Werner Naumann in Hamburg, 18. November 1952

In der Nacht zum 15. Januar 1953 schlagen die Engländer zu: Britische Sicherheitsoffiziere verhaften in Düsseldorf, Solingen und Hamburg sechs zum Teil ranghohe frühere Mitglieder der NSDAP. Nach den Erkenntnissen der Besatzungsbehörden handelt es sich um die "Rädelsführer" einer seit geraumer Zeit observierten Gruppe, die Pläne zur "Wiederergreifung der Macht in Westdeutschland" schmiedete.

Das in London herausgegebene Kommuniqué nennt die Namen und einstigen Funktionen der Festgenommenen: "Dr. Werner Naumann (ehemaliger Staatssekretär im Goebbelsschen Propagandaministerium. In Hitlers Testament war Naumann zum Nachfolger Goebbels' als Reichspropagandaminister bestimmt worden); Dr. Gustav Scheel (ehemaliger Reichsstudentenführer und eine Zeitlang Gauleiter von Salzburg. In Hitlers Testament war er für den Posten des Reichskulturministers vorgesehen); Paul Zimmermann (ehemaliger SS-Brigadeführer und Beamter in der Wirtschafts- und Verwaltungsabteilung der SS, die mit der Verwaltung der Konzentrationslager im Zusammenhang stand); Dr. Heinrich Haselmayer (war mit Hitlers Münchener Putsch von 1923 verbunden und Führer des Nationalsozialistischen Studentenbundes in Hamburg. Hat Bücher über Rassenwissenschaft und die Sterilisierung von Erbkranken herausgegeben); Heinz Siepen (ehemaliger NSDAP-Ortsgruppenleiter und Landrat, jetzt Teilhaber der Punktal-Stahlwerke in Solingen); Dr. Karl Scharping (ehemaliger Beamter in der Rundfunkabteilung des Reichspropagandaministeriums)."

Im Laufe des nächsten Tages verlängert sich die Liste noch um den früheren Gauleiter und Reichsstatthalter von Hamburg, Karl Kaufmann. Sofort nach ihrer Verhaftung werden die sieben in das britische Militärgefängnis nach Werl gebracht, das in ihren Wohnungen lastwagenweise beschlagnahmte Aktenmaterial nach Wahnerheide, an den Dienstsitz des britischen Hohen Kommissars Sir Ivone Kirkpatrick. Es gehe darum festzustellen, teilt er mit, inwieweit die Gruppe "im gegenwärtigen Augenblick eine Bedrohung der Sicherheit der alliierten Streitkräfte darstellt". Mit dieser Formulierung beruft sich der höchste Vertreter des Vereinigten Königreichs auf deutschem Boden ausdrücklich auf das Besatzungsstatut. Allerdings sei Bundeskanzler Adenauer laufend über die Ermittlungen und die geplanten Maßnahmen informiert gewesen.

Offenbar ahnt Kirkpatrick schon, dass die westdeutsche Öffentlichkeit genau dieser Aspekt besonders interessieren würde. Und in der Tat: Die Zeitungen sind in den nächsten Tagen voll der Spekulationen, wer in Bonn wann wie viel gewusst habe und welches wohl die wahren Motive hinter der Aktion seien. Nicht die Verhafteten, ihre Vergangenheit und ihre Motive interessieren - fast alle etwa Mitte 40, alle durch das Ende des "Dritten Reiches" aus der Karrierebahn geworfen -, sondern im Grunde nur die Frage: Was hat die Engländer zum Einschreiten bewogen?

Auf dem Weg zu einer neuen Harzburger Front

Dass das Vorgehen der Briten unbillig, zumindest aber übertrieben war - diese Ansicht wird binnen kurzem Allgemeingut. Dabei hat es in den zurückliegenden Monaten an bedenklichen Symptomen nicht gefehlt und auch nicht an entsprechenden Warnungen aus Wahnerheide. Mitte November 1952 schon lenkte ein aus britischen Quellen gespeister Artikel in der Stockholmer Zeitung Dagens Nyheter die Aufmerksamkeit auf eine von Werner Naumann angeführte "Hundertmann-Gruppe" führender Nazis - und auf die FDP, deren rechter Flügel "auf dem Weg zu einer neuen Harzburger Front weit fortgeschritten" sei.