In vielen Berichten und Kommentaren kommen nur zwei Arten von Umgang zwischen erwachsenen Kindern und Eltern vor: Entweder stehen demnach die Generationen in unversöhnlichem Konflikt miteinander, oder sie haben so gut wie nichts mehr miteinander zu tun. Das Titelblatt eines Sonderhefts über das Generationenverhältnis führt die erste Variante exemplarisch vor. "Generationen im Konflikt", heißt es da in großen Lettern, und "Jung gegen Alt - Jugendwahn und Altenhass - Kriminalität: Schläge statt Pflege". Illustriert werden diese Schlagworte mit dem Foto eines finster von oben herabblickenden alten Herrn, dem ein blond gestylter junger Mann zornig von unten entgegenschreit.

Das zweite Generationenbild handelt von Entfremdung und vom Auseinanderleben. Hier sieht man lauter junge, flexible Individualisten, die in Zeiten von Globalisierung und Flexibilisierung Job-Hopping betreiben und sich dabei, peu à peu, Job für Job, immer weiter von den Eltern entfernen. Ganz unversehens verliert man sich aus den Augen - und damit aus dem Sinn.

Doch entsprechen diese weit verbreiteten Generationenbilder der Wirklichkeit? Muss man sich, wenn man heutzutage Kinder in die Welt setzt, später auf Generationenkonflikte und Entfremdung einstellen? Zu diesen Fragen liegen für die Bundesrepublik Deutschland inzwischen Ergebnisse ausführlicher empirischer Untersuchungen vor. Sie widersprechen den gängigen Auffassungen vom Zusammenleben von Jung und Alt.

Der erste überraschende Befund lautet: Die meisten erwachsenen Kinder leben nicht weit von ihren Eltern entfernt. Knapp ein Drittel der Eltern mit erwachsenen Kindern wohnt mit mindestens einem von ihnen in derselben Wohnung, vier von zehn leben unter demselben Dach. Bei neun von zehn Eltern mit erwachsenen Kindern, die außerhalb des elterlichen Haushalts leben, beträgt die räumliche Distanz von Wohnung zu Wohnung maximal zwei Stunden. 80 Prozent leben maximal eine Stunde voneinander entfernt, sechs von zehn sogar im gleichen Ort. Der Auszug aus dem Elternhaus ist also für die meisten erwachsenen Kinder nicht mit der Überwindung großer Entfernungen verbunden. Man zieht zwar von zu Hause aus, bleibt aber zumeist in der Nähe.

Die räumliche Entfernung allein sagt jedoch noch nicht viel über die Qualität des persönlichen Verhältnisses aus. Schließlich muss man, wenn man nahe beeinander wohnt, noch lange nicht viel miteinander zu tun haben. Doch die Untersuchungen belegen auch: Neun von zehn Eltern sprechen von einer engen oder sehr engen emotionalen Verbundenheit mit mindestens einem erwachsenen Kind außerhalb des Haushalts. Drei von fünf Eltern berichten sogar von einer sehr engen emotionalen Beziehung. 85 Prozent sehen oder sprechen sich mindestens ein Mal pro Woche. Vier von zehn Eltern haben mit einem erwachsenen Kind sogar täglichen Kontakt, auch wenn sie nicht mit ihm zusammenleben. Der flexible Job-Hopper, der fern von seinen Eltern im Ausland Karriere macht und höchstens ab und an eine schnelle E-Mail nach Hause schickt (falls seine Eltern über einen Internet-Anschluss verfügen), stellt eindeutig die Ausnahme dar.

Überdies unterstützen sich Eltern und erwachsene Kinder auf vielfache Weise gegenseitig. Die Bandbreite reicht von emotionalem Beistand über Geld- und Sachgeschenke sowie Hilfen im Haushalt bis hin zur Pflege. Diese funktionale Solidarität ist für die Familiengenerationen von großer Bedeutung. Geschenke beispielsweise dienen als Beziehungskitt, indem sie Bindungen zwischen den Familienmitgliedern bekräftigen.

Mehr noch: Die übergroße Mehrheit der Generationenbeziehungen ist durch keine nennenswerten Konflikte beeinträchtigt. Sicherlich gibt es unterschiedliche Ansichten über relativ unwichtige Fragen oder episodische kleinere Differenzen. Wenn aber die Eltern mit ihnen nahe stehenden Personen aufgrund von größeren Meinungsunterschieden in wichtigen Fragen im Konflikt stehen, sind es in den allermeisten Fällen nicht ihre Kinder. Von einem allgemeinen "Kampf" oder gar "Krieg der Generationen" kann also keine Rede sein. Zwischen den medial verbreiteten Generationenbildern und der Wirklichkeit klafft eine auffällige Lücke.