Nach dem abendlichen Mahl erhob sich ein Prophet. Er tanzte durch den Raum, sein Stimmapparat vollführte bizarre akustische Kunststücke. In einer Zungenrede entfuhren ihm tollkühne Vokale und Gluckser, die ein Kundiger für die Zuhörer in verständliche Rede überführte. Erst durch die Übersetzung des assistierenden Deuters nahmen die Visionen des scheinbar Irren Gestalt an. Und die Performance endete mit der Ankündigung eines Weltuntergangs. Oder dem Hinweis auf das unmittelbar bevorstehende Comeback Christi.

Schon während der Antike versuchten sich Propheten in solch ekstatischer Ausübung christlichen Glaubens. In den oft spontanen Vorführungen sieht der Heidelberger Theologe Peter Lampe die Anfänge jener christlichen Glaubensgemeinschaften, bei denen nicht nur das Ausharren in der Kirchenbank, sondern auch die Ekstase zum Ritual gehört. Der biblische Paulus selbst berichtet im ersten Brief an die Korinther von einschlägigen Veranstaltungen, an denen sich Glaubende "zur Erbauung" trafen. Jeder hatte einen Happen zum Futtern und eine Probe seiner Kunst mitgebracht. Es erhob sich der erste zur Interpretation eines Psalms. Der nächste übte sich in Offenbarung. Ein anderer glänzte durch die Darbietung einer Zungenrede, in der - daher der Name - nur die Zunge zu reden schien, der Verstand aber schwieg: "Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, durch den Geist vielmehr redet er Geheimnisse." (1. Kor. 14)

Vorliebe für die wilden Schäfchen

Der Professor hat sich mit Verve den schrägen Vögeln im himmlischen Bodenpersonal zugewandt. Gern macht er interessehalber einen Sprung zu den Veranstaltungen der "Taube", deren erbauliche Treffen wie bei Paulus in Ekstase enden. Fasziniert stellt er fest, wie in Europa das Christentum an Boden verliert, in Afrika dagegen monatlich 1200 Glaubensgemeinschaften entstehen und Charismatiker wie die Kimbanguisten fünf Millionen Anhänger zählen. "Nihil novi sub sole", sagt Lampe, der zehn Sprachen beherrscht, was "nichts Besonderes unter Theologen" sei. Unter der Sonne hat es in religiösen Dingen immer auffällige Protagonisten gegeben. Krachende Lacher Lampes bei deren Beschreibung verraten, dass da einer, der selbst in der Studentenkirche übers Heute predigt, an den wilden Schäfchen der christlichen Glaubensgemeinschaft einen Narren gefressen hat.

Am meisten Aufmerksamkeit schenkt Lampe einem illustren Trio: Der Zungenredner Montanus und seine ebenso schillernden Begleiterinnen Priscilla und Maximilla verkündeten ab 165 nach Christus ekstatisch die "Neue Prophetie". Der Heilige Geist war ihnen erschienen, sie lehrten, dass Christus sehr bald wiederkäme und Zucht und Askese Garanten seien, um vor dem jüngsten Gericht zu bestehen. Groß war ihre Fangemeinde. Die später Montanisten genannte Bewegung schuf in den kleinasiatischen Städten Pepouza und Tymion ihre Hochburgen und erwartete hier die Herabkunft des himmlischen Jerusalem - wie im vorletzten Kapitel der Bibel angekündigt.

Doch Pepouza und Tymion tauchten bislang nur in Überlieferungen auf. Wo die Metropolen untergegangen waren, blieb ein Geheimnis. Am Mittwoch dieser Woche aber durfte Lampe in Ankara eine frohe Botschaft verkünden. Auf einer Konferenz stellten die in der Türkei wirkenden Archäologenteams ihre Projekte vor. Lampe hatte eine Sensation im Gepäck. Er ist mit einer internationalen Forschertruppe unweit Usaks auf ein Kloster im Berg gestoßen. Auf eine Stadt, Felsengräber, eine Katakombe. Fotos und Pläne, die er vor den türkischen Gelehrten ausbreitete, ließen keinen Zweifel zu: Eineinhalb Millennien nachdem die Montanisten von der Bildfläche verschwanden, sind Pepouza und Tymion wiederentdeckt.

Die Montanisten hatten mit der Behauptung, näher als die Jünger an Christus zu sein, den Unmut der Kirche auf sich gezogen. Montanus selbst ließ Gott in der Ich-Form durch seinen Mund sprechen und eröffnete Gläubigen die Möglichkeit, dem Weltuntergang zu entrinnen. Nach dem Ableben der drei Propheten blieben Pepouza und Tymion Wallfahrtsorte. Aus dem ganzen römischen Reich pilgerten Anhänger zum Schrein ihrer Gebeine. Doch um 550 machte der Bischof von Ephesus dem Spuk ein Ende. Um die Macht der Ketzergemeinde, die sich bis nach Gallien, Rom, Konstantinopel und Nordafrika ausgebreitet hatte, einzudämmen, machte er, mit der Unterstützung von Kaiser Justinians Truppen, in Kleinasien Jagd auf "Juden, Heiden und Häretiker". Die Basilika von Pepouza wurde teilweise abgebrannt. Zwar amtierten in der Stadt noch ein paar Jahrhunderte lang gleichgeschaltete orthodoxe Würdenträger. Aber die christliche Gemeinschaft der Montanisten, in der Frauen gleichberechtigt Bischöfinnen sein durften, hatte zu existieren aufgehört. Ihre Wirkungsstätten versanken in der Bedeutungslosigkeit.