In dieser Ungleichzeitigkeit entdeckt Park Chan-wooks Film die grotesken Momente einer gewaltsamen Entfremdung: Das Wachpersonal beider Seiten patrouilliert entlang der Demarkationslinie innerhalb der Schutzzone nur wenige Meter voneinander entfernt, ohne sich eines Blickes zu würdigen. Die rote Linie fungiert hier als eine Art Bruch im Raumgefüge, der ideologisch und damit auch physisch unüberwindlich bleibt.

Ein Zwischenfall mit tödlichem Ausgang im nordkoreanischen Grenzabschnitt hat in Joint Security Area eine politische Krise heraufbeschworen. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass südkoreanische Soldaten den nordkoreanischen Grenzposten überfallen haben. So beauftragt die in dem Sicherheitssektor verantwortliche Aufsichtsbehörde der Neutralen Nationen (NNSC) eine in der Schweiz geborene Koreanerin mit den Ermittlungen. Sehr schnell stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Als sie einen der überlebenden nordkoreanischen Soldaten unter Druck zu setzen beginnt, begeht er Selbstmord.

Je weiter Parks Polit-Thriller voranschreitet, desto rätselhafter scheint er auch zu werden. Es sind die Rückblenden, in denen sich dieser in kühler Genreästhetik erzählte Grenzfilm nach und nach lichtet und die kurze, aber wunderschöne Geschichte einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten Freundschaft zum Vorschein bringt. Sie beginnt mit einem jungen nordkoreanischen Soldaten, der sich im Sperrgebiet verirrt und von zwei Nordkoreanern "gerettet" wird. Sie sucht sich ihren fast poetischen Ausdruck über Musikkassetten und Briefe, die über den Grenzzaun geworfen werden, und sie gipfelt in einer Verbrüderungsszene, die mit ihrem rührend banalen Männergeschwafel unter eigentlich verfeindeten Soldaten geradezu philanthropische Kraft entwickelt.

Der Aufbau von Parks Joint Security Area hat somit fast psychologischen Charakter. Nach 50 Jahren, in denen das gesamtkoreanische Trauma der Trennung im Kino kaum ernsthaft thematisiert wurde, ist die koreanische Halbinsel noch immer eine einzige Wunde. Die Demarkationslinie im gemeinsamen Sicherheitssektor stellt die letzte unüberwindliche weltpolitische Landmarke dar. Park unterstreicht die Bedeutung dieser Grenzlinie mit andächtigen 360-Grad-Kamerafahrten, wagt gleichzeitig aber auch das Unmögliche: den utopistischen Blick über die Trennlinie hinaus in eine gemeinsame Zukunft. In diesem Zwiespalt zwischen Gehorsam und Sehnsucht sieht Park das grundlegende koreanische Dilemma. Aber auch sein Film kann es letztendlich nicht zur Auflösung bringen.

Joint Security Area ist nur scheinbar ein Polit-Thriller. Die Chronologie des Films folgt nicht der Logik des whodunits, sondern wird bestimmt vom Menetekel der Unabänderlichkeit des klassischen Dramas. Auch formal: Indem Park die Haupthandlung des Films als Flashback anlegt, ist der Ausgang von Beginn an vorherbestimmt. Der Zuschauer wird Zeuge bewegender Versöhnungsgesten im nordkoreanischen Grenzhäuschen, hat jedoch noch die kurzen Einsprengsel des nächtlichen Mündungsfeuers bestens in Erinnerung, die leitmotivisch durch den Film blitzen. In der Zerstückelung der Handlungsfolge wird die koreanische Nachkriegsgeschichte mit ihren unzähligen vergeblichen Versuchen der Annäherung so auch zu einer mythischen Parabel des Scheiterns.

Im Gegensatz zur Erzähltradition des westlichen Gesellschaftsromans sieht Park in der Durchdringung von privaten und politischen Sphären allerdings kein tragfähiges Modell für den politischen Wandel. Ganz im Gegenteil: Im Zeichen der Ideologien wird jeder Anflug von Menschlichkeit zur Makulatur. Darin liegt für Park auch die Tragik seines Landes, die er mit Joint Secutiry Area so komplex schildert - jede Annäherung ist geprägt von tiefem gegenseitigem Misstrauen, und jeder Versuch birgt die Gefahr einer noch größeren gegenseitigen Entfremdung.

Über 50 Jahre hat es gedauert, bis im Juni 1999 das erste Gipfeltreffen der beiden koreanischen Staatsoberhäupter zustande kam. Park Chan-wooks Film wurde in der Spätphase dieser politischen Eiszeit fertig gestellt, er konnte also noch nichts von den zaghaften diplomatischen Versuchen wissen, die seitdem die koreanisch-koreanischen Beziehungen intensivieren. Dennoch hat Joint Security Area nicht an Aktualität verloren, gerade weil er nicht auf hoch dramatisches Versöhnungskino setzt, sondern ausgesprochen illusionslos die durch Propaganda und Desinformationspolitik verunsicherte gesamtkoreanische Psyche verständlich machen will.