Als klassisch kann insoweit die berühmte Frage des Rostocker CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Karlheinz Schmidt an Ignatz Bubis gelten. "Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens?", fragte Schmidt im November 1992 Bubis, der wegen eines massiven Pogroms und forgesetzter Übergriffe in die Hansestadt gereist war, und fuhr fort: "Ihre Heimat ist Israel. Ist das richtig so? Wie beurteilen Sie die täglichen Gewalttaten zwischen Palästinensern und Israelis?" Bubis nahm die angebliche Frage, wie sie gemeint war: "Sie wollen mit anderen Worten also wissen, was ich hier zu suchen habe?" Er fügte hinzu, was ihm damals selbstverständlich war: Jude zu sein sei kein nationaler Prägestempel, sondern Glaubenssache.

Was also ist Antisemitismus? Jedenfalls fällt darunter die in vielfältigen Formen begründete kollektivistische Verdächtigung oder Diskriminierung des Einzelnen, weil er Jude ist, so wie das Ignatz Bubis in Rostock widerfuhr.

Geht es umgekehrt um eine Person, die öffentlich angegriffen wird, oder um konkrete israelische Politik hilft allein die Untersuchung des Einzelfalls weiter. Es wäre viel gewonnen, wenn die Auseinandersetzungen zwischen Michel Friedman und Jürgen Möllemann oder zwischen Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki zuerst als Streitigkeiten zwischen zwei einigermaßen gleichstarken Kontrahenten angesehen würden und erst nach Würdigung aller Fakten darüber befunden würde, ob und in welchem Ausmaß hier Antisemitismus im Spiel ist oder nicht. Die Lexikografen des Jüdischen Lexikons sahen es 1927 so: "Auch Massenaffekte sind der Reinigung und Auflösung fähig wie diejenigen der Individuen, allerdings in jenem langsamen Tempo, dem Veränderungen breiter menschlicher Zustände überhaupt unterliegen."

Von Götz Aly erschien zuletzt (zusammen mit Christian Gerlach) "Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden", DVA 2002