Gould wohnte nie in Lakonien. Sein Werk gleicht einem breit und träge mäandrierenden Strom - und ist eine Zumutung in mehrfacher Hinsicht. Wie anders soll man ein Buch nennen, das mit 1433 eng gesetzten Seiten daherkommt (dessen Inhaltsverzeichnis allein 14 dieser Seiten einnimmt) und das eine neue Synthese zur Evolutionstheorie wagt. Ob dieses gewichtige, wichtige Werk - nicht nur für Biologen, sondern über die Naturwissenschaften hinaus - so revolutionär wie Charles Darwins Origin of the species von 1859 wirkt, muss sich erweisen. In den USA, wo das Buch Ende März erschien, ist die Fachwelt noch mit der Lektüre beschäftigt.

Doch allein dass sich dieser Vergleich aufdrängt, lässt die Bedeutung ahnen. In seiner Mammutstudie zur Struktur der Evolutionstheorie breitet der in diesen Tagen verstorbene Paläontologe Gould - Jahrgang 1941, Professor für Zoologie an der Harvard University und zweifellos der eloquenteste unter den Wissenschaftsautoren - einen Gegenentwurf zur gradualistischen Standardtheorie des Darwinismus aus, bei dem nicht zuletzt auch seine eigenen Beiträge - insbesondere die Theorie des "punctuated equilibrium" - breiten Raum finden. Er interpretiert Darwins Theorie des 19. Jahrhunderts und analysiert deren moderne Fassung, die "synthetische Theorie der Evolution" des 20. Jahrhunderts, vor dem Hintergrund maßgeblicher Forschungsarbeiten und im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext. Gould untersucht dabei ausführlich die drei zentralen Kritikpunkte am Darwinismus, dass erstens die natürliche Selektion nicht nur am Organismus ansetzt, sondern auf unterschiedlichen Ebenen vom Gen zur sozialen Gruppe operiert; dass zweitens evolutionärer Wandel nicht allein das Werk von Anpassung ist, sondern neben der natürlichen Selektion noch andere Mechanismen wirksam sind; und dass drittens dieser Wandel nicht allmählich und graduell vor sich geht, sondern mitunter schubweise und von Katastrophen gezeichnet verläuft. Schließlich schlägt er in einer Synthese vor, wie sich die klassischen Konzepte Darwins mit der Kritik vereinen lassen.

Ob man Gould darin folgen mag oder nicht, sein neuer Strukturentwurf der Evolutionstheorie, der eine enorme Stofffülle meistert, wird die Diskussion für Jahre und Jahrzehnte bereichern, wenn nicht gar beherrschen (zumal erst bei Gould viele Forscher mit beschränktem Blick auf immer kleinere Details lernen, worum es eigentlich geht). Freilich leidet auch dieses Buch, dessen deutsche Übersetzung derzeit geplant wird, unter der Gouldschen Krankheit. Wie schon das knappe Dutzend seiner Essaybände krankt auch das Lebenswerk an einer wohlwollenden Liebe zum Detail, die dauernd vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Tatsächlich geht Gould sämtlichen Verästelungen, Implikationen und Entwicklungen nach, analysiert Stimmen und Gegenstimmen zu Befunden und Beiträgen der Evolutionsbiologie.

Andererseits: Dem Gouldschen Facetten- und Sprachreichtum ist es zu verdanken, dass seine überdies inhaltsvolle Synthese intellektueller Genuss und Lesevergnügen zugleich ist.

Stephen Jay Gould: The Structure of Evolutionary Theory
The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge/Mass. 2002; 1433 S., 39,95 US-$