Der Guerillakämpfer muss, wie Mao Tse-tung sagt, in der sympathisierenden Bevölkerung schwimmen wie der Fisch im Wasser. Auch der heutige Terrorist schwimmt in einem Wasser, nur nicht im Wasser menschlicher Sympathie, sondern in den kommunizierenden Röhren der modernen weltweiten Technik. Ihm stehen die Flugrouten und Autostraßen, die Waffenarsenale und Banken der heutigen Weltwirtschaft zur Verfügung, wenn es ihm nur gelingt, nach jedem punktuellen Schlag in den Schatten zurückzutauchen, aus dem er für eine Minute oder eine Woche aufgetaucht war." Geschrieben 2002, über Osama bin Laden und seine Todesboten? Nein, das ist von 1978, aus einer Rede von Carl Friedrich von Weizsäcker nach dem Schleyer-Kidnapping, der Flugzeugentführung von Mogadischu und dem Selbstmord der RAF-Führung in Stammheim.

Schon erstaunlich, diese Vogelperspektive auf das Ineinander von Terrorismus und Moderne, in einem Augenblick der Erregungen und des politischen Handgemenges, als sonst von Sympathisanten, Rasterfahndung oder Kontaktsperregesetz die Rede war. Die Distanz und der Sinn für die großen Zusammenhänge sind immer Weizsäckers Markenzeichen gewesen

ein paar Jahre vor dem Terrorismus-Vortrag hatte er einen Aufsatz geschrieben mit dem fast parodistisch wirkenden Titel Die heutige Menschheit, von außen betrachtet. Er leitete damals am Starnberger See das für ihn geschaffene Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt.

Man erinnert sich wohl vor allem an die Friedensforschung, die da getrieben wurde, und bei Weizsäcker überhaupt an seine Sorgen über die Atomkriegsgefahr, ein Thema, das seit 1989/90 historisch wirkte - sehr zu Unrecht, wie Kaschmir lehrt. Aber das Starnberger Unternehmen war mehr als irgendein Entspannungsprojekt, es war wirklich so etwas wie der Versuch, die Menschheit "von außen" zu betrachten, als ganze nämlich, unprovinziell und nicht "eurozentrisch", in ihren weltwirtschaftlichen und ökologischen Interdependenzen - global, bevor man noch von Globalisierung redete.

Carl Friedrich von Weizsäckers Weg dahin war zugleich sehr weit und selbstverständlich gewesen. Zwei Kräfte haben das 20. Jahrhundert bestimmt, die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik und der Kampf der politischen Ideologien und Systeme

an beiden Geschichten hat Weizsäcker teilgenommen, als Akteur wie als Analytiker, mit einem Lebenswerk, das in Deutschland ohne Parallele ist. Seine Zeit- und Schicksalsgenossen, freilich in den größeren Dimensionen der Weltmachtsphäre, sind Physiker wie Andrej Sacharow und Edward Teller gewesen, die Väter der sowjetischen und der amerikanischen Wasserstoffbombe, von denen der eine zum Dissidenten wurde, der andere zu Ronald Reagans Rüstungsberater und zum Anwalt des Sternenkriegsprogramms SDI. Denn der Schnittpunkt der Jahrhundertlinien von Wissen und Macht waren die Atomwaffen, und sie sind auch Weizsäckers Urerlebnis geworden, gleichsam der Reaktorkern seiner Existenz.

So richtig ist das erst vor wenigen Monaten wieder ins Bewusstsein getreten, mit der Veröffentlichung neuer Dokumente aus dem Nachlass des dänischen Physikers und Nobelpreisträgers Niels Bohr, in denen es um die deutschen Vorarbeiten zu einer Atombombe im Zweiten Weltkrieg ging. Weizsäcker war als junger Mann dabei gewesen - nun, in seinem 90. Jahr, richteten sich die Blicke noch einmal auf ihn als den letzten noch lebenden Zeitzeugen. Mit welchen Motiven und mit wie viel Entschlossenheit hatte sich die Elite der deutschen Kernphysik, Weizsäckers Lehrer und Freund Werner Heisenberg an der Spitze, auf eine möglicherweise unabsehbar folgenreiche Kollaboration mit Hitlers Regime eingelassen? Carl Friedrich von Weizsäcker selbst spricht von der illusionären Hoffnung auf politischen Einfluss, die ihn anfangs bewegt habe, dann aber gefolgt von der Erleichterung über die bald erkennbare Aussichtslosigkeit des Bombenprojekts. Wer ihn in den Wochen vor seinem Geburtstag am 28. Juni besuchte, konnte ihn bei der Lektüre der Memoiren von Edward Teller finden, der in den Kriegsjahren auf der Gegenseite gestanden hatte, in den amerikanischen Kernwaffenlabors von Los Alamos. Weizsäcker hat sich die Stellen herausgesucht und angestrichen, an denen von den deutschen Physikern in der Nazizeit und zumal von Heisenberg die Rede ist, auf einfühlsame und entlastende Weise.