Jedes Mal, wenn die bucklige Verwandtschaft sich bei Großvaters Geburtstagsfeier traf, schepperten die Kaffeetassen so laut, als müssten sie ein großes Schweigen übertönen, und es war leicht zu erraten, was da feiernd in die Flucht geschlagen werden sollte, denn es hockte ja immer unterm Tisch, bereit, hervorzuspringen, wenn nur endlich einer das Tischtuch lüftete: das kleine, hässliche Familiengeheimnis. Seit Edgar Allan Poe siedelte es gern in der Familiengruft, bei Agatha Christie hatte es als Leiche im Keller gelegen, und in der Nachkriegsliteratur nahm das Unheimlich-Vertraute dann politische Dimension an: Friedrich Dürrenmatt inszenierte es im Besuch der alten Dame als groteske Wiederkehr des Verdrängten, und Peter Härtling nannte seinen Roman über unsere Vergesslichkeit Das Familienfest oder Das Ende der Geschichte.

Mittlerweile sind die sprichwörtlichen deutschen Großväter, die Veteranen des "Dritten Reiches", mit Gottes Hilfe fast alle gestorben. Zu den wenigen Überlebenden zählt aber der Langewiesche Verlag, der neulich den Mut hatte, sich zum 100. Jubiläum mit einer selbstkritischen Ausstellung zu gratulieren. "Aufdecken statt feiern" wollte das alte Haus und zeigte deshalb, wie der Verlag "die beiden Weltkriege - zweifellos unabsichtlich - gefördert hat, indem er mit dem Nationalgefühl seines Publikums gute Geschäfte machte". Ein rühmliches Vorhaben, doch man beachte die verheerende Parenthese! "Zweifellos unabsichtlich": Da fällt die Unschuldsbehauptung der Selbstbefragung gleich ins Wort, und man sieht den Enkel vor sich, wie er auf den Tisch haut, endlich!, doch schon erschrickt er vor der eigenen Courage und setzt sich schnell wieder hin.

Langewiesche hat versprochen, die "bräunliche Tendenz" seiner populären Reihe Blauer Bücher durch kommentierte Neudrucke offen zu legen. Harte Kritik muss man allerdings in den drei Jubiläums-Reprints mit der Lupe suchen. Wer ein Bilderbuch zum Künstlerischen Tanz aus dem Jahr 1928 ediert, hätte über die Nähe des lebensreformerischen Ausdruckstanzes zur faschistischen Gymnastikbegeisterung reden müssen, stattdessen wird der Choreograf Rudolf von Laban zitiert, ohne den Einfluss seiner Bewegungschöre auf den Chortanz der rassischen Volksgemeinschaft zu erläutern.

Selbstaufklärung ist schwer, weil sie mit dem unüberwindlichen Hang zur Selbsttäuschung kollidiert. Deshalb brauchte Agatha Christie den Detektiv, den unbefangenen Beobachter, um das klassische locked room mystery aufzulösen. Ein typischer Fall des locked room ist auch die Firma, da befindet sich Langewiesche mit seiner entschlossenen Unentschlossenheit in bester Gesellschaft: So haben zahlreiche deutsche Unternehmen in den letzten Jahren zwar ihre braune Firmengeschichte erforschen lassen, aber die Entschädigung der Zwangsarbeiter keineswegs befördert. Wo die Interessen der Gegenwart ins Spiel kommen, tut Aufklärung weh, darum bleibt radikale Kritik der bestehenden Verhältnisse meist eine Illusion und findet hauptsächlich in der Literatur statt. Man denke nur an Walter Mehrings Faschismus-Satire von 1935, Chronik einer deutschen Sippe, und stelle sich vor, deren Enthüllungsfuror bekäme Macht über die Realität. Da hören wir einige Leute bereits hektisch mit den Kaffeetassen klappern. Wir möchten nicht in ihrer Haut stecken. Schließlich haben auch wir Familie.