Zehn Jahre hat es gedauert, bis die letzten Mittäter des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen verurteilt wurden. Jedenfalls die, die nicht in der gesichtslosen Masse verschwinden konnten. Die damals 17, 18 und 19 Jahre alten Ronny S., André B. und Enrico P. waren die Ersten, denen die Justiz nicht nur Brandstiftung, sondern versuchten Mord zur Last legte. "Ihre Brutalität ging so weit", begründete der Vorsitzende Richter Horst Heydorn in Schwerin sein Urteil, "dass sie den Tod Unbeteiligter billigend in Kauf nahmen." 1994 hatte der Bundesgerichtshof das Werfen von Brandflaschen auf Asylbewerberheime als versuchten Mord gewertet und damit die Rechtsprechung verschärft - ein Erfolg für Staatsanwalt Wulf Kollorz, der damals das Verfahren betrieben hatte. Kollorz war auch in diesem Prozess Anklagevertreter. Das Urteil fiel milde aus - 12 bis 18 Monate Jugendhaft auf Bewährung. Doch die Nebenkläger, der Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter und der Sozialarbeiter Nguyen Do Thinh, können damit leben. Ihnen war es vor allem wichtig, dass die Täter "ganz klar wegen versuchten Mordes verurteilt wurden". Für sie saßen die unbekannten Schuldigen mit auf der Anklagebank. 1992 waren 150 Menschen dem Mob und dem Feuer nur mit viel Glück entkommen. Die politischen Hintergründe des Anschlags von Lichtenhagen, der nur wenige Monate vor der Verschärfung des Asylrechts in Deutschland geschah, sind bis heute ungeklärt. LvB