Noch immer wird im Parlament über den Gesetzentwurf zur anonymen Geburt gestritten. Verzweifelten Müttern soll es leichter gemacht werden, ihr Kind zur Welt zu bringen (ZEIT Nr. 24/02). Um das zu erreichen, sollen sie sich bei der Geburt nicht mehr namentlich als Mütter zu erkennen geben müssen.

Fast erscheint es, als sei das Personenstandsrecht, das Eltern zur Anzeige der Geburt ihres Kindes verpflichtet, eine bürokratische Schikane, die an der Lebenswirklichkeit vorbei geht.

Aber dieser vermeintlich bürokratische Akt ist Ausdruck einer bislang von uns allen geteilten Grundüberzeugung - dass Eltern nämlich gegenüber ihren Kindern Verantwortung tragen: für ihr Wohl, ihre Erziehung, ihre Ausbildung, ihren Unterhalt. Anonym gebären zu dürfen, sich nicht zum Kind bekennen zu müssen, verschafft Entlastung von all diesen Verpflichtungen, nicht nur zum Zeitpunkt der Geburt, sondern fürs ganze Leben. Ein ganzes Kinderleben lang, ohne Chance, dies jemals noch einmal zu ändern.

Das, sagen die Befürworter der anoymen Geburt, sei zu rechtfertigen, schließlich gehe es oft um Leben und Tod. Ein einziges gerettetes Leben reiche als Grund, das Grundrecht des Kindes zu verletzen, seine Herkunft zu kennen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob tatsächlich Kinder gerettet werden.

Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Möglichkeit der anonymen Geburt von anderen Personen missbraucht wird, die der Mutter zusetzen, ihr Kind abzugeben: etwa von Zuhältern oder Vätern, die keine Alimente zahlen möchten.

Wir haben es hier mit einem widersprüchlichen Frauenbild zu tun: Einerseits sind die Frauen so verzweifelt und schwach, dass ihnen offenbar jede Verantwortung für das Kind abgenommen werden muss. Man kann ihnen noch nicht einmal zumuten, sich beraten zu lassen, weshalb es keine Beratungspflicht geben soll. Andererseits wird auf die Befürchtung des Missbrauchs entgegnet, keine Frau trenne sich leichtfertig von ihrem Kind. Das scheint zu genügen, wichtige Regeln unseres Zusammenlebens außer Kraft zu setzen und die elterliche Verantwortung nicht mehr einzufordern. Stattdessen gibt es offenbar eine Verantwortung des Sozialstaats, es Frauen möglichst leicht zu machen, sich von ihrem Kind unwiderruflich zu trennen.

Väter gibt es in dieser Welt ohnehin nicht mehr. Weder wird ein Gedanke daran verschwendet, der Kindsvater könnte die Frau unter Druck setzen, noch ist daran gedacht, dass ein Vater die Verantwortung für sein Kind übernehmen möchte. Er wird nicht gefragt und nicht gesucht. Das also ist die Reaktion auf die unübersichtlicher werdenden Liebesverhältnisse - die Entlassung der Väter aus der Vaterschaft. Im Blick auf die Mütter lebt eine Welt wieder auf, die als längst untergegangen galt: die Welt, in der Frauen willen- und hilflos in die Schwangerschaft geraten und vor lauter Schande nicht einmal zugeben können, dass es sie gibt.