Fünf Wochen nach dem Tod von Hannah Arendt 1976 entschied Hans Rößner vom Münchner Piper Verlag, auf eine Nachauflage des epochalen Buches seiner Autorin, Eichmann in Jerusalem, zu verzichten. Vor 1945 war der 1910 geborene Germanist und Sohn eines Volksschullehrers Referent für "Volkskultur und Kunst" im Amt III des Berliner Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) gewesen.

Hannah Arendt hat nie erfahren, mit wem sie jahrelang verhandelt und korrespondiert hatte. Dies ist eine und keineswegs die spektakulärste Geschichte aus dem soeben erschienenen Buch des Hamburger Historikers Michael Wildt.

Das am 27. September 1939 ins Leben gerufene RSHA, unter dessen Dach Rößner zusammen mit 3000 weiteren Mitarbeitern von Gestapo, Kriminalpolizei und SD der SS arbeitete, war Wildt zufolge keine Polizeibehörde im klassischen Sinne. Es war vielmehr eine im Massenmord des Polenfeldzuges geborene Institution des Krieges. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich die von Reinhard Heydrich als "kämpfende Verwaltung" geplante neue Superbehörde zum konzeptionellen und exekutiven Zentrum einer weltanschaulich orientierten Polizei, die ihre Aufgaben vorrangig in der "Reinerhaltung des deutschen Volkskörpers" und in der Vernichtung der völkisch definierten Gegner sah. Von hier gingen die Befehle zur Ermordung der polnischen Intelligenz und zur "Aussonderung" der sowjetischen Kriegsgefangenen aus. Hier wurde der Massenmord an den Juden Europas geplant, und hier erstellte man die Deportationsbefehle. Aus den Kreisen des RSHA rekrutierte Heinrich Himmler das Führungspersonal seiner berüchtigten Einsatzgruppen und das der polizeilichen Sonderverwaltungen in den besetzten Gebieten.

Bislang ist über dieses Amt mehr spekuliert als gesichert geforscht worden.

Michael Wildt untersucht nun erstmals auf breiter Quellenbasis diese "Institution neuen Typs", die sich mit immer neuen Abteilungen und Einrichtungen - wie dem "Kriminaltechnischen Institut", in dem Chemiker und Botaniker über die technischen Möglichkeiten des Massenmordes nachdachten und Gaswaffen und Giftgeschosse entwickelten - flexiblel den sich wandelnden Anforderungen der Kriegszeit anzupassen verstand. Während der älteren Forschung angesichts der Dynamik dieser Institution und seines Führungspersonals, das an allen Brennpunkten der NS-Herrschaft in Europa auftauchte, oft schon bei der Beschreibung des RSHA die Luft ausging, nimmt Wildt Hitlers Zentrale des Terrors in ihrer konkreten Praxis ins Visier.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Untersuchung einer Gruppe von 221 Personen, die zum Führungspersonal des Amtes zählten. Dabei bestätigten sich die Ergebnisse der neueren NS-Forschung, wonach es sich bei den leitenden Männern nicht um Desperados oder um psychopathologische Massenmörder, nicht um "Sozialingenieure" oder gar um Schreibtischtäter handelte, sondern mehrheitlich um junge radikalisierte Akademiker. Bei Männern wie Karl Schulz und Arthur Nebe, die schon in der Weimarer Republik Kripobeamte geworden waren, wie den jungen Juristen Martin Sandberger und Erich Ehrlinger, die in Himmlers Sicherheitsdienst (SD) Karriere machten, wie Heinz Gräfe und Wilhelm Spengler, die als Studenten zu den bündischen Gegnern des Nationalsozialistischen deutschen Studentenbundes gezählt und sich 1933 dann doch dem SD angeschlossen hatten, wie den Medizinern Hans Ehlich und Erwin Weinmann, die ihre Arztpraxis gegen die Politik eintauschten, oder den ehrgeizigen Rechtsassessoren Walter Blume und Hans Nockemann, die mühelos von ihren Schreibtischen zur Führung der Einsatzgruppen wechselten, fällt vor allem eine große soziale und generationelle Homogenität auf. Bei allen handelte es sich um soziale Aufsteiger aus Familien der Mittelschicht, deren Väter Rechtsanwälte und Ärzte, Pfarrer und Lehrer gewesen sind. Drei Viertel zählten zur so genannten Kriegsjugendgeneration. Hatten deren Angehörige das Schlachtfeld auch nicht aus eigener Erfahrung erlebt, so verklärten sie in der Fantasie den Krieg umso entschiedener zum heroischen Ereignis.

Soldatentum und Kampf, Härte und Erbarmungslosigkeit wurden ihre zentralen Tugenden.