Seit dem 11. September herrscht erhöhte Alarmbereitschaft in Huntsville, Alabama. In der Bibel im Amtszimmer der Bürgermeisterin sind die Seiten der Offenbarung des Johannes aufgeschlagen. Kapitel 20, Vers 2: "Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre." Das sollte zur Abschreckung von al-Qaida reichen. Genaueres könne man im schreiend gelben Handbuch Emergency Response to Terrorism nachlesen, das die Bürgermeisterin nebst einer Tasse Kaffee über den Tisch schiebt. Der Inhalt dieser Seiten ist eigentlich nicht für die Presse gedacht, aber Loretta Spencer ist ein leutseliger Mensch, und das Handbuch gegen Terrorismus ist eine weltliche Version der Bibel: Es soll jeder sehen, dass sie Huntsville zu schützen wissen - eine Stadt, die eine besondere Mission hat und deshalb viele Angriffsziele: Raketensilos, Forschungslabors, schmucklose Büroquader mit Abkürzungen wie SMDC. Das steht für Space and Missile Defense Command.

Im Amtszimmer der Bürgermeisterin sitzt man wie in einer patriotischen Puppenstube zwischen rot-weiß-blauen Stofftieren, Feuerwehrmännchen aus Porzellan, Papierservietten mit Stars and Stripes und Fähnchen. Loretta Spencer, 65, parteilos und die erste Frau im Bürgermeisteramt von Huntsville, stopft sich ein Zierkissen mit der Aufschrift "God Bless America" ins Kreuz und tupft ein paar Tränen von der Wange. Die kann sie - "Das müssen Sie entschuldigen" - einfach nicht aufhalten, wenn das Gespräch auf den 11.

September kommt. Gleich nach dem Anschlag hatte sie 100 000 Autoaufkleber mit der Parole "Proud To Be American" in Umlauf bringen lassen, damit "niemand, wirklich niemand Auto fahren musste, ohne Flagge zu zeigen".

Was die Bedrohungen durch den Terrorismus angeht, so habe man, sagt Loretta Spencer, die Bürgerpatrouillen verstärkt, die in ihren Wohnvierteln jedes fremde Autokennzeichen notieren. Weitergehende Maßnahmen bei Anthrax-Attacken oder Bombenanschlägen sind, wie gesagt, im gelben Notfallplan bei Terroranschlägen nachzulesen. Und was das worst case scenario betrifft, so arbeitet Huntsville seit dem 11. September eifriger denn je an der Erfüllung seiner Mission: Amerika vor dem Angriff eines "Schurkenstaates" zu schützen.

Hier in Alabama - und jetzt macht die Bürgermeisterin ein Gesicht, als wolle sie sagen: "Na, das hätten Sie nicht gedacht" - forscht und baut man nicht nur an Raketen aller Art, sondern auch am berühmten Raketenschutzschild im All.

In den achtziger Jahren machte Ronald Reagan dieses Projekt dem Rest der Welt als Strategic Defense Initiative bekannt - im Volksmund auch Star Wars genannt. Heute heißt es National Missile Defense, kurz NMD, und George W.

Bush ist fest entschlossen, den Schutzschirm aufzuspannen. Kritiker sehen darin eine gigantische Geldverschwendung und die Gefahr der Militarisierung des Weltraums. Die Befürworter, zu denen fast alle 175 000 Einwohner von Huntsville zählen dürften, halten den Raketenschutzschild für eine zivilisatorische Mission, für eine High-Tech-Wagenburg gegen die Angriffe der letzten Wilden. Wenn dazu der Weltraum von den USA beherrscht werden muss, erkennt man darin kein politisches Problem, sondern eine große Herausforderung, einen Aufbruch zu neuen Grenzen. "Wir sind eine Pionierstadt", sagt die Bürgermeisterin, "das haben wir den Deutschen zu verdanken". Ohne die Deutschen wäre Huntsville geblieben, was es vor 50 Jahren war: die selbst ernannte Welthauptstadt der Brunnenkresse.