Für die Arbeit von Wilfried Bos interessierten sich bis vor ein paar Jahren nur wenige. Kein Student, der ein Seminar des Hamburger Professors besuchen wollte, musste um einen Platz kämpfen. Bos' Fachgebiet - die empirische Bildungsforschung - fristete ein Schattendasein in der Pädagogik.

Inzwischen hat sich das drastisch geändert. Heute ist der Wissenschaftler so gefragt, dass er, wie er selbst sagt, "jeden zweiten Tag irgendwo einen Vortrag halten" könnte - über die Interpretation der Pisa-Daten, die Schwächen des deutschen Schulwesens und darüber, was Land und Lehrer aus Sicht der Bildungsforscher besser machen sollten.

Plötzlich steht im deutschen Schulwesen auf dem Stundenplan, was jahrzehntelang tabu war: Allerorten werden - als Folge der aufrüttelnden Pisa-Ergebnisse - nun verbindliche Standards, Leistungstests und Schulvergleiche gefordert. So einigte sich kürzlich sogar die schwerfällige Kultusministerkonferenz (KMK) darauf, bundesweit festzulegen, was Schüler in verschiedenen Klassenstufen von Füssen bis Flensburg können und wissen müssen. Mit ähnlichen Forderungen profiliert sich Bundesbildungsministerin Bulmahn - während ihre Herausforderin Annette Schavan sowieso schon immer dafür war. Und Bayern prescht voran: Dort entwerfen Psychologen, Didaktiker und Bildungsforscher gemeinsam mit Wilfried Bos den ersten landesweiten Leistungstest. Bereits 2003 sollen bayernweit die Fähigkeiten der Drittklässler in Mathematik und Deutsch geprüft werden.

Die Vergleiche stellen nicht nur das Wissen der Schüler auf den Prüfstand, sondern das gesamte Schulsystem - also auch die Arbeit von Lehrplanentwicklern, Schulleitern, Politikern. Bisher, so kritisiert Wilfried Bos, werde in Deutschland "zwar jedes Grippemittel mit einem Riesenzirkus getestet, bevor man es auf die Menschheit loslässt" - an Millionen Schulkindern hingegen werde herumprobiert und -reformiert, ohne nachzuprüfen, ob und mit welchen Mitteln die gewünschten Ziele erreicht würden. Das ist bei den Pisa-Siegerländern wie Finnland und Schweden anders. "Diese Staaten haben alle klar definierte Bildungsstandards und regelmäßige zentrale Tests, mit denen sie ihr Handeln überprüfen", sagt der Essener Professor für Erziehungswissenschaft Klaus Klemm.

Doch die neuerdings erwachte Testeuphorie in Deutschland legt einen schmerzlichen Mangel bloß: Es fehlen die Experten, die testen sollen. "Wir sind alle an der Kapazitätsgrenze", stöhnt Wilfried Bos. Nur wenige deutsche Bildungsforscher verfügen über das Spezialwissen, wie man Prüfungen entwirft, die Kompetenzen von Schülern abfragt. Diese Empiriker wiederum haben oft nur wenig Ahnung von den einzelnen Schulfächern. Gefragt sind hier Fachdidaktiker für verschiedene Altersklassen und Schultypen. Und sollen mit den aufwändigen Tests nicht nur Datenfriedhöfe angelegt werden, muss noch eine dritte Spezies ihren Beitrag leisten: erfahrene Bildungsforscher, die die Befunde so interpretieren, dass Schulen und Ministerien daraus vernünftige Konsequenzen ziehen können.

Ein Zentraltest wäre am besten

Dumm ist nur: Kaum einer der renommierten deutschen Bildungsexperten ist mit dem komplexen Messhandwerk vertraut. Derzeit sei nur "eine Handvoll deutscher Wissenschaftler in der Lage, Vergleicharbeiten für Schulen zu entwickeln, die internationalen Standards entsprechen", sagt Andreas Schleicher, Pisa-Koordinator bei der OECD in Paris. Bei der ersten Auswertung der Daten kommt also einer sehr kleinen Kaste von Wissenschaftlern eine Art Deutungsmonopol zu. Denn für die innerdisziplinäre Kontrolle dieser Oberkontrolleure ist noch nicht gesorgt.