Masar-i-Scharif

Es ist ein windiger Tag. Sand wirbelt durch die Luft und macht die Augen blind - als wollte die Wüste Dascht-i-Laili ihre Geheimnisse vor den Besuchern verbergen. Hier, eine knappe halbe Autostunde von der Stadt Schebargan entfernt, soll sich ein Massengrab befinden

ein Grab, das dem Westen zur Schande gereichen könnte.

Kamelreiter, die aus dem Nichts auftauchen, weisen uns schließlich den Weg.

Sie zeigen auf einen Streifen Sand, der sich auf den ersten Blick durch nichts von einer Düne unterscheidet. Erst bei näherem Betrachten ist zu erkennen, dass hier kein Busch und kein Strauch mehr stehen, wie sie sonst in dieser Wüste zahlreich sind. Die Spuren von schweren Fahrzeugen, wahrscheinlich Baggern, haben sich tief eingegraben. Sie sind herangefahren, um die Toten vom Dezember 2001 zu begraben, nachdem sich die Einwohner des nahe liegenden Dorfes Pul Korasan über den unerträglichen Verwesungsgestank beklagt hatten.

Anfang Mai wurde die Erde noch einmal umgegraben. Diesmal von einer Untersuchungskomission der UN, darunter zwei Gerichtsmediziner. In einer Tiefe von eineinhalb Metern fand die Kommission 18 Leichen. Drei wurden zur Autopsie abtransportiert. Das Ergebnis ist noch nicht veröffentlicht, aber nach Angaben von Manoel de Almeida de Silva, des UN-Sprechers in Afghanistan, steht eines fest: Die Toten gehörten zum Volk der Paschtunen, die mehrheitlich die Taliban stellten. Körperphysiognomie, Kleidung und Turbane ließen diesen Schluss zu, sagt de Silva. Als wollte der Wind diese Aussage unterstreichen, wirbelt er Stofffetzen hoch, schwarzen Stoff. Schwarz waren die Turbane der Männer, die mindestens vier Jahre eine religiöse Schule, eine Madrassa, besucht haben oder Sajed waren, Nachkommen des Propheten Mohammed.

Die schwarze Farbe war auch das Symbol der Taliban.