Es ist der 15. November 1879, als der bekannte Berliner Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke einen Artikel unter dem Titel Unsere Aussichten abschließt, in dem er die deutschen Juden frontal angreift. Der Text, der in den von ihm selbst herausgegebenen Preußischen Jahrbüchern erscheint, löst sofort eine scharfe Debatte aus (den so genannten Berliner Antisemitismusstreit), die von enormer Bedeutung für die politische Kultur des noch jungen Kaiserreichs werden sollte. Bei genauerer Betrachtung stellt sich der Konflikt jedoch nicht als ein einzelner Streit dar, sondern zerfällt in zwei verschiedene, auch zeitlich voneinander getrennte Kontroversen, in deren Mittelpunkt allerdings beide Male Heinrich von Treitschke steht.

Ein Professor, der gerne Soldat geworden wäre. Doch die militärische Karriere bleibt ihm, 1834 in Dresden als Sohn eines sächsischen Generalleutnants geboren, versagt, da er seit Jugendtagen an Taubheit leidet. Die Revolution von 1848 begeistert den Vierzehnjährigen für die Politik - und für freiheitliche Ideale. Er studiert unter anderem in Bonn und Leipzig und lehrt von 1866 an Geschichte in Kiel, später in Heidelberg, seit 1874 in Berlin. Wie so viele alte Achtundvierziger wird er mit den Jahren ein vehementer Verfechter der Bismarckschen Einigungspolitik. Als "Herold der Reichsgründung" besitzt er erheblichen Einfluss auf Deutschlands Bürgertum - wodurch sich auch das Echo erklärt, das Treitschke sofort findet.

Treitschke sieht sich selber als Tabubrecher

Den Zeitpunkt für Unsere Aussichten hat er mit Bedacht gewählt. Kurz zuvor ist Reichskanzler Otto von Bismarck auf Konfrontationskurs gegen die Nationalliberale Partei gegangen, die ihm bisher die parlamentarischen Mehrheiten im Reichstag besorgt hat. Der Umschwung stürzt den politischen Liberalismus in eine tiefe Krise und spaltet die Nationalliberalen. Treitschke, der für diese Partei im Reichstag sitzt, hat schon länger versucht, seine Fraktion auf den konservativeren Kurs Bismarcks einzuschwören, und ist dabei auf erbitterten Widerstand gestoßen, vor allem bei den beiden jüdischen Liberalen Ludwig Bamberger (1823 bis 1899), dem "Vater der deutschen Mark", und Eduard Lasker (1829 bis 1884). Dagegen gilt es nun, die politische Wende in der bürgerlichen Öffentlichkeit publizistisch abzusichern.

Unsere Aussichten ist ein geschickt argumentierender, rhetorisch ausgefeilter, in allem äußerst gehässiger Artikel. Er beginnt mit einem großen Überblick zur Lage der Nation, wobei die schwierige außenpolitische Situation Treitschke die Eintracht zwischen der Krone und dem Volke fordern lässt. Damit ist der Historiker bei seinem Lieblingsthema angekommen: der "inneren Reichsgründung", mit der, nach der Vollendung der äußeren Einheit, nun auch die Kultur des neuen Staates auf einen gemeinsamen Grundton gestimmt werden soll. Man brauche endlich ein "gekräftigtes Nationalgefühl", um für die schwierigen Aufgaben der Zukunft gewappnet zu sein; auch müsse es ein Ende haben mit dem Gutmenschentum: "Das erwachte Gewissen des Volks wehrt sich vornehmlich gegen die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters." Er sieht allerdings ein entscheidendes Hindernis auf diesem Weg: die deutschen Juden.

Diese sind schon seit Monaten Vorwürfen ähnlicher Art ausgesetzt. Insbesondere der protestantische Theologe und Hofprediger der Hohenzollern, Adolf Stoecker (1835 bis 1909), hat die Mobilisierungskraft antisemitischer Hasstiraden entdeckt und lockt Tausende Zuhörer in die Veranstaltungen seiner Christlichsozialen Partei. Hier brandmarkt er "das Mißverhältnis zwischen jüdischem Vermögen und christlicher Arbeit", fordert die "Entfernung der jüdischen Lehrer aus unseren Volksschulen" und zudem die "Kräftigung des christlich-germanischen Geistes".

An diesen Umtrieben meint Treitschke nun eine "wunderbare, mächtige Erregung" im Volk erkennen zu können. Dabei käme zwar viel Beklagenswertes zum Vorschein, der "Instinkt der Massen" richte sich dennoch ganz zu Recht gegen einen "hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens", also gegen die Juden.

Im weiteren Verlauf seiner Suada wirft sich der Historiker immer heftiger in die Pose des nationalen Verkünders, der bereit ist, gegen eine Welt von Feinden zu Felde zu ziehen. Den gesunden Impuls der Volksmassen hemme ein Tabu: Über die Fehler der Deutschen dürften alle ungescheut ihre Meinung äußern, nur wenn es um eine Schwäche der Juden gehe - und ihre schärfsten Kritiker seien ja oftmals selber Juden! -, habe man die gesamte Presse gegen sich. Für Treitschke ist es auch kaum zu erwarten, dass sich dies in Zukunft ändern werde, denn es sei das erklärte Ziel der Juden, das öffentliche Leben zu beherrschen: Aus dem Osten wandere pausenlos eine "Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge" ein, deren "Kinder und Kindeskinder" bald die Börsen und Zeitungen beherrschen würden. Diese Gefahr müsse man abwehren, damit nicht auf die "Jahrtausende germanischer Gesittung" ein "Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur" folge.

Neben dem Motiv der Fremdheit und nationalen Unzuverlässigkeit der Juden - Treitschke empfiehlt ihnen, endlich Deutsche zu werden - artikuliert sich bei ihm das Unbehagen des gebildeten Bürgers. Der Integrationsprozess der Juden hatte sich im 19. Jahrhundert vor allem als eine Verbürgerlichung gestaltet; zu dem Zeitpunkt, da Treitschke zur Feder greift, sind sie längst ein sichtbarer Bestandteil der bürgerlichen Bildungskultur. Diese gleichsam alltägliche Nähe spiegelt sich verzerrt in Treitschkes Berufung auf die eigenen jüdischen Freunde wider. Indem er diese zu Ausnahmen "mit edlen und guten Zügen deutschen Geistes" stilisiert, dienen sie nur dazu, die allgemeine Regel zu verdeutlichen, das heißt, den Charakter des gewöhnlichen deutschen Juden zu enthüllen. Dieser zeichne sich vor allem durch eine gefährliche Überheblichkeit aus: Während es unter den führenden Künstlern und Wissenschaftlern nur wenige Juden gäbe, dominiere die "betriebsame Schaar der semitischen Talente dritten Ranges". Und dann schreibt er jenen Satz, der noch in den Tagen des "Dritten Reichs" eine Standardparole der antisemitischen Agitation war: "Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!"

Dieser Satz (wie der gesamte Text) gilt oft als Beleg für Treitschkes Manipulationskraft, ja, mit diesen "Thesen" habe er den Antisemitismus erst im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig gemacht. Doch eine nähere Betrachtung der privaten Diskussionen in Treitschkes Umkreis zeigt, dass er nur aussprach, was viele dachten. So äußerten sich seine Freunde und Kollegen in Briefen während des Jahres 1879 eindeutig judenfeindlich. Den Berliner Literatur- und Kunsthistoriker Hermann Grimm (1828 bis 1901) etwa verlangte es nach "Grobheit", als er auf die "Judenfrage" zu sprechen kam: "Man will glauben, man hat es satt, sich die Dinge beweisen zu lassen." Treitschke konnte in der Tat annehmen, auch für andere zu sprechen. Längst vorhandene Ressentiments aus den privaten Diskussionen gebildeter Bürger öffentlichkeitsfähig gemacht zu haben - darin lag das eigentlich Neue der Aussichten.

Die Juden müssen sich alleine gegen die Anwürfe verteidigen

Bis Anfang Januar 1880 bezieht Treitschke in den Jahrbüchern immer wieder Stellung (zusammengefasst in seiner Broschüre Ein Wort über unser Judenthum, das im selben Monat heraus kommt). Seine Entgegnungen scheinen ihm notwendig, da bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung der Aussichten Gegenstimmen laut werden. In schneller Abfolge erscheinen Protestschriften: In der ersten Dezemberwoche publiziert der Breslauer Rabbiner Manuel Joël (1826 bis 1890) einen offenen Brief an Treitschke, einen Text, der mindestens sieben Auflagen erreichen sollte. Parteifreund Ludwig Bamberger verfasst ebenfalls eine viel beachtete Entgegnung: Deutschthum und Judenthum, in der er vor allem die politischen Hintergründe zur Sprache bringt. Treitschkes Kollege, der Berliner Mediävist Harry Breßlau (1848 bis 1926), publiziert ein Sendschreiben, in dem er nahezu jedes Argument von Treitschke en détail zu widerlegen versucht. Und der Historiker Heinrich Graetz (1817 bis 1891) wehrt sich in einem Zeitungsartikel gegen direkte Vorwürfe Treitschkes an seine Adresse.

All diese Repliken haben allerdings, was ihre öffentliche Wirkung angeht, ein Manko: Ihre Autoren sind ausnahmslos Juden. Die vereinzelten christlichen, nichtjüdischen Stimmen ergreifen mehr oder weniger eindeutig Partei für Treitschke. Dieser nutzt das geschickt, um die Kritik abzukanzeln. Der Aufschrei der Juden zeige nur eines: ihre krankhafte Überempfindlichkeit. Erst in den vergangenen Wochen sei ihm die "stille sociale Macht des fest unter sich zusammenhaltenden Judenthums" sichtbar geworden. Hier scheint ein weiteres sattsam bekanntes Motiv der Antisemiten auf: Die Juden, die sich gegen Angriffe verteidigen, würden nur deren Richtigkeit belegen. Wie alle wahren Judenfeinde hatte sich Treitschke schon lange aus der Wirklichkeit in die paranoide Ideologie verabschiedet.

Warum aber fand sich kein Christ, kein nichtjüdischer Deutscher, den Professor in die Schranken zu weisen? Für die nichtjüdischen Zeitgenossen ließ sich der ganze Streit auf eine Auseinandersetzung zwischen Treitschke und den Juden reduzieren. Die Position der Juden erschien genauso als eine Parteimeinung wie die der Antisemiten. Sie zu verteidigen war nicht etwa Angelegenheit aller moralisch integren Bürger, sondern lediglich Sache der Betroffenen selbst. Man hatte die Wahl: Entweder man verteidigte öffentlich Treitschke und damit den Antisemitismus. Oder man stellte sich auf die Seite der Juden und übertrat damit ebenfalls den Kreis des Schicklichen; denn die Juden zu verteidigen hätte ja bedeutet, sie als Deutsche und Juden anzuerkennen. Dass dies auch für Treitschke-kritische Beobachter der Kontroverse inakzeptabel war, sollte das nächste Jahr zeigen.

Spätestens Ende Januar 1880 scheint die gesamte Auseinandersetzung jedoch beendet. Treitschke widmet sich in seinem Hörsaal Unter den Linden wieder der Lehrtätigkeit; die Jahrbücher füllen sich mit anderem. Es vergehen fast neun Monate, bis das Thema auf die Tagesordnung zurückkehrt - jetzt allerdings in Gestalt eines ganz anderen Konflikts: Nun streiten sich nicht mehr Treitschke und die Juden, sondern die Nichtjuden untereinander.

Wie ist es dazu gekommen? Im Berlin des Spätsommers 1880 hatte es weitere, zum Teil handgreifliche antisemitische Proteste gegeben. Es zirkulierte eine Petition, die an Bismarck appellierte, gegen den Einfluss der Juden einzuschreiten. Besonders unter den Studenten der Berliner Universität ist sie spektakulär erfolgreich: Von den über 3600 Studiosi unterschreiben 1700. Der Eindruck verstärkt sich, dass der Antisemitismus im Bürgertum rasant an Boden gewinnt. Der Liberalismus ist damit nicht nur durch Bismarcks Koalitionsarithmetik politisch bedroht, sondern steht mit einem Mal grundsätzlich infrage. Jetzt erst sind auch liberale Nichtjuden zum Eingreifen bereit, allen voran der Berliner Althistoriker Theodor Mommsen (1817 bis 1903), der sich schon früher - allerdings privat - über die Judenfeindschaft seines langjährigen Weggefährten Treitschke erregt hatte.

Am 14. November veröffentlichen Berliner Honoratioren unter Mommsens Führung eine Erklärung. In dem kurzen Text wird das Ziel der nationalen Einheit bekräftigt, das nun durch den antijüdischen Fanatismus gefährdet sei. Es werde am Vermächtnis Gotthold Ephraim Lessings gerüttelt, von Männern auf der Kanzel und dem Katheder. Diesen Zusatz müssen die Zeitgenossen auf Stoecker und Treitschke beziehen. Kurz danach geht Treitschke deshalb an die Öffentlichkeit und verwahrt sich entschieden gegen den Vorwurf, vom Katheder herunter zu politisieren. Er habe die Juden als Publizist angegriffen, nicht als Ordinarius der Berliner Universität, und brauche von seinen Äußerungen auch nichts zurückzunehmen. Mommsen bestätigt in einer weiteren öffentlichen Erklärung, dass mit der betreffenden Passage tatsächlich die Kollegen gemeint sind. Am 19. November wird Treitschke von seinen Studenten mit Ovationen begrüßt.

Die Liberalen stehen jetzt am Scheideweg

In den folgenden Tagen verliert sein Standpunkt allerdings an Glaubwürdigkeit. Es wird publik, dass Treitschke Studenten bei dem Versuch unterstützt hat, Unterschriften für die Antisemitenpetition einzuwerben. Nun kommt es zur Eskalation, und diesmal unter größter Anteilnahme der gesamten Öffentlichkeit. Die Universitätsleitung schaltet sich ein: Treitschke solle erklären, ob die Vorwürfe zuträfen. An der Berliner Universität herrschen tumultartige Zustände, insbesondere in den Lehrveranstaltungen Adolf Lassons (1832 bis 1917). Der Philosoph jüdischer Herkunft hat es gewagt, Treitschke zu kritisieren. Die antisemitischen Studenten fühlen sich ermuntert und steigern noch ihre Agitation. Und auch das preußische Abgeordnetenhaus diskutiert jetzt heftig über die "Judenfrage" und die Antisemitenpetition.

In diesen Aufruhr hinein veröffentlicht Mommsen seine Generalabrechnung mit Treitschke: Auch ein Wort über unser Judenthum. Er wird sehr deutlich. Seinem ehemaligen Weggefährten wirft er vor, den "Kappzaum der Scham" gegenüber der antisemitischen Bewegung eingerissen zu haben - "und jetzt schlagen die Wogen und spritzt der Schaum". Doch auch der Althistoriker macht sich seine Gedanken über die Rolle der Juden in der neuen Nation: Wie im Altertum seien sie in der Gegenwart ein Element der "nationalen Dekomposition der Stämme", das heißt, sie würden helfen, die jeweiligen "Stammeseigenschaften abzuschleifen" und so die Bildung einer echten Nation zu befördern.

Ist den Juden auf diese Weise erst eine Funktion zugewiesen, kann Mommsen sie nun ermahnen, diese auch zu erfüllen. Im Übrigen hält er es für erwiesen, dass sie ebenfalls Schuld an den Zuständen besäßen. Die Juden würden sich als Juden bewusst außerhalb der europäischen Zivilisation stellen, die allein mit dem Christentum (wenn auch nicht im streng religiösen Sinne) assoziiert werden müsse. Diese Haltung sei gefährlich, warnt der Althistoriker; besser sei es, sich zum Christentum als internationaler Zivilisation zu bekennen. Zudem habe die Nationsbildung nun einmal für alle ihren Preis: Die Hannoveraner, Hessen und Schleswig-Holsteiner seien daran, ihn zu bezahlen. Auch die Juden führe kein Moses zurück ins Gelobte Land; sie müssten ihrerseits jede "Sonderart" ablegen und sollten - dies die Schlussfolgerung - konvertieren.

Bekennende Juden seien demnach weder als Teil der Zivilisation zu betrachten, noch sei ihre Existenz in der deutschen Nation vorgesehen. Bei aller aufrichtigen Empörung, die Mommsens Text erfüllt und für die er in Berlin als "Mommsohn" verunglimpft wurde - an diesem Punkt lässt sich kaum noch ein Unterschied zu Treitschkes Ablehnung einer "deutsch-jüdischen Mischcultur" ausmachen.

Was aber ist dann der Grund für das Zerwürfnis - ein Zerwürfnis, das sich übrigens bis zu Treitschkes Tod 1896 nicht mehr bereinigen ließ? Die Antwort weist über den Streit hinaus. Denn tatsächlich geht es Mommsen um die Zukunft des Liberalismus: Er will an der "klassischen" Form festhalten, Treitschke wählt den nationalistischen Weg. Erst als Treitschkes Agitation immer größere Beachtung findet, greift Mommsen ein - und er tut dies nicht an der Seite der Juden, deren frühere Beiträge zur Debatte er völlig verschweigt. Mommsens Wort über unser Judenthum ist keine Verteidigung der Juden, sondern des Liberalismus. Die Juden sind zum Spielball in einem ganz anderen Konflikt geworden.

Und so endet aus ihrer Sicht auch der zweite Teil der Auseinandersetzung ähnlich wie der erste. Natürlich zeigen sich einige von ihnen erfreut und bewegt, dass eine so bedeutende Persönlichkeit wie Mommsen gegen Treitschke aufgetreten ist und ihn zumindest für den Moment in seine Schranken verwiesen hat. Dennoch bleibt der bittere Nachgeschmack, dass sich weder Mommsen noch ein anderer Nichtjude unter den gebildeten Bürgern zum Anwalt ihrer Position, ihrer eigentlichen Emanzipation gemacht hatte. Damit ist eine große Chance vertan worden, ein für alle Mal anzuerkennen, dass Juden Teil des politischen Lebens, der Kultur der Bürger und der deutschen Nation als Ganzes geworden waren - und zwar als Juden.