Ein Schuss allein löste am Sonntag den Straßenkampf in Moskau aus. Als der japanische Stürmer im Weltmeisterschaftsspiel den Ball zum 1 : 0 im russischen Tor versenkte, gerieten die Fußballfanatiker vor der Großleinwand nahe dem Kreml in Aufruhr. Erneut drohte eine demütigende Niederlage, gerade 97 Jahre nach Tsushima. Das militärisch geprägte Langzeitgedächtnis der russischen Salonpatrioten und Eckenhetzer hatte schon vor dem Spiel Erinnerungen an jene Meeresstraße zwischen Korea und Japan aufkommen lassen.

Dort waren Russlands stolze kaiserliche Geschwader von der japanischen Flotte 1905 zusammengeschossen und versenkt worden.

Dem alkoholgetränkten Nationalisten ist es für Vergeltung nie zu spät. Doch Tsushima und Japan sind weit weg, und die russische Pazifikflotte hat oft nicht mal mehr Treibstoff für die Paraden. Da warfen die Hooligans entschlossen ihre Bierflaschen in die Moskauer Menge und nahmen die Rache in die eigenen Hände. Flämmend und prügelnd eroberten sie die heimische Twerskaja-Straße. In der von "Russland!"-Rufen begleiteten Schlacht fielen zwei Russen tot zu Boden, weitere 75 wurden verletzt. 237 Schaufensterscheiben und mehr als 50 Autos gingen zu Bruch.

Im patriotischen Überschwang ging es auch den in der Hauptstadt lebenden Asiaten an den Kragen. Die Meute machte Jagd auf Chinesen, Vietnamesen und natürlich Japaner. Im modischen Sushi-Restaurant Ginno Taki stellte der Mob die fischbestückten feindlichen Reisröllchen. Mit Knüppeln statt Stäbchen vernichteten sie den japanischen Feind. jv