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Wie gern nun möchte man ein Bild von Berlin malen, doch selbst Ansichtskarten, wie Walther Rathenau resignierend empfahl, lassen sich kaum von seiner einst "schönsten Stadt der Welt" verschicken. Das Brandenburger Tor, Karikatur eines Arc de Triomphe, steht fest umhüllt in seiner Telekom-Verkleidung. Am besten, man verpackte die Linden mit ihren "Pferdeställen im Tempelstil", wie ein Besucher den Boulevard der Berliner einmal charakterisierte, noch gleich dazu, um sie im allerneuesten Themenpark aufzustellen. Am Potsdamer Platz hat Stuttgart den Berlinern gezeigt, was eine Hauptstadt ist. Aber der Reichstag? Das Kanzleramt? Die neue Mitte?

"Oh Berlin, wie weit ab bist du von einer wirklichen Hauptstadt. Du bist durch politische Verhältnisse über Nacht dazu geworden, aber nicht durch dich selbst" - schrieb Fontane. Also alles schon gesagt, vor 100 Jahren so gut und richtig wie heute. Über das großfressige und das provinzielle Berlin, den "Parvenu der Großstädte und die Großstadt der Parvenus", wie es bei Rathenau heißt; das proletarische und das neureiche Berlin, für das einst die Franzosen blechen mussten, von Bismarck zur Hauptstadt befördert; nur für eine Dekade Weltstadt, wovon die Möchtegernhauptstadt der Nachwendezeit noch heute zehren will, so vergangenheitssüchtig wie vergesslich, bestaunt im Ausland und in Deutschland belächelt. So verrucht wie ein Katzenjammer, dem nie ein Rausch vorausging, es sei denn, man wollte jene depressive Unruhe, die sich als Aufbruch zelebrieren muss, schon für einen solchen gelten lassen. Wo liegt das neue Berlin?

Es liegt vor allem in den Köpfen derer, die, zugereist oder schon immer hier, nach den Jahren des Improvisierens sich plötzlich im Großen Haus wiederfinden: Stellt eine Bühne auf, denn die Hauptstadt will Theater spielen, Weltstadttheater. Allein, der Autor ist noch nicht gefunden, die vielfach geteilte Stadt, geteilt nicht bloß zwischen Osten und Westen, auch zwischen Wedding und Lichtenrade, zwischen Prenzlauer Berg und Marzahn, zu vereinen. Auch das ist Geschichte: die der verspäteten Stadt, des in sich zerfallenen, des zerstörten und zerrissenen Berlin, immer auf der Suche nach sich selbst, immer bereit zu neuem Anfang, stets gezwungen, auch Symbol, auch Mythos zu sein. Aber vor allem scheint Berlin ein Gerücht zu sein - und fast schon eine Kakophonie.

"Westberlin war doch völlig verspießert, Rothenburg ob der Mauer", sagt der Journalist aus Bonn, der gleich nach dem Mauerfall nach Berlin kam und geblieben ist, selbst nachdem alle hinterherzogen. Und heute? Eine amerikanische Stadt sei dies im Grunde, "in Deutschland in seiner Urbanität vielleicht am ehesten mit dem Ruhrgebiet zu vergleichen". Auch der Himmel erinnere doch manchmal an Amerika, so ein weiterer Experte, der sich als Schöngeist gebende CDU-Vorsitzende Christoph Stölzl, "an eine Stadt des Mittleren Westens". Und eine "preußisch-amerikanische Metropole" sei dies immer gewesen, alles schon nachzulesen bei dem bissigen Aufklärer Karl Scheffler, 1910, Berlin - ein Stadtschicksal, worin neben jenem Wort, das ein jeder kennt und gern zitiert, von der Stadt, "verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein", auch das andere steht: von dem Ort "weit ab von den Stammgebieten deutscher Kultur", von der Kleinstadt, der Landstadt, dem Verwaltungszentrum. "Berlin zerfällt in Soziolekte und Soziotope", sagt Stölzl.

Es zerfällt in "Kieze", wie der Einwohner gern bekundet. Also, am besten vor der eigenen Haustür gekehrt! Welche, euphemistisch betrachtet, in Charlottenburg, in der Nähe des Schlosses, liegt, dieses anmutigen Barockbaus, dessen Flügel sich viel eher nach München zu breiten scheinen. In Wahrheit aber befindet sich die Haustür zwischen Anatolien, das sich hier Hetit nennt und trotz der Götterstatuen und der Speisekarte von Besucherscharen nur träumt, und dem Dicken Wirt. Einst soll in jenem Lokal Loriot gedreht haben, Ödipussi oder anderes; vermutlich hat man deshalb seither nie mehr die Fenster geöffnet.

Der wahre Berliner Kiez aber beginnt gleich hinter der eigenen Schlafzimmerwand; er erwacht morgens um sechs, weil einer der Wohnungsnachbarn zum Missfallen seiner Gefährtin eine gewisse Corinna zu lange angeschaut haben soll, und kommt auch nicht zur Ruhe, wenn alle Welt im Tiefschlaf liegt - doch pochen Sie niemals, sachte um Stille bittend, gegen die Wand, der Ureinwohner kennt seine Rechte: "Seien Sie ruhig. Es ist Wochenende." Also hinaus in die Hauptstadt! Sich endlich in der Friedrichstraße, in der Dessousabteilung der Galeries Lafayette den Geruch von Bratfisch um die Nase wehen lassen; kein Franzose würde seine Krawatte kaufen, wo er seine Dorade erwirbt. Aber hier verlustiert sich ohnehin nur Brandenburg an Austern und Chablis, nirgendwo wird so berlinert wie in Frankfurt (Oder). Der Hauptstädter, der zu Hause essen will, muss sich für sein Brot hinten anstellen; was die einzige Verkäuferin - "Bitte warten, Sie werden bedient" - keineswegs aus der Ruhe bringen kann, wohl aber eine ältere Dame: "Das ist hier wie in der Zone!"

Im Quartier 206, der Ladenpassage gleich nebenan, der anderen Sehenswürdigkeit der Stadt, die selbst die Augen der Münchnerinnen zum Leuchten bringt, werden Dolce & Gabbana, Gucci und die anderen am Nachmittag allenfalls von dem Pianospieler irritiert, der sie hartnäckig an New York, New York erinnern will. Was nun nicht heißt, dass die Hauptstadt vom guten Geschmack ganz und gar verlassen sei; er kehrt nur seltener hier ein, dafür bedient er sich gleich en gros. Man spricht Russisch. New York, New York aber liegt im Hinterhof. Jenseits der Oranienburger Straße hat man die Bevölkerung ausgetauscht gegen ein Vernissagen-Publikum, dem es mühelos gelingt, über die geputzten Höfe mit ihren Modeläden, Lokalen und Galerien hinwegzusehen. "Lauter Menschen, freie Leute, amüsieren sich, hat ihnen keiner was zu sagen, wunderbar schön, und ich stehe mitten mang!" So ergriff es bekanntlich Franz Biberkopf, als er nach seiner Entlassung hier in ein Groschenkino an der Münzstraße ging. Das Amüsement ist allerdings erst auf den zweiten Blick zu erkennen, weil jeder hier ein Player ist, damit beschäftigt, beschäftigt zu sein.

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Die in den Straßen des alten Scheunenviertels flanieren, sind als Touristen unschwer zu erkennen. Auch später noch, in den Lokalen, sind sie sofort zu identifizieren, selbst wenn sie, man spricht leiser im neuen Berlin als im alten, die Stimme senken zu einem "Gestern habe ich schon wieder 18 Stunden gearbeitet". Denn sie sitzen immer im falschen Lokal, obwohl man inzwischen überall in den einstigen Armenküchen und Volksspeisehallen in langen Reihen dicht an dicht sitzt. Sitzen also immer noch im Schwarzenraben oder im Cibo matto und können selbst dort niemals dem Face-Code genügen, der hier statt des Dress-Codes gilt. "Ich überlege mir ernsthaft, hier wegzuziehen", sagt der Filmstudent, "nach Kreuzberg vielleicht. Hier gibt es keine Infrastruktur. Und sich immer nur von Vitamintabletten zu ernähren ... Es gibt in Mitte keine Bananen." Nach Westen!

Aber trotzdem kein Wort über den Ku'damm, dort pfeift man schon seit langem aus dem letzten Loch, nein, pardon, aus den eigens eingerichteten Volieren im neuen Kranzler-Eck. Nur dort, wo die Stadt, jenseits der jüngsten und allerjüngsten Glas- und Glitzerdinger, stets wie eine bürgerliche Stadt aussah, zwischen Fasanenstraße und Savignyplatz und noch weiter hin zur Leibnizstraße mit ihren kaum hundert Jahre alten Häusern, mit den neugotischen Giebeln, den Neorenaissance-Karyatiden, welche nie etwas trugen, scheint die Zeit auf komfortable Weise stehen geblieben. Und auch wenn die Betroffenen noch gelegentlich Klage führen, Berlin sei eine Stadt ohne Bourgeoisie, welche man vernichtet, vertrieben oder schließlich an Westdeutschland verloren hat, so haben sie sich diesen Ehrentitel durch die Dauer ihrer Präsenz in den Altbauwohnungen und umliegenden Lokalen längst verdient.

Die ewige Geschichte von Zerstörung und Vergessen

Allein wer abends die Paris Bar an der Kantstraße betritt, der mag noch immer glauben, dass hier die neueste Kunst gehandelt wird, dass hier Regierungen umgebildet werden. Und mag es noch immer für pariserisch halten, wenn die Kellner nicht unbedingt bessere, doch entschiedenere Manieren haben als die Gäste, was nicht weiter schwer ist, da zu den Stützen der Gesellschaft hier ein Friseur und ein Disco-Besitzer zählen. Doch auch wenn es der servierten Blutwurst, die oder der "Boudin" genannt, mitunter an Zartheit und Frische zu mangeln scheint, hier verströmt sich an manchen Abenden noch immer der Weltgeist: Berlin, doziert ein ehemaliger Minister, "ist doch nichts als Oberfläche, aber gibt es eine größere Kunst als die der reinen Oberfläche"?

"Wir hatten noch eine wirkliche Stammtischkultur, da wurde noch richtig diskutiert, und zwar auf höchstem Niveau", klagt Heinz Wiehler, "jetzt herrscht hier nur noch die Subkultur." Manchmal, am Wochenende, trifft er sich zum Skat im Gambrinus, am Rande der Oranienburger Straße, dort, wo sie auf die Friedrichstraße stößt und wo sich gegenüber des gerade wiedereröffneten Tacheles die Szene aus Saarbrücken oder Ravensburg zu Falafel und Fajitas versammelt. Hier aber, in dem rauchgeschwängerten Raum, kaum fünf Meter von der Metropole entfernt, erinnert jedes Foto an das Berlin von damals, als der Potsdamer Platz der belebteste der Welt war und auf dem Gendarmenmarkt Gemüse gehandelt wurde. An die neueste Mode von gestern erinnert allenfalls der Pullover der Bedienung, wie er Einsichten auf den Speckgürtel gewährt. Damals, als Heinz Wiehler jung war, Schleuderbrettakrobat und zweiter Untermann der Vier Tornados, in der DDR der sechziger und siebziger Jahre, da war er schon fast ein Privilegierter. Er durfte reisen, nach Moskau, sogar nach Paris und Stockholm, wo er merkte, "was wirkliche Straßen sind", wo man nicht für eine Currywurst vier Kilometer bis zur nächsten Trümmerbuchte laufen musste. "Hat alles nichts genutzt, heute stehe ich vor einer Realität, die ich nicht will." Heute unterrichtet er angehende Artisten - "die wollen sich fallen lassen, ohne sich wehzutun".

Wenn sie Zeit hätte, nicht gerade wieder zu Vortrag und Recherche nach Amerika müsste, dann hätte sie doch noch etwas von ihrem Berlin, von dem wirklichen Berlin gezeigt, sagt Katja Lange-Müller. Stattdessen nimmt man Platz auf einem Leopardensofa im Wedding, in einem Lokal, "wo Damen gerade noch hingehen können", in einer jener Straßen, deren bürgerliche Fassaden schon vor 100 Jahren die Mietskasernen zu kamouflieren hatten. "Ich bin ein Aborigine"; damals, in den Achtzigern, als die Schriftstellerin in den Westen ausreiste, da kam ihr die Stadt vor wie ein "Sammellager für Abgehauene, die sich vergewisserten, dass sie ihre Kindheit nicht geträumt hatten". Und was hat sich daran geändert? Wie ein Bahnhof, sagt sie, sei Berlin, wo die Leute auf den letzten Zug warten, "nur fährt in diesem Sackbahnhof weder ein letzter noch ein nächster Zug". Aber nun gehen wir doch in die Luxemburger Klause, zum Realitätstest. Mit Alice Schwarzer war sie auch da, "sie hat ihn glänzend bestanden".

Im Hinterzimmer der Wirklichkeit beugen sich die Mitglieder des Weddinger Spieleclubs e. V. so konzentriert wie im Casino von Monte Carlo, übers Roulette; an den wenigen Tischen im Vorderraum träumt eine alte Preußin von dem Pferd, das sie so weithin getragen hatte, bis die Russen es ihr wegschossen. "Es entstehen lauter Sub-Berlins, wie Schwimmkäfer, die Luftblasen um sich bilden, weil sie ja eigentlich nicht schwimmen können", sagt Katja Lange-Müller. Ein abgebrühteres Schauobjekt des Elendstourismus - "wollen hier wohl was Authentisches gucken?" - verdient sich derweil den einen oder anderen Futschi, das ist die Hausmarke, Asbach mit Cola. "Nun waren Sie also in der zweitschlimmsten Kneipe Berlins", sagt später der Taxifahrer. Und die schlimmste? "Drei Leute, vier Zähne." Das war der blaue Wedding.

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"Hier können Sie ins Ausland fahren, ohne eine Grenze zu überschreiten", hatte der Publizist Henryk Broder gesagt. Allein, mit der Ansichtskartenfabrikation füllen schon Scharen flanierender Feuilletonisten, die alle ihren Franz Hessel unterm Arm tragen, unsere Großstadtzeitungen. "Eine Art Lektüre ist die Straße. Lies sie", schrieb der Romancier und Proust-Übersetzer in seinem berühmten Spazieren in Berlin. Man müsse die Stadt lesen wie ein Palimpsest, schreibt ein kenntnisreicher Zeitgenosse, immer wieder sei das Pergament Berlin abgeschabt und neu beschriftet worden. Ein Freund klopft einem beschwichtigend auf die Schulter: "Allein um die Geschichte meines Hauses zu verstehen, brauchte ich ein ganzes Leben."

Niemals aber ergreift den Besucher in Berlin jener Eindruck einer Metropole, wie man ihn vielleicht auf der Place de la Concorde, am Piccadilly Circus oder sogar auf der Piazza del Popolo empfinden mag; sogar Chicago sei ehrwürdiger, hat schon Mark Twain gesagt. Wovon Berlin erzählt, das ist die ewige Geschichte von Zerstörung und von Vergessen, von Größenwahn und Vernichtung, von den Verheerungen der Geschichte, welche von hier ausgingen und nun schon wieder mit dem Pflästerchen des Gedenkens zugedeckt werden, eingesperrt in das Museum der Erinnerung, für den Geschichtstouristen, der Sentiment mit Gefühl und Verstand verwechselt. "Gott sei Dank haben sie wenigstens vergessen, die ganze Nazi-Suppe zu beseitigen", sagt der Verleger Klaus Wagenbach. Und dennoch bleibt die Amnesie, werden die Uhren immer auf null gestellt.

Wen wundert's, dass die Akteure von heute nie wissen, welches Stück sie gerade zu spielen haben. Berlin ist die Hauptstadt der Dilettanten und die dilettantischste unter den Hauptstädten; wofür es sich nicht einmal schämen muss, sofern Dilettantismus nicht allein die unprofessionelle, rein liebhaberische Betätigung meint, sondern auch die Lust am Experiment, die Skepsis gegenüber Wirklichkeit und Wahrnehmung. "Urteile nicht. Finde nicht zu schnell schön und häßlich ... Laß dich auch täuschen und verführen von Beleuchtung, Stunde und dem Rhythmus deiner Schritte." Trostreicher Hessel, warum zitiert man ihn bloß nie zu Ende? Dennoch, am besten, Berlin gründete ein Amt für Mythenpflege. Womit auch das Problem des überschüssigen Verwaltungspersonals gelöst wäre.

"Sind aber ein bisschen spät dran, meine Damen", kommentiert der Fahrstuhlführer im Reichstag das Erscheinen der kostbar Behüteten und Behängten zwischen all den Schulklassen und Busgruppen. Doch nicht spät genug, ungeduldig klirren die Champagnergläser während der Eröffnungsrede der Europa-Abgeordneten zum Ladies Lunch. Die Gesellschaft ist wie stets sehr gemischt, viel zu viele Politikerinnen hier diesmal, klagt eine Klatschjournalistin. Die Minister, Staatssekretäre und Senatoren müssen ohnehin mehr Events mitmachen, als der Politik bekömmlich sein kann. "Aber Berlin war doch nie mehr als aufgehypte Provinz, nur eingeflogener Glamour, und jetzt kommen auch noch die ganzen Bonner und Aachener", bemerkt die Kunstprofessorin aus Göttingen. Oder wie Tucholsky schrieb: "Berlin hat eine Gesellschaft, aber keine exklusive, weil jeder inklusive ist." Das ist die "Aristokratie des Durchschnitts".

Die Stadt, von der Kuppel des Reichstags aus betrachtet, aber liegt da, so breit und trotzig, riesenhaft und gleichgültig. Schaut auf diese Stadt, die längst eine Stadt ist, nur das Werden scheint sie vergessen zu haben. Wo ist die einstige Stadt der Arbeit? Jenes Berlin, das, mag man sich in anderen Städten auch besser, gepflegter und zerstreuungsreicher amüsieren, "seine besondere und sichtbare Schönheit hat", so Hessel, "wenn und wo es arbeitet. In seinen Tempeln der Maschine muß man es aufsuchen, in seinen Kirchen der Präzision." Die Tempel von einst, AEG, Borsig, Siemens, sind zerstört und verwaist, und die Arbeit der Zukunft ist noch nicht angekommen in Berlin. Das "Grandhotel der Sichtbarkeit, welches jede große Nation braucht", wie Christoph Stölzl sagt, leidet unter Leerstand, am Ku'damm sinken die Büromieten auf 18 Euro pro Quadratmeter, und noch immer wird gebaut und geplant. "Mieten Sie sich Ihr Stück Geschichte", verheißt eine Maklerfirma in der Friedrichstraße. Aber das berühmte Tempo, die Bewegung, die neue Zeit, die Jugend! Manchmal dauert die Adoleszenz ein Leben lang. Berlin wird jünger mit jedem Tag.

Dieses ständige Gerede von der neuen deutschen Identität!

"Berlin ist nicht gewachsen, es ist verwandelt", schrieb Rathenau. "Es ist, wie wenn eine kleine Beamtenfamilie das große Los gewinnt und sich neu einrichtet." Also raus mit den soliden Mahagonimöbeln, weil sie nicht mehr passen zu den Louis-Quinze-Sesselchen; "entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierphantasien" nannte er den herrschenden Historismus, die Mischung aus altem Ägypten und neuestem Nürnberg. Heute ist es, ganz im Sinne der so genannten kritischen Rekonstruktion, wenigstens dort, wo das neue Berlin seit Jahren schon an seinem liebsten Bühnenbild bastelt, wo sich selbst die Banken gern von kunstsinnigem preußischen Adel repräsentieren lassen, am Pariser Platz, gelungen, den berühmtesten Baumeistern der Welt, Kleihues, Behnisch, sogar Gehry, eine Art Butzenscheiben-Ästhetik abzuverlangen. Oder, wie die Architektin Gesine Weinmiller sagt, lauter "schicke, karierte Natursteinmüsterchen".

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In einem Seitenflügel des Adlon, beinahe schon dem Hinterzimmer jenes aus Plüsch und Protz wiederauferstandenen Palasts der Hautevolee, ist der Boden aus grauem Asphalt. Kühles Großstadtdesign soll hier herrschen, in diesem von seinem in Schaum und Schnitt versierten Betreiber als "Marktplatz der Eitelkeiten" einst intendierten Salon. "Früher wurde fast immer in den Suiten gearbeitet", sagt Gerhard Meir, "da wurde erst auftoupiert, und dann standen sie Schlange, um sich für das Event mit Leihschmuck behängen zu lassen." Aber spürt man nicht, so der Friseur, von Montag bis Donnerstag noch immer den "eisigen Moskauer Wind" über dem Pariser Platz? Bis dann am Freitag die Karawane eintreffe, die sich stets ganz vorn glaubt, "dabei geht's hier zu wie einst auf der Kö".

"Und jetzt wird uns noch die Aussicht auf das einzig passable Hochhaus am Potsdamer Platz, das Kollhoff-Haus, verstellt von der Platte eines Gastronomiekonzerns, das ist die einzige Großstadt, wo gebaut wird wie in Kasachstan", sagt der Chef der Rheinland-Pfälzischen Landesvertretung und ehemaliger Büroleiter Willy Brandts, Karl-Heinz Klär, beim Rundgang auf dem Dachgarten. "Aber da, auf der anderen Seite, wenn das Abendlicht einfällt, sieht man, dass Gehry eine Art Welle in das DG-Haus gebaut hat, beinahe schön. Und sehen Sie die Kolkraben hier?" Die Vertretung liegt an den Ministergärten, zwischen der Voßstraße, wo einst Hitlers Neue Reichskanzlei stand, und dem Rabenfeld, wo das Holocaust-Mahnmal gebaut werden soll. Womöglich wird Berlin sogar eine "ganz passable Großstadt", natürlich für ihn, den Mittelstandshistoriker, nicht besonders interessant, ohnedies pendelt Klär zwischen Berlin und Bonn und Brüssel. Warum soll man nun also wieder über den Begriff Nation diskutieren? "All das Gerede von neuer deutscher Identität, allein das Wort ,Identität', Willy Brandt hat es übrigens immer gehasst, das ist ein Frontalangriff auf das Individuum."

Vielleicht werden die Raben sogar bleiben und sich auf den Eisenman-Stelen niederlassen, "wie zu einem zweiten Zeichen. Vielleicht werden das dereinst die beiden Mythen der Stadt sein, die Kuppel des Reichstags und das Mahnmal."

Am Potsdamer Platz, wo das neue Berlin gern den roten Teppich ausrollt, sehen die Einkaufpassagen aus wie die von Pirmasens, die Schneisen zwischen den Häusern sind nach Eichendorff und den Gebrüdern Grimm benannt, und, natürlich, nun hat man auch noch, jüngste Attraktion, den Kaisersaal. Aber was geschieht mit den Ressourcen der Stadt, den einzigen, über die sie noch verfügt? Im Kollhoff-Haus, im neunten Stock, ist der Anwalt und Kunstmäzen Peter Raue wütend, vielleicht ist es auch nur sein normales Temperament, das ihn aufgeregt nach Metaphern suchen lässt für die Kulturpolitik, die eigentlich gar nicht existiere: Man befinde sich mitten im Orkan, "das Schiff schwankt, hat keine Richtung - und nun wirft man auch noch die Rettungsboote von Bord". Das alte West-Berlin, so Raue, hatte einen größeren Kulturetat als die vereinigte Stadt, dabei komme jede Mark, die man investiere, vierfach zurück: "Man muss gehirnamputiert sein, die Kuh zu schlachten, die man melken will." Und der neue Kultursenator? Ein Phantom, das sagen viele.

Im Maxim Gorki Theater aber hat er sich, nach den Schließungsgerüchten, sogar auf einer Betriebsversammlung sehen lassen, erzählt der Intendant Volker Hesse. Nein, das Theater soll nicht geschlossen werden, auf keinen Fall, habe Thomas Flierl versprochen. Aber wie kann man träumen, wenn man stets bangen muss? Und Volker Hesse stellt sich gern vor, dass sein "Narrenhäuschen im Hof der Macht", die einstige Singakademie, versteckt im Kastanienwäldchen zwischen Humboldt-Universität und Museumsinsel, aber auch in der unangenehmen Mitte zwischen BE und Volksbühne, die ihr Publikum längst haben, dass dieser "seltsame Tempel" ein "Ort des Spiels, der Erotik, des sensiblen Träumens" werde. Ein "Ort der Anmut", wo man aber durchaus auf die jüngste politische Affäre und auf die allgemeine Geschwätzigkeit der Kommunikationskarrieristen reagieren will. Vielleicht könnte man für eine Weile alle Theater schließen, und es fiele niemandem auf, außer den überregionalen Zeitungen, welche schon gegen die Schließung einer Berliner Telefonzelle protestieren. Nun hat der Berliner allerdings auch einen Hang, zur sprichwörtlichen Eröffnung jeder Telefonzelle oder zu jedem Live Act eines unbekannten bulgarischen Künstlers zu gehen.

"Hier wird alles zum Event, schließlich hat Berlin die Erfahrung von brüllenden Chören seit 68 hinter sich", sagt Klaus Wagenbach. "Du würdest doch in Hamburg niemals für eine Lesung aus dem Haus gehen", protestiert ein Münchner Freund, "nicht einmal für Harry Rowohlt." In Berlin aber füllen die Lesungen ganze Spalten in den Tagestipps der Zeitungen und füllen vor allem Räume, am besten eher ungewöhnliche. Deshalb haben die traditionellen Einrichtungen, Literaturhaus, Literarisches Colloquium, nicht nur unter den Sparmaßnahmen des Senats zu leiden, sondern auch unter der Konkurrenz all der Salons und Vorlesevereine. Selbst das Kaffee Burger, wo einst der ganze neue Spießigkeitsschick begann und wo sich am Sonntag, wenn Jakob Hein oder Wladimir Kaminer lesen, die Gemeinde noch um den letzten Platz auf dem Fußboden drängelt, hat längst seine Rivalen. "Versuchen Sie es doch mal mit der ‰Chaussee der Enthusiasten'", rät ein Lektor. Wobei die Chaussee die Wühlischstraße oder die Warschauer Straße in Friedrichshain meint und "Enthusiasten" durchaus wörtlich zu nehmen ist. Der Charme des Dilettantismus ist die Entdeckung des neuen Berlin - erinnerte jene Mischung aus DJs, Dichtern und Dauerwelle nicht immer schon an die Siebziger, an die Sechziger, als der Trash noch Kitsch hieß oder einfach Mode?

"Unsere Schulden zahlen die Bayern"

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Auch der Typus des schriftstellernden Journalisten ist, so betrachtet, nicht neu, allerdings besser bekleidet und frisiert. In einer Buchhandlung in der Neuen Schönhauser Straße feiert der Verlag, der einst Deleuze und Derrida über die Feuilletons brachte, das Erscheinen eines Werks über Sportwagen. Der Autor verspricht, erst nach dem Genuss von drei oder vier Bieren vorzulesen. Die Anwesenden kennen sich fast alle aus München und halten ihre Bierflasche wie einen Ausweis ewiger Jugendlichkeit. Das Problem am Prenzlauer Berg, behauptet einer der Zwangsversetzten, sei, dass man dort Bier nur in Dosen kaufen könne.

Manchmal aber finden sich in der Stadt des Déjà-vu, des Déjà-entendu, deren Fundus schon völlig geplündert scheint, noch Überraschungen. Dann singt in der Bar jeder Vernunft, jenem aus der Jahrhundertwende stammenden Tanzzelt, das auf dem Parkdeck hinter der ehemaligen Freien Volksbühne seit zehn Jahren ein Erfolg ist, Pigor mit seinen Pigoretten: "Berlin ist pleite - und unsere Schulden zahlen die Bayern." Der Erfolg der Bar mag auch am Hang der Berliner zu Zelten liegen, worin sich eine Ahnung ihres ewigen Provisoriums dokumentiert; doch nun bloß keine Kritik mehr am Sony Center und am überaus beliebten Pomp Duck and Circumstance mit seinen Dinner-Shows - stattdessen könnte man erinnern an Max Reinhardts König Ödipus im Zirkus Schumann, der allerdings ein festes Haus war, eigens für ihn umgebaut, oder an die erste Versammlung des Arbeiter- und Soldatenrates 1918 im Zirkus Busch.

"Stellt alle eure Zirkuswagen auf, um der Stadt zu Glanz oder irgendetwas zu verhelfen, das war doch damals die Devise", sagt der ehemalige Bürgermeister Klaus Schütz. Also habe man eine Oper gebaut und all die Schaukästen am Ku'damm, aber nie, ohne den Bund zu fragen: "Man kann Berlin nicht die Kosten des Kalten Krieges zahlen lassen." Nun stehen die Karren da und müssen unterhalten werden, aber weg sind die Subventionen, die Zitterprämien - und welche Illusion, zu glauben, "wenn wir erst wiedervereinigt sind, marschieren hier die Banken ein"! Nein, durch die Vereinigung, sagt Schütz, sei Berlin zu einer "Stadt des Ostens" geworden, die einstige "verlängerte Werkbank des Westens" fast völlig entindustrialisiert, als Wirtschaftsstandort unattraktiv. Vielleicht müsse Berlin einen ähnlichen Status bekommen wie Washington D. C. Vielleicht müsse man Berlin unter Bundesverwaltung stellen? Nein, das Problem ist wohl nicht zu lösen. "Eigentlich bleibt dem Senat nur der Gang vors Verfassungsgericht, aber ob die das schaffen?"

Nein, der Föderalismus muss neu überdacht werden, ein "Pakt für Berlin" muss her, an den Verwaltungsapparat muss man ran, man muss private Sponsoren finden, aber zuallererst muss man die Ureinwohner umerziehen, die man jahrelang mit seinem schwer verdienten Geld nährte. Nein, die Villenbesitzer müssen endlich raus aus ihrem bequemen Bogenhausen oder Oberkassel in die große Stadt, aber ist es nicht herrlich, dass Berlin so unregierbar ist: So klingt es abends an den Stammtischen. Es fehle an einer Vision, sagt Peter von Becker, der Feuilletonchef des Tagesspiegels. "Man müsste im Grunde den Bau der Museumsinsel beschleunigen, das ist unser Louvre, und es könnte wichtiger sein, sich darauf zu konzentrieren als auf den Schlossplatz." So aber halte die "die drittreichste Industrienation ihre Hauptstadt am Bettelstab", um all den Ausländern, die hierher kommen, eine "dying city wie New York in den Siebzigern" zu präsentieren. Vielleicht setzt die ganze Berlin-Diskussion voraus, wieder über Elitenförderung nachzudenken: "Was nützt ein übervölkertes Mittelfeld, wenn keiner vorn die Tore schießt?"

Nach Adlershof führt kein Schild, ein kleiner Wegweiser nur, kurz bevor man in die schmale Gasse unter der S-Bahn einbiegen muss. "Kommen Sie heraus zu uns", hatte der Pressechef der Wista, der Verwaltungsgesellschaft der Wissenschaftsstadt, Peter Strunk, am Telefon gesagt. "Berlin tanzt im schäbigen Ballsaal der fünfziger Jahre um sich selbst herum, die Stadt sägt sich in ihrer Larmoyanz von ihrem eigenen Ast herunter, aber wenn Sie das neue Berlin sehen wollen, kommen Sie hierher." Wo neben dem Palmyra der DDR-Forschung die Luxushotels für die Wissenschaftler der Zukunft entstehen, neben den beiden denkmalgeschützten Kugeln, welche einst Laboratorien des Instituts für Physikalische Chemie waren, Großforschungseinrichtungen wie der Teilchenbeschleuniger Bessy II entstanden sind - demnächst soll hier die Humboldt-Universität mit einigen Instituten einziehen.

"Die Boliden stehen da", sagt Hardy Rudolf Schmitz, der neue Wista-Chef, "nun müssen wir alles mobilisieren, um die Zugpferde herzubekommen. Schauen Sie auf Bayern, ehedem als Agrarland belächelt, heute führend im Technologiebereich." Vielleicht kommt das Neue in Berlin von der Peripherie her. "Wir haben", ergänzt sein Pressechef, "bereits hinter uns, was der Westen noch vor sich hat, Aufbau und Wiederaufbau." In zehn Jahren könnte man Adlershof zu einer Weltmarke machen.

Das alte Seebad Heiligendamm wird umgebaut für das neue Berlin

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"Wenn ich der große Mann hier wäre, würde ich den alten Flughafen Tempelhof in einen Campus für die FU verwandeln, die aus allen Nähten platzt und hoffnungslos provinziell ist, aber ich bin ja nur Präsident eines Fußballvereins", sagt Heiner Bertram. Es platzt auch das Stadion des 1. FC Union Berlin, Eisern Union, an der Alten Försterei in Köpenick aus allen Nähten. "Sie müssen sich die Stimmung hier so ein bisschen wie bei St. Pauli vorstellen, und zwei Mannschaften in der Bundesliga, Hertha und Union, das ist doch noch wenig, Berlin könnte mit all seinen Clubs und Vereinen die Sporthauptstadt sein."

Damals, als die Mauer fiel, wollte Heiner Bertram sofort nach Berlin, die Einheit miterleben, zurück in die Stadt, in die er mit 14 geflohen war aus Magdeburg, aus der er mit 19 wegging nach Westdeutschland. Er wurde Offizier bei der Bundeswehr, ging für ein Jahr nach Amerika, kam zurück nach Köln, machte eine Ausbildung als Kaufmann. Seinen Job als Vorstandsvorsitzender von Wertkauf gab er 1991 auf, um in Berlin Unternehmer zu werden, bis ihn ein Sponsor bat, die finanzielle Sanierung von Union zu übernehmen, ehrenamtlich. "Eine typisch deutsche Geschichte, inklusive der auseinander gebrochenen Familie. Aber all die Flüchtlinge hatten nie ein Problem, integriert zu werden. Und nun haben wir Ossis und Wessis, immer noch eine geteilte Stadt."

Und jene Stadt mittendrin, noch zu aufgeregt, zu eifrig und selbstverliebt; aber vielleicht wird die verspielte Mitte im alten Scheunenviertel ihr Glimmern von Urbanität schon bald wieder verlieren. Vielleicht wird sie auch ganz einfach weiterziehen, in den Wedding oder zurück nach Kreuzberg - wenn gleich nebenan, auf dem Gelände hinter dem Tacheles, zwischen Friedrichstraße und Oranienburger Straße, endlich die wirkliche Metropole einzieht, dynamisch, kreativ, kosmopolitisch. Eben so wie SoHo oder das Marais oder wenigstens Notting Hill und ein bisschen wie Altberlin. "Eben so, als hätte das neue Quartier am Tacheles immer schon dagestanden", sagt Anne Maria Jagdfeld, die auch das Quartier 206 entwarf und den China Club im Adlon Palais gestaltet. Auf 28 000 Quadratmetern entsteht die neue Stadt, stylish, trendy, traditionell, doch nicht im üblichen Hinterhofstil, sondern mit Straßen und Plätzen, mit acht- bis neunstöckigen Häusern, alle entworfen von berühmten Architekten, mit Galerien, Cafés, Geschäften - "so etwas wie Dean & Deluca in New York stelle ich mir vor" -, mit Büros und Wohnungen, "für diejenigen, die schon längst ein pied à terre in Berlin wollen, aber von modernem, großzügigem Zuschnitt, mit begehbaren Schränken".

Man müsse sich an der Automobilindustrie mit ihren Premiumangeboten orientieren, sagt ihr Mann, Anno August Jagdfeld, der Immobilier und Inhaber der Fundus-Gruppe, die auch das Adlon gebaut hat. Trotz der derzeitigen "Stimmungsdelle" in Berlin müsse man das Tempo beschleunigen, ein Zeichen setzen: "Was braucht eine Metropole? Theater, Konzerte, Museen, ein Shopping-Angebot, ein paar spektakuläre Restaurants - und Musicals, deshalb fahren die Leute doch zum 18. Geburtstag ihrer Tochter nach New York." Außerdem braucht eine Metropole ein Resort, "wie die Hamptons oder wie für uns Aachener das belgische Knokke, also gerade mal zwei Stunden entfernt". Deshalb baut man für Berlin das alte Ostseebad Heiligendamm um, im Herbst soll Richtfest sein. Das neue Berlin, wie einst das alte, müht sich, die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen der deutschen Provinz zu vereinen; auch das ist von Tucholsky.

Im Weltcafé Markthalle in Kreuzberg träumt Dimitri Hegemann, dem das Tresor gehört und der eigentlich ein "Raumforscher" ist, immer auf der Suche nach den urbanen Schauplätzen, von seinem Rich Club. Im Theater des Westens wollte er ihn einrichten, vielleicht nur an einem Samstag im Monat, aber dann sollten sie alle kommen, die sich sonst in der Paris Bar langweilen, und dazu Madonna und David Bowie, der hier in den Siebzigern durch die Clubs zog und Konzerte an der Mauer gab und morgens nach dem zehnten Berliner Kindl auf die Straße kotzte. "Die Club-Kultur könnte ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt sein, ein Marketing für das wilde Berlin müsste her." Aber der Senat habe ihm dann gleich 100 Angestellte des Theaters aufzwingen wollen. Auch einen Club für die Forty-somethings hat er schon geplant. Denn inzwischen sind die Protagonisten der Szene, wie er, ein wenig älter geworden. Vielleicht ist die Zeit, da man in den Ruinen von Mitte seine Abenteuerspielplätze fand, auch vorüber; und überhaupt war Berlin wirklich jemals wilder als Paris oder London? Ein wenig unverschämter, sicherlich. In Mitte, so erzählt man, soll gerade ein Club eröffnet worden sein, von dem niemand weiß, wo er ist, bis auf jene 100, die einen Schlüssel dazu haben.