Er geht in die Küche, um Tee zu kochen. Das Parkett knarrt. In zwei einfachen Regalen weniger Bücher als bei jedem Philosophiestudenten, auf dem Sofa die Wolldecke. Der Schreibtisch: ein altes Küchenmöbel, von den gedrechselten Beinen blättert die weiße Farbe. Darauf die Maschine, deren Tasten er seit Jahren nur noch mit Bleistiften drücken kann, die er zwischen die arthritisch gekrümmten Finger klemmt. Eine Exilantenwohnung.

Als er mit dem Tee kommt, deutet er auf die Wand hinter mir. "Ich will Ihnen erklären, was dort hängt", sagt er mit altmodisch pathetischer Geste. Ich sehe ein angekohltes Stück Papier mit japanischen Schriftzeichen ("Das wurde aus den Trümmern von Hiroshima gezogen") und ein weißes, bedrucktes Seidentuch: "Ich habe es bei der Prozession in Kyoto benutzt, es war sehr heiß." Darunter ein verblasstes Passbild: "Mein Vater, William Stern."

In dessen Psychologie der frühen Kindheit sind Günther Anders' erste philosophische Versuche dokumentiert - auch die Frage: "Und wer hat den lieben Gott gemacht?" William Stern war Mitglied der jüdischen Reformgemeinde in Breslau, die den Sabbat am Sonntag feierte, mit Musik von Meyerbeer. Ein kaisertreuer Goethe-Deutscher, ein Kriegspatriot. Unglücklich war er nur über die Freundschaft seines Sohnes mit einem zionistischen Ostjuden. "Durch den lernte ich Flaubert, Hamsun, Tolstoj kennen. Mein Vater war darüber indigniert. So geschah das Paradoxe, dass meine persönliche Emanzipation vom Vater und meine Solidarisierung mit dem Ursprung: mit dem Judentum, zusammenfielen." Das Weltbild des Psychologen William Stern, Professor in Breslau und später in Hamburg, brach erst 1933 zusammen; er starb im Exil, 1938, in Durham/North Carolina.

Breslau, Heidegger, Hollywood

Wie wird man zum "Berufsmoralisten", habe ich Anders gefragt, und ein strenger, nein, fast mitleidiger Blick kommt als erste Antwort. Aber dann beginnt er zu erzählen. Wie er ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, als 15-Jähriger, mit einem paramilitärischen Schülerverband von Hamburg aus nach Frankreich geschickt wurde: "Angeblich zur Ernte, in Wahrheit, um die Obstkulturen zu vernichten. Unterwegs, auf einem Bahnhof, wohl in Lüttich, sah ich eine Reihe von Männern, die sonderbarerweise an den Hüften anfingen. Das waren Soldaten, die man auf ihre Stümpfe gestellt und an die Wand gelehnt hatte. So warteten sie auf den Zug in die Heimat." Ein paar Wochen später - inzwischen war er nächtelang von seinen deutschnationalen Kameraden gequält worden - gründete der Schüler Günther Stern den "ersten Völkerbund des Jahrhunderts": nachts, im Garten des Militärlazaretts, mit dem Sohn eines Franktireurs. "Bei Kerzenlicht übermalten wir auf einer Karte von Europa mit weißer Farbe die Grenzen und schnitten uns E. U. in die Handflächen. Wir bluteten wie die Schweine und rannten zur Krankenschwester, einer Elsässerin. Die verstand sofort und wurde das dritte Mitglied. Durch dieses Erlebnis wurde ich zum Moralisten gemacht. Sehr verändert habe ich mich nicht."

Zunächst sah alles nach einer Universitätskarriere aus. Ontologische Lehrjahre bei Martin Heidegger in Freiburg - dem er zum Abschied vorwarf, er betreibe Wurzelphilosophie, reduziere den Menschen auf eine pflanzliche Existenz. Dann die Promotion bei Heideggers Freiburger Kollegen Edmund Husserl, dessen phänomenologischer Blick "zurück auf die Dinge" ihm jedoch allzu klang- und geruchs- und berührungslos war. Er wollte über die Welt philosophieren und nicht über die Philosophie.

1930 hatte er vor, nach Wanderjahren durch Europa, sich in Frankfurt am Main zu habilitieren. Aber Max Wertheimer, Paul Tillich und Karl Mannheim baten ihn um Geduld; die Nazis seien gerade zu stark an der Universität - "in ein, zwei Jahren werden sie abgewirtschaftet haben". Inzwischen war er mit Hannah Arendt verheiratet und verdingte sich, von Bertolt Brecht vermittelt, beim Berliner Börsen-Courier. "Ich schrieb über alles. Über vergewaltigte Kinder ebenso wie über einen Hegel-Kongress oder eine Kriminalnovelle. Jeden Tag musste eben etwas da sein, damit wir leben konnten, bis Ihering mich eines Tages mit dem Ruf empfing: ,Wir können nicht die Hälfte unserer Artikel mit Günther Stern zeichnen!' - ,Dann nennen Sie mich doch irgendwie anders', schlug ich vor. ,Gut', sprach er, ,nun heißen Sie also außerdem Anders.'"