Der Tod in Kurorten hat etwas Zweideutiges, besonders für die Kurorte selbst, in die man ja kommen soll, damit man länger lebt. Aber viele sterben eben doch, gerade wenn der Kurort ihre letzte Hoffnung war, sodass, rein wenn es um das Berühmtsein ginge, alternde Kurorte mehr Ehre als mit der Liste der anwesenden mit einer Liste der gewesenen, gestorbenen, hier begrabenen Kurgäste einlegen würden. Teplitz, im Böhmischen, nicht weit vom berühmteren Karlsbad weg, war zu Seumes Zeiten bekannt für seine kräftigen, kommissbrothaften Quellen, es hatte mehrere Soldatenspitäler, kam dann aber auch bei der feinen Welt in Mode; Goethe war dort im August und September 1810, nachdem er elf Wochen in Karlsbad verbracht hatte, mit der schönen Kaiserin Maria Ludovica; aber im Juni war kalter Regen gekommen, er hatte heizen lassen müssen.

Am 3. Juni, schwer nierenkrank, er war einer dieser Kurgäste voll letzter Hoffnungen, war Seume, 47-jährig, mit Geldern, die ihm seine Verleger Hartknoch und Cotta gegeben hatten, nach Teplitz gekommen, er lebte sonst in Grimma, etwas südöstlich von Leipzig, Richtung Dresden, Teplitz war nicht weit, Krankenkassen hätten ihn auch nach dort geschickt. Es regnete, auch hier, es war kalt geworden, mit dem Herumgehen war es aber ohnehin für ihn wohl aus.

Seume, in Poserna geboren, besuchte die Schule in Knauthain, dann in Borna, das kennt alles kaum einer; dann schien es über Leipzig aufwärts zu gehn, aber unselige Soldatenzeiten unterbrachen alles, und 1787 saß er in Knautkleeberg, das wieder keiner kennt. Aber dann übersetzt er was für den Verleger Göschen, beendet sein Studium, gerät zwar noch einmal unter die Soldaten, verliebt sich unglücklich, wird aber sesshaft, eben in Grimma, als Lektor und Korrektor von Göschen.

Und geht nun spazieren, nach Syrakus, das ist ja sein Ruhm, nach Syrakus zu Fuß gegangen zu sein; er war klein, hatte aber starke Beine und solche Lebensmaximen: Alles ginge viel besser, wenn man mehr ginge, oder: Wo man singt, könne man sich ruhig niederlassen; beides muss man nicht glauben, aber selbst ist er ziemlich weit damit gekommen, wie man seither und jetzt besonders lesen kann - gerade heute vor 200 Jahren stand er am Rheinfall in Schaffhausen, fast fühlte er sich wieder zu Hause (im August würde er 's sein), es war sehr heiß, jetzt nahm er die Post über Dijon nach Paris, dort wollte er noch zur Revolutionsfeier Napoleon sehen: kaum größer als er, aber immer oben auf Pferden, Verräter an allem, dieser selbst gemachte Kaiser, Seume mochte ihn nicht.

Seinen Bericht über die große Wanderung gibt es in mehreren Ausgaben, dann ist unlängst Fridhelm Folk fotografierend Seume nachgereist, eher mit dem Auto wohl, aber jahreszeitgleich, und mit Augen schwarzweiß: In Grimma auf der Brücke über die Mulde zum Beispiel ist Winter, man sieht sehr schön den Schnee, bei Maribor kommt noch Nebel dazu, aber bei Colfiorito ist fast schon März, und über die Berge dort hat sich auch Seume dann doch einen Wagen genommen. Das Großartige an Volks Fotos ist, dass jetzt die Gegend auch dort etwas Faszinierendes hat, wo Seume nichts als möglichst schnell aus ihr heraus woandershin wollte - so lügt die Kunst, das ist wohl ihre Fatalität; und vielleicht ist Seumes Buch so erfrischend, weil er sich da ganz heraushält; er glaubt nicht, dass etwas sich gelohnt hat, bloß weil er 's nicht vermeiden konnte, er weiß das noch von bösen Zeiten her.

In Teplitz stirbt er ganz schnell, noch als es regnet und Goethe drüben in Karlsbad heizen lassen muss. Diesen Tod (schmählich, aber so kannte er ihn), in Form einer einfühlsamen Künstlernovelle, mit Sprachanklängen an Seume und Zitaten von ihm drin und, mehr als vielleicht nötig (aber da steckt Seume offenbar jeden an), mit Seume gegen Adel und Goethe und alles sich nun heute noch wendend, hat Volker Ebersbach beschrieben, ein 1942 (im selben Jahr wie der Fotograf Volk) in Bernburg geborener Autor. Hübsch gedruckt und auch noch illustriert herausgebracht hat das Heidrun Popp in einer Grimmaer Reihe, zu Ehren Göschens, schreibt sie, der in Grimma gewirkt hat, dieser, wie sie sagt, "wunderschönen Stadt an der Mulde". Viele Orte muss man wohl gar nicht kennen, aber Grimma vielleicht doch und Teplitz, wo Seume ein Denkmal hat. - Zwei Monate nach Seumes Beerdigung war das Wetter dann wieder gut, Goethe (er wird kaum gewusst haben, dass Seume da eben gestorben war) notiert am 13. August: Schöne Mondnacht.

Fridhelm Volk: Fotoreise
Auf den Spuren von J. G. Seume; Edition Braus, Heidelberg 2001; 216 S., 39,90 €