Deutschlands Manager haben ein neues Schimpfwort entdeckt: Hedgefonds. Ganz gleich, ob Deutsche Telekom oder ein Finanzdienstleister wie MLP - wenn Aktienkurse krachen, sind die Schuldigen schnell genannt. Es müssen die Zockerfonds gewesen sein.

Mehr als 8000 dieser unregulierten, verschwiegenen Investmentgesellschaften gibt es weltweit, sie verwalten gut 600 Milliarden Dollar. Die aggressivsten unter ihnen leihen sich Aktien, verkaufen sie und kaufen sie später zu niedrigerem Kurs zurück. Hedgefonds verdienen Geld, wenn andere Geld verlieren - wenn eine Aktie kracht. Was die Vorstände von Telekom & Co. verschweigen: Die Spekulation der Hedgefonds geht nur auf, wenn eine Aktie überbewertet ist. Oder wenn die Anleger an der Glaubwürdigkeit des Managements zweifeln.

Amerikas Aktionäre haben ein neues Schimpfwort entdeckt: Manager. Der Kapitalmarkt in den USA ist in Aufruhr, die Helden purzeln von ihren Sockeln - wie Martha Stewart, die Ikone der amerikanischen Hausfrauen. Die beliebte Moderatorin von Haushaltssendungen und Chefin eines kleinen Magazin- und Kochbuchimperiums mit 300 Millionen Dollar Jahresumsatz ist auf einmal selbst Gegenstand von Talkshows: "Hat sie es getan oder nicht?"

Stewart soll 4000 Aktien des BioTech-Unternehmens ImClone verkauft haben - einen Tag, bevor der Aktienkurs stürzte, weil einem neuen ImClone-Präparat die Zulassung verweigert wurde. Pikant: Die "häusliche Göttin" (Economist) ist mit dem ehemaligen ImClone-Chef befreundet. Und der, vermutet der Staatsanwalt, habe Stewart was gesteckt. Ein Fall von Insiderhandel? Immerhin fand die New York Times für die Stewart die deutsche Wortschöpfung "Blondenfreude" - "die Schadenfreude, wenn eine reiche, mächtige und hellhaarige Unternehmerin stolpert".

Typisch amerikanisch klingt das nicht. Reichtum ist in den USA alles andere als ehrenrührig. Hier trat Ronald Reagan einst an, um sicherzustellen, "dass ein Mensch reich werden kann". Doch seit die Aktienblase platzte und die Konjunktur dümpelt, seit dem spektakulären Zusammenbruch des Energieriesen Enron und einer Welle von Wirtschaftsskandalen sind die Amerikaner sauer. "Noch nie habe ich erlebt, dass die amerikanische Wirtschaft so kritisch beurteilt wird", sagt Henry Paulson, Chef der Investmentbank Goldman Sachs. "Und die meiste Kritik ist berechtigt."

Wer ist noch glaubwürdig? Wem kann man noch trauen? Weltweit beschäftigt Anleger und Arbeiter, Manager und Moralisten in diesen Tagen nur ein Thema. Aktionäre zweifeln an den Zahlen der Firmen, Mitarbeiter an der Integrität ihres Chefs, Manager am eigenen Berufsstand.

Nur ein amerikanisches Problem? Von wegen. In Europa geht ein Konzernkapitän nach dem anderen unehrenhaft von Bord. Wie Percy Barnevik, der Exchef des schwedisch-schweizerischen Mischkonzerns ABB, der am Aufsichtsrat vorbei ein Ruhegeld von 148 Millionen Schweizer Franken kassierte. Oder Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid, der sich im Geflecht aus Unternehmensinteressen und den Aktiengeschäften seiner Frau verwickelte. Oder Comroad-Chef Bodo Schnabel, der vom Neuen Markt direkt ins Gefängnis wanderte, weil sein Geschäft vor allem aus Luftbuchungen bestand.