Angenommen, man liest Martin Walsers Tod eines Kritikers nicht als Enthüllungsbuch, sondern als Gegenwartsroman: Wäre es dann eine meldepflichtige Neuigkeit? Nein, das nicht. Wird Walser also systematisch missverstanden? Nein, ebenfalls nicht. Warum kann Walser dann in den Verdacht geraten, er spiele mit antisemitischen Klischees? Weil er einen Roman vorlegt, dessen Stoßrichtung er schon lange angekündigt hat. Tod eines Kritikers folgt nämlich penibel einem Manifest, das Walser im zeitlichen Umfeld der Paulskirchen-Rede veröffentlichte: Ich vertraue. Querfeldein (NZZ vom 10./11. Oktober 1998). Dieses Bekennerschreiben liefert die Melodie, nach der Walser die Figuren in seinem neuen Roman zum Tanze bittet. Entgeistert von den antijudaistischen und antimoralischen Untertönen, hat Salomon Korn Walsers Text damals als "neuheidnisch" bezeichnet, und das war er auch.

Ohne Umschweife kommt Walser in Querfeldein auf die jüdisch-christlichen Wurzeln der europäischen Kultur zu sprechen. Ihre Herrschaft, schreibt er, sei für das Unglück der Gegenwart mit verantwortlich, denn der biblische Gott habe uns nicht besser, sondern schlechter gemacht. "Wir werden darauf eingestimmt, dass wir böse sind, wenn wir nicht das tun, was von uns verlangt wird. Von da an läuft alles verkehrt." Religion ist Unterwerfung, aber "Unterworfen sein macht böse". Unerträglich findet Walser, dass die religiösen Gesetze uns vom Ureigenen der deutschen Kultur, dem Vorchristlich-Germanischen, entfremden. "Da war in jedem Baum, in jeder Quelle ein anderer Gott. Unvorstellbar, daß unterm Schirm einer hingestreuten Göttervielfalt dem Planeten je hätte Gefahr drohen können."

Walsers Alternative ist von bewaffneter Klarheit. Wenn alle Religion Herrschaft über das Ureigene ist, dann müssen wir uns von der jüdisch-christlichen Unterdrückung befreien. Nicht nur der Einzelne, sondern, darauf kommt es in diesen Tagen an: auch die Nation. "Wir suchen nach universalistischen Rezepten, anstatt endlich von uns auszugehen. Nicht an andere sollen wir denken, sondern an uns. Nur dann haben vielleicht auch andere etwas von uns. (...) Bloß keine Ethik für alle ... Gleichgültig, was dadurch aus dem und jenem wird. Es sei denn, sie sind in Not. Aber in wirklicher Not." Walsers erlösende Formel lautet deshalb: Umwertung der christlichen Werte, Befreiung von den Zumutungen der Moral, Rückkehr zur ureigenen, deutschen Kultur. "Ich vertraue auf ältere Erbschaften." Das ist sein gutes Recht. Aber was folgt daraus?

Die Hure Babylon

Daraus folgt zum Beispiel ein Roman wie Tod eines Kritikers, in dem ein deutscher Dichter von der Herrschaft eines jüdischen Kritikers an der Entfaltung seines Ureigenen gehindert wird. Hans Lach, so heißt der Autor, liebt die Kultur und ist eigentlich ein guter Mensch. Leser kennen den deutschen Dichter Hans Lach schon aus Walsers Ein springender Brunnen. Damals hieß er noch Johann und wollte auch schon ganz für die deutsche Dichtung leben, woran ihn leider die Umstände hinderten. Als er von der Front zurückkam und erfährt, in welcher Angst eine jüdische Nachbarin gelebt hatte, wehrt er sich gegen das Mitgefühl, das ihm abverlangt wird. "Die Angst, in der Frau Landsmann gelebt hatte, engt ihn ein. Er will mit dieser Angst nichts zu tun haben. (...) Er wollte von sich nichts verlangen lassen." Johann möchte sich von der Erinnerung an jüdisches Leid nicht an seiner Entfaltung hindern lassen und ganz aus dem Eigenen leben. Und so schnallt er sich einen Rucksack mit ureigener deutscher Literatur auf und zieht gen Bundesrepublik.

Dort ist er nun angekommen, und den Rucksack trägt er in Tod eines Kritikers immer noch. Er ist bestimmt ein guter Dichter, aber der Kritikergott André Ehrl-König gibt ihm nicht den Hauch einer Chance. Ehrl-König wurde vom Weltschicksal aus dem französischen Nirgendwo ins Land geweht. Von seinem Jüdischsein macht er kein großes Aufheben, dafür ist er von Eitelkeit zerfressen, von keiner Mutter geliebt, intrigant und klein von Wuchs. Im Grunde, sagen viele Figuren, ist Ehrl-König nichts anderes als eine Mischung aus Sex und Intellekt. Weil er nichts Ureigenes hat, keine Tradition, saugt er an der deutschen Kultur und lässt sich von einem verirrten Linksprotestanten, den Walser als Walter Jens kenntlich macht, geistig durchfüttern.

Bizarr genug: Dieser Intellektuelle (Jens) baut einen jüdischen Kritikergott auf, um mit linker Gesinnung deutsche Literatur zu unterdrücken. Wenn der Druck im Meinungskessel nicht ausreicht, springt die amerikanische Ostküstenintelligenz hilfreich zur Seite. Dann kommt Martha Friday aus der Hauptstadt des Westens, aus New York, und hält unter Absonderung von Anzüglichkeiten das neueste Buch des jüdischen Romanciers Philip Roth drohend in die Kamera. Die Hure Babylon zeigt deutschen Dichtern, wie man Romane schreibt. Amerikanisch-jüdische Zivilisationsliteratur gegen deutsche Tiefe - das ist die Moralkeule, mit der André Ehrl-König die deutschen Meister in Schach hält.

Nein, Walsers Roman gibt dem Leser keine Rätsel auf. Viele Sätze, die der verkannte Dichter dem Starkritiker entgegenschmettert, gleichen aufs Haar den völkischen Parolen, mit denen die Schriftsteller Kolbenheyer, Grimm und Johst in der Weimarer Republik die "zersetzende Herrschaft" jüdische Literaturkritik mundtot machen wollten. (ZEIT Nr. 37/2000). Auch Walsers Ehrl-König duldet keine anderen Götter neben sich, und er kujoniert die deutsche Kultur im Namen einer "Aufklärungsmoral", die er sich zwecks Niederhaltung unliebsamer Gegner selbst ausgedacht hat. Willkürlich trifft er eine Unterscheidung zwischen guter westlicher und schlechter deutscher Literatur, um dann unter Berufung auf diese selbst gefertigte Unterscheidung deutsche Dichter ans Messer zu liefern. "Es ist schon eine schwertscharfe Einteilung, die Ehrl-König da in die Welt gebracht hat." Er fordert Wahrheit und will nur betrügen

er spielt Opfer und ist doch Täter. Zurück bleiben "Besiegte".

Das religiöse Gesetz, sagt Walser in Querfeldein, sei Herrschaft über das Ureigene und nichts weiter. Das Gesetz des jüdischen Kritikers, heißt es in seinem neuen Roman, sei Wille zur Macht und nichts weiter. Das ist das Muster: Seitdem der Jude André Ehrl-König der deutschen Literatur sein Nein entgegenschleudert hat, ist der Hass in der Welt. Seine Moral erfindet das schlechte Gewissen, um andere gefügig zu machen

seine Mission erzeugt die Erlösungsbedürftigkeit, die er dann mit eigener Hand befriedigt. Es kommt noch schlimmer. Der jüdische Kritiker, so muss man es lesen, hat die ureigenen deutschen Werte lächerlich gemacht und Hölderlins Götter vom Sternenhimmel geholt. Der "Monotheismus" seiner Kritik zerstört den Polytheismus der deutschen Einbildungskraft. Besonders bei einem, dem Dichter Hans Lach. Oder in den Worten aus Querfeldein: Hans Lach wird darauf eingestimmt, dass er böse ist, wenn er nicht tut, was von ihm verlangt wird.

Von da an läuft alles verkehrt.

Das Bilderverbot durchbrechen

Natürlich muss Hans Lach scheitern, aber er ist nicht lächerlich. Er wird unter den Mühlsteinen des Kritikers zerrieben, als Täter verdächtigt, obwohl er Opfer ist. Nun kann man fragen, ob der gespielte Irrsinn dieser Figur nicht die Wahrheit ihrer Sätze widerruft. Vielleicht, aber nicht in einem Roman, erst recht nicht in diesem. Werden seine Ressentiments dem Gespött ausgesetzt? Nein, auch das nicht. Walser betrachtet das Verrückte und das Lächerliche als die verkehrte Gestalt der Wahrheit. Auch das Stammeln des kleinen Hölderlin-Dionysos, der Figur Mani Mani, erscheint als Folge einer Sprachentfremdung, die die linke, jüdische und amerikanisierte Intelligenz über ihn verhängt hat. Darum ist in einer verrückten Welt die Verrücktheit ein Zeichen sprachlicher Gesundheit. Und sogar die symbolische Dornenkrone, die Hans Lach trägt, verwandelt sich in den Widerschein von Wahrheit. Nun ist er es, der die Welt verlacht. "Lächerlichkeit", heißt es in dem Gedicht, das Walser in Querfeldein beigegeben hat: "Lächerlichkeit ist die Königskrone / Von mir darf verlangt werden, so / zu gestehen, daß niemand weiß / wovon ich spreche / Ich muß auf der Folter Fremdsprachen sprechen."

Und was ist nun die ureigene, die deutsche Sprache? Es ist, so sagt Hans Lach mit anschwellendem Vorgefühl, nicht der new speak der linken und jüdischen Hanser-Suhrkamp-Kultur mit ihrer untragischen Aufklärung, die Seuse und Dostojewskij vergessen hat und vor allem: die saturnische, reine "gebärende Zeit" - jenes Sein, an dessen Kelch auch die Verlegersgattin nippt, während die Welt an ihrem Gerechtigkeitswahn zugrunde geht. Hier, beim Blick in die ursprüngliche Zeit, "stirbt" auch das Tötungsverbot, jedenfalls in den fiktiven Bekenntnissen des Helden. Keine Rückkehr in den mystischen Grund ohne die Neutralisierung der Ethik.

Das ist, natürlich, literarische Fantasie, auch Satire, aber es ist nicht nur Rollenprosa, die im endlosen Spiel ihrer Perspektiven einfach verschwände.

Walser hat keinen postmodernen Roman geschrieben, der wie Penelope sein Sinngewebe in Reflexion auflöst. Es gibt keine Umkehrung der Umkehrung. Am Schluss, wenn der Autor vor weißen Blättern sitzt und seine Beobachtungen beobachtet, kreist seine Fantasie über dem Unsagbaren, das zu sagen ihm verboten ist. Das Unsagbare ist aber nicht der Holocaust, sondern die Hegemonie der jüdisch-westlichen Kultur über die deutsche Sprache. Noch einmal läuft die Erzählung des Romans in sein Textgedächtnis zurück und durchbricht das angebliche Bilderverbot, das Ehrl-König über das Deutsche der Deutschen, ihr Ureigenes ausgesprochen hat. Unwiderrufen steht im Raum, wer dem Erzähler den Atem nimmt: Es ist der kalte Geist aus der Fremde, der keinem anderen Götzen opfert als dem nackten Trieb.

Gegen "jüdische Weltverneinung"

Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg kann darin kein Spiel mit antisemitischen Klischees entdecken, wie sollte er auch, hat er doch für die "Umwertung der Werte" noch ganz andere Kaliber im Programm. Und wenn er sich nun über die nachholende Empörung wundert, hat er sogar Recht. Denn Der Tod eines Kritikers ist die konsequente Durchführung eines ästhetischen und politischen Programms, aus dem Walser nie einen Hehl gemacht hat und dessen Mischung aus Friedrich Nietzsche und dem französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoît seit langem im Vollbild vorliegt. Welche geistigen Wahlverwandtschaften darüber hinaus noch bestehen, ist keine Entdeckung, von der man der Welt erst heute Mitteilung machen müsste. Denn auch für Ernst Jünger war der "Monotheismus eine tausendjährige Inzucht", und auch er wollte den gordischen Knoten der jüdisch-christlichen Moral durchschlagen, damit Deutschland erhobenen Hauptes den Fesseln der westlichen Schuldmoral entsteige. Damals hatte Frank Schirrmacher den alten Ernst Jünger wie einen Halbgott verehrt

doch was Jüngers Antijudaismus angeht, wird er die Differenz zu Walser mit der Lupe nicht finden. Es gibt sie nicht.

Auch Walsers Mär vom "psychischen Mord" an der Sprachnation sprudelt aus einschlägigen Quellen. Die Infamie, jüdische Schuldmoral hindere die deutsche Kultur an ihrer Entfaltung, muss man bei rechten Flakhelfern nicht lange suchen. Bei Gerd Bergfleth las sich das so: "Den entscheidenden Faktor der Linkswende bildete die zurückgekehrte deutsch-jüdische Intelligenz, die eine letzte Chance erhielt, Deutschland nach ihren weltbürgerlichen Maßstäben umzumodeln ... (Sie) besitzt keinen besonderen Sinn für das, was deutsche Eigenart ist, etwa die romantische Sehnsucht oder die Erinnerung an heidnisch-germanische Vergangenheit."

Walser hat nicht, wie Salomon Korn in der Sendung Kulturzeit meint, eine Partitur geschrieben, die deshalb gefährlich ist, weil sie von fremden Sprechern aufgeführt werden kann. Nein, es ist schlimmer. Walsers Politkunst ist nicht vom Himmel gefallen. Er hat Stimmen, die längst im Raum sind, eine Partitur nachgeschrieben und zur Aufführung gebracht. Seit langem gibt es das Ressentiment kultureller Eliten, die die christlich-jüdische Überlieferung für das nationale Unwohlsein verantwortlich machen. Ihnen hat die Wiedervereinigung die Zunge gelöst, und jetzt sprechen sie aus, was man am rechten Rand schon immer gedacht hat: dass der Weg zur selbstbewussten Nation erst dann frei wird, wenn die Erinnerung an Auschwitz in eine jüdische Sondererinnerung endgelagert wird.

Niemand wird sagen, die Schlagworte der politischen Saison hätten diese Entwicklung aufgehalten. Des Kanzlers neue "Unbefangenheit" und die Liebe zur "Ästhetik des Staates" (Karl Heinz Bohrer), das Gerede vom Terror der "Gutmenschen" (Kurt Scheel) und die klammheimliche Freude der "Generation Golf", die Schatten von Auschwitz würden kürzer

auch der Antijudaismus der Renegaten, früher links, heute rechts: all das hat die Flurbereinigung vorbereitet. Aber erst jetzt schrecken die früher so antialarmistischen Zauberlehrlinge vor den Geistern zurück, die sie gerufen haben - obwohl jedem von Anfang an klar sein musste, woraus der geistesgeschichtliche Kitt besteht, der das Wahnbild der "normalen" Nation zusammenhält.

Und nun? Der Streit um Walser ist der jüngste Akt im langen Streit um das moralische Fundament der Berliner Republik, ausgetragen im Herzen der Suhrkamp-Kultur. Aber diesmal muss in der Fantasie eines Romans erst die jüdische Weltverneinung beseitigt werden, damit ein deutscher Dichter zu sich kommt. Das konnte man noch nirgends lesen, nicht einmal bei Walser. Und dennoch führt es zu nichts, wenn sich nun der liberale Konsens zu voller Lebensgröße hocharbeitet und sein Selbstbewusstsein auf Hochglanz poliert.

Irgendwann verwandelt sich der Konsens zum einzigen Inhalt dessen, worüber Konsens besteht. Es gibt zudem ein ganzes Bündel an Fragen, von denen eine Kofferträger-Germanistik leider überfordert ist. Eine davon lautet, warum der Affekt gegen die monotheistischen Religionen den Platz der Kulturkritik besetzt, zuletzt in Handkes Roman Bildersturz, auch in Michel Houllebecqs Plattform, einer wütenden Trauerrede darüber, dass die Heilsversprechen der Weltreligionen in die profane Welt zurückwandern und noch im letzten kambodschanischen Dorf spirituellen Glanz verbreiten - den Glanz von Konsum und Kapitalismus als Religion.

Für Walser kommt Erste Hilfe zu spät. Er hat seine literarische Fantasie in den Abgrund seiner Weltanschauung blicken lassen, und nun schaut der Abgrund aus ihr zurück. Schier aussichtslos, darin die frühen Motive wiederzuerkennen - seine Leidenschaft für das ausgeschöpfte Leben, seine Angst vor einer Rationalität ohne Glück.