyrische Trümmer nebeneinander liegen. Siebenmal wurde die Stadt im Laufe ihrer Geschichte zerstört und wieder aufgebaut

im letzten Krieg übernahmen die Bomben einen Teil der Ausgrabungsarbeiten. Terra Incognita, der Film des Libanesen Ghassan Salhab, erzählt von einer Stadt im Zwischenbereich, von Einwohnern, die wie Wiedergänger einer Normalität wirken, an die sich keiner mehr so recht erinnern kann. Der Unterschied zwischen alten und neuen Kriegen schrumpft zur architekturhistorischen Pointe: Die Moderne hinterlässt keine Ruinen, keine Spuren, keine Erinnerung.

Auf ihrem Schutt entstehen hastig hochgezogene Betongerippe, in denen die Menschen ihren kreatürlichen Bedürfnissen nachgehen - Essen, Trinken, Schlafen, Sex, Fortpflanzung.

Terra Incognita lief in Cannes in einer Nebensektion und steht zusammen mit einer Hand voll weiterer Produktionen aus dem Nahen Osten und dem arabischen Raum für ein Festival, das sich in diesem Jahr ganz ehrenwert, aber auch ein wenig marktschreierisch als politisches Forum und cineastischer Verschiebebahnhof der Positionen und Haltungen versteht. So wirkte die Wettbewerbsteilnahme eines israelischen und eines palästinensischen Films in den ersten Verlautbarungen fast wie die Ankündigung eines künstlerischen Gipfeltreffens.

Deshalb machte kurz nach dem Jahrestag der jüdischen Staatsgründung der für eine eher israelkritische Haltung bekannte Filmemacher Amos Gitai den Anfang.

Sein Film Kedma geht zurück ins Jahr 1948 und zeigt die Kämpfe um Palästina als grässliches Gewurschtel zwischen Arabern, Briten und der jüdischen Geheimarmee. Bei Gitai haben beide Seiten ihr moralisches Recht auf das Gelobte Land, die aus ihren Dörfern vertriebenen palästinensischen Kleinbauern genauso wie jene jüdischen Neuankömmlinge und Überlebenden des Holocaust, die nun bei Scharmützeln um die Straße nach Jerusalem erschossen werden. Da sich sein Film jedoch weniger für die Menschen, als für die ziemlich pathetischen Thesen interessiert, die er ihnen in den Mund legt, bleibt bei ihm dieser erste israelisch-palästinensische Krieg eine von der gegenwärtigen Eskalation abgetrennte, museale Momentaufnahme.

Aber vielleicht sind es gerade seine paritätisch verteilten Monologe und eine didaktische Bedeutungsschwere, die Kedma zum aufrichtigen Versöhnungsfilm machen, in dem Israel von Anfang an als blutig erobertes Land erscheint. Die arabische Filmkritik nahm Gitais filmische Diplomatie denn auch dankbar auf und erträumte sich auf dem Festival sogar ein arabisch-israelisches Gipfeltreffen, bei dem die Regisseure ihre verfeindeten Völker repräsentieren und Jurypräsident David Lynch anstelle von George Bush vermitteln soll.