Also pilgerten westliche Diplomaten in diese - zwischen den Krisenzonen gelegene - demokratische Oase. Sie kamen, sprachen und versprachen viel, aßen, schliefen nervös, hörten, was sich tat, und zogen weiter. Eine West-Delegation nach der anderen machte den tapferen Montenegrinern ihre Aufwartung. Haltet aus, baten sie die Leute im Land. Ist der Diktator einmal fort, bekommt ihr jede Unterstützung, die Sanktionen werden aufgehoben, ihr werdet unabhängig von Serbien - und überhaupt: Der Westen, sagten sie, wird euch ewig dankbar sein. Genauso eine Delegation war unsere, vor zwei Jahren. Unser Bus zog aus Mazedonien ins Kosovo, eine Landschaft der Brandspuren, der zerborstenen Dachfirste und Minarette, und dann über die Grenze nach Montenegro. Krasser hätte der Kontrast zum Kosovo kaum sein können: Wir hatten das Gefühl, wir seien im Paradies angekommen oder doch in einer ebenso wilden wie verschlafenen Idylle.

Zwischen Felswänden und Schluchten fanden sich stille Dörfer und Klöster, die Moraca, der größte Bergfluss im Norden, stürzte neben der Straße entlang, türkis, blau, grau und ziemlich ungestüm, als wollte der Fluss alle dunklen Bilder wegschwemmen. In Richtung Adriaküste tauchten ottomanische Festungen an den Hängen auf und österreichisch-ungarische Ruinen aus anderen Epochen. Sandstrände und Kiesbuchten leuchteten in der Ferne. Nach jeder Wegbiegung zeigte sich ein neues, leuchtendes Panorama, jedes schöner als das vorige. "Wonderful! Unbelievable!", jubelte nicht nur der Gouverneur. Aber wir waren Busfensterreisende. Nur einmal sind wir ausgestiegen, um ohne Schütteln und Fensterscheiben über die Berg- und Talschönheit zu blicken. "Ich hoffe, er lässt wenigstens dieses Land in Ruhe!", seufzte eine britische Diplomatin.

Aus Mallorcas Fehlern lernen

Das Gesprächsprogramm in der Hauptstadt Podgorica war dicht, und die Politiker, mit denen die Delegation sprach, sahen sich noch akut bedroht von dem verheerenden Machthaber, der heute im holländischen Scheveningen in einem UN-Gefängnis sitzt. "Ich bin zurzeit eine Geisel Milocevics", erklärte Präsident Milo Djukanovic zur Situation Montenegros gegenüber Serbien. Wir saßen in der Villa Gorica, dem Gästehaus der Regierung. "Gehen Sie nachts lieber nicht auf die Straße", warnte ein Berater. New Yorks Gouverneur sah beim Frühstück müde aus und gestand, wenig Schlaf gefunden zu haben. Mit dem Gefühl der Ungewissheit und Sorge, einer Liebe, die gar nicht bewusst werden darf, packte man die Koffer. Es fiel schwer, aus Montenegro mit dem Gedanken abreisen zu müssen, dass man in absehbarer Zeit wohl kaum dazu kommen würde, dieses Land als freier Gast zu sehen, mit Leuten zu reden und im Meer zu baden. Sondern dass es vielleicht, wie die Nachbarländer, nächste Woche schon überfallen werden kann.

Dann kam alles anders. Unerwartet, wie der Mauerfall, wich Milocevic Anfang Oktober 2000 dem Druck der Massen auf den Belgrader Straßen, und Montenegro atmete auf. Binnen weniger Wochen bekamen die Delegationen neue Gesichter: Jetzt schickte man zum Beispiel Tourismusexperten, Wasserfachleute, Manager von Energiekonzernen. Vor dem Zerfall Jugoslawiens hatten Jahr für Jahr über eine Million Reisende Montenegro besucht - etwas mehr als die Einwohnerzahl des Landes -, und es galt, so schnell als möglich die Wirtschaft voranzubringen. Elf Jahre hatte der Tourismus brachgelegen. Diese zeitweilige Unberührtheit machte für die Krisengruppe den Charme der Landschaft aus, die ihr so paradiesisch vorkam.

Die Reisenden werden wiederkommen. Und diesmal soll alles anders werden als früher, zur Zeit der Hotelburgen auf Titos schönstem Territorium. Federführend dafür ist inzwischen auch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit; und einer von denen, die Montenegro daher nun in- und auswendig kennen, ist der deutsche Tourismusentwickler Johann-Friedrich Engel. Von seinem "Masterplan" für den neuen Tourismus in Montenegro wissen dort jetzt sogar die Schulkinder. Engel, Erfinder des Club Robinson, hat schon für Kroatien erfolgreich einen Plan gezeichnet. Optimistisch und nachdenklich, ist der Mann auch ein Reformer: Er will, dass hier "aus den Fehlern von Mallorca gelernt wird". Sanft und ökologisch, sozialverträglich und demokratisch soll die Sache ins Rollen kommen. Dem bärtigen Engel geht es darum, dass die Strände nicht verbaut werden, dass das ursprüngliche Erlebnis der Landschaft nicht verloren geht, dass das Potenzial Schritt für Schritt bewusst aufgebaut wird und dass die Bevölkerung einbezogen wird.

Die Inseln scheinen zu schweben