Wenn es für Hegels Diktum, Philosophie sei ihre Zeit in Gedanken gefasst, einen ernsthaften Prüfstein gibt, dann ist es das "Dritte Reich": Was für eine Zeit waren die Jahre zwischen 1933 und 1945, und welche Philosophie hat sie in Gedanken gefasst? 57 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat erstmals Christian Tilitzki versucht, diese Frage umfassend zu beantworten.

Sein 1475 Seiten starkes Buch über Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich ist somit auch eine scharfe Anklage gegen die bisherige philosophiehistorische Forschung, die, aus unterschiedlichen Gründen, sich äußerst verschämt und nur ganz allmählich mit der Geschichte des eigenen Faches im Nationalsozialismus auseinander setzt.

Christian Tilitzkis von Karlfried Gründer und Ernst Nolte betreute Dissertation stellt in enzyklopädischer Form sämtliche Philosophiehabilitanden und -professoren in ihren Universitätsakten, Werken und Briefen vor. Die akribische Aufmerksamkeit gilt besonders den äußerst differenziert ausgebreiteten Weltanschauungen, die die Philosophen in diesen 27 Jahren vertraten. So kommen neben bekannten Namen wie Heidegger, Scheler, Freyer und Gehlen berüchtigte Philosophen wie Alfred Baeumler und Ernst Krieck und viele völlig vergessene Denker vor, die aber wichtig sind, um das Bild nicht nur aus kräftigen Strichen, sondern mit vielen Zwischentönen zu zeichnen. Darüber hinaus: Viele von ihnen wurden nach dem Krieg wichtige Figuren der deutschen Philosophie.

Ich kenne keine Studie, und darin bestätigt mich die parallele Lektüre von Norbert Kapferers Fleißarbeit über die Nazifizierung der Philosophie an der Universität Breslau, die auch nur in Ansätzen das Wissen um die deutschen Philosophen und ihre Philosophien zwischen 1918 und 1945 derart erweitert und kontextualisiert wie die vorliegende. Tilitzki geht es nicht um die Plausibilität des Gedachten, sondern um seine Kontinuität. Damit "rettet" er, so seine Annahme, die Pluralität des Denkens vor 1933 in das "Dritte Reich".

Der Forschung wirft er gleichzeitig vor, sie übertrage der Zeit fremde Kategorien, um sich moralisch entrüsten zu können.

"Statt nachholender Ideologiekritik ist die Vielfalt der zumeist durch jeweils aktuelle Ereignisse angeregten politischen Aussagen empirisch zu erschließen", so Tilitzkis methodische Prämisse. Um also ein "authentisches" Bild der Universitätsphilosophie im genannten Zeitraum zu erhalten, müsse die "Erforschung der deutschen Zeitgeschichte" von "politisch-pädagogischen Rücksichtnahmen" befreit werden. In der Folge sei es unabdingbar, "vielfach revisionistische Bereitschaft" zu zeigen, um den besonderen Rahmenbedingungen Genüge zu tun, unter denen Philosophie im genannten Zeitraum gelernt und gelehrt wurde.

Die Rahmenbedingungen: Prägungen durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges