Nun ist sie schon 50, so alt wie ihre Leserinnen und Leser im Durchschnitt. In einem solchen Alter wird man Gegenstand von Rückblicken, von feuilletonistischen Betrachtungen, die Bild so von Herzen verachtet, denn sie will ja keinen geistigen Stress produzieren, sondern "Erlebnismitteilungen" machen, wie Hermann Tiedje, einer ihrer ehemaligen Chefredakteure, einmal sagte. Tatsächlich ist Bild die einzige Zeitung, die - gemessen an den Maßstäben des Fernsehens - besser ist als Fernsehen: Was im Sendezeitstrom sich notgedrungen verliert und auch durch Zappen nur unzureichend simuliert werden kann, das liefert Bild - ein Panorama der Daseinsintensitäten auf einen Blick.

Das "Gebiss des Bösen"

Nicht das Fernsehen erfindet die Wirklichkeit, die wahre Virtuosin in dieser Sache ist Bild. 50 Jahre harte Arbeit am Paralleluniversum. Das boulevardistische Weltbild hat mit der Realität nicht nichts zu tun, sondern von Fall zu Fall. Leider sind das dann stets Gelegenheiten, über Moral nachzudenken. Aber dass Bild und Welt einander unversöhnlich gegenüberstehen, dass die Zeitung für gemeingefährlich gilt und als reißfester Transmissionsriemen politischer Dunkelmänner angesehen wird, gehört seit mindestens 20 Jahren in die mythologische Asservatenkammer der Bundesrepublik. Der Schriftsteller Günter Wallraff, der sich 1977 bei Bild eingeschlichen und dann einen Enthüllungsreport über ihre Machenschaften geschrieben hatte, nannte sie "das Gebiss des Bösen". Heute kann Bild zwar noch schnappen, aber sie reißt nicht mehr wahllos menschliches Wild - und von ihren Machern behauptet keiner mehr, bebend vor Grausen und Ehrfurcht, sie ernährten sich vom Blut ihrer Gegner. 50 Jahre lang Hassblatt geht nicht. Die Milde der reifen Zeit ist jedoch weniger auf das Wirken wohlwollender Liberaler in Chefredaktion oder Konzernspitze zurückzuführen, sondern ist der Preis des dauerhaften Erfolgs.

12 Millionen Leser täglich und mehr als 100 Millionen Gewinn pro Jahr (dazu noch Bild am Sonntag und all die Tochterblätter mit dem Bild-Logo) füllen den großen Geldsack, aus welchem der Springer-Konzern sich Qualitätseskapaden wie die Welt leistet, gleichsam als Tribut an ein anspruchsvolles Konzept von Unternehmenskommunikation, genauer: um das Image eines bürgerlichen Zeitungshauses zu erhalten. Was die Branche Leser-Blatt-Bindung nennt, hat sich bei Bild zur eisernen Umklammerung entwickelt, durchaus beidseitig.

Käufer und Zeitung sind zu einer Art Kollektividentität verschmolzen. Kein anderes Printmedium verfügt über vergleichbare Reichweite. Das heißt aber auch: Meinungsführerschaft und Verkauf müssen sich decken, als politisches Instrument funktioniert Bild nur, wenn die tägliche Schlacht am Kiosk mit 4 300 000 : 0 für den Boulevard ausgeht. Ideologie oder weltanschauliche Verstocktheiten sind da nur Hindernisse.

Selbst im Wahlkampf wird Stoiber nicht auf Hilfe hoffen können, solange Bild-Leser den Konkurrenten kantig, echt und erfolgreich finden. Die Meinung folgt der Stimmung. Ähnlich war es 1998, und auch Murdochs Sun rettete vor allem sich selbst, als sie im britischen Wahlkampf von 1997 für Tony Blair Partei ergriff. Vor 34 Jahren bekannte Axel Springer im Gespräch mit Ben Witter (ZEIT Nr. 49/67), manchmal leide er "wie ein Hund", wenn er morgens Bild aufschlage. Daraus sprach nicht bloß beleidigtes moralisches Empfinden, dem Verleger gerieten über dem Erfolg bereits die Grenzen der Steuerbarkeit in den Blick. Sein Kind war ein Tyrannosaurus Rex geworden.

Heute gleicht es eher einem verspielten Brontosaurus. Die alten Reviere wurden zu klein, und Bild hat ihre riesige Masse einfach über jene Grenzen hinweggeschoben, die sie früher mit Verve vertieft und verteidigt hatte.