Man hätte es bei der Antwort des Harvard-Psychologen Edwin G. Boring bewenden lassen können: "Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst." Dann könnte sich die Amerikanerin Marilyn vos Savant als intelligenteste Person der Erde wähnen - einen Intelligenzquotienten von 228 hat ein Test für sie ermittelt. Aber schlauen Kreaturen schwindelerregende IQs zuzuschreiben halten Wissenschaftler wie der emeritierte Berner Psychologieprofessor Alfred Lang für eine "besondere Form von Idiotie".

Es ist in der Tat erstaunlich, wie lange Psychologen, Pädagogen, Personalchefs und Laien davon ausgingen, dass sich mithilfe von ein paar geometrischen Figuren oder kniffligen Fragen eine Zahl ermitteln ließe, die Aufschluss über die Intelligenz einer Person geben könne. Das Verdienst, den Intelligenzquotienten öffentlich zu Grabe getragen zu haben, gehört Daniel Goleman, der 1995 sein populärwissenschaftliches Bändchen über die Emotionale Intelligenz (EQ) weit über drei Millionen Mal verkauft hat. Die platte Botschaft des Buchs, dass weiterkommt, wer ein Gespür für andere hat, zielte in die richtige Richtung: Intelligenz ermöglicht Leistungen, die eine weite Palette menschlicher Fertigkeiten betreffen. Nicht nur mathematische Logik. Nicht nur sprachliche Brillanz.

Grundsätzlicher und systematischer aber als der Journalist Goleman hatte ein Jahrzehnt zuvor Howard Gardner, Psychologieprofessor an der Harvard Universität, das Problem angepackt. Im 1985 erschienenen Buch Frames of Mind. The Theorie of Multiple Intelligence (deutsch: Abschied vom IQ, 1991) postulierte Gardner, dass jeder Mensch mehrere "Intelligenzen" entwickeln könne, die von Tests gar nicht erfasst werden können. Gardner kam auf insgesamt sieben - sprachliche Intelligenz hilft Dichtern und Rechtsanwälten, logisch-mathematische den Naturwissenschaftlern, musikalische den Musikanten und Komponisten, körperlich-kinästhetische den begabten Tänzern, Schauspielern und Sportlern. Die fünfte Intelligenz ist die räumliche - ein guter Seemann oder Pilot, wer damit gesegnet ist. Schließlich bezeichnete Gardner noch zwei personale Intelligenzen: Die interpersonale hilft talentierten Verkäufern, Lehrern, Ärzten, Kirchen- und Staatsvertretern beim Verstehen von Wünschen, Motiven und Absichten anderer Menschen. Und eine Form von Intelligenz hilft beim Hantieren mit Ängsten, Wünschen und eigenen Fähigkeiten - die intrapersonale.

Was zählt, ist der Gebrauch

Jetzt hat Gardner neu nachgedacht und legt in seinem Buch Intelligenzen eine "differenziertere Definition" von Intelligenz vor. Er versteht darunter "ein biopsychologisches Potenzial zur Verarbeitung von Information, das in einem kulturellen Umfeld aktiviert werden kann, um Probleme zu lösen oder geistige oder materielle Güter zu schaffen, die in einer Kultur hohe Wertschätzung genießen". Mit der Festlegung auf positiven Output umgeht Gardner die Minenfelder, in die mancher geraten ist, der dem wolkigen Intelligenzbegriff Konturen verpassen wollte. Er resümiert die Rezeptionsgeschichte von The Bell Curve, dessen Autoren 1994 glaubten ermittelt zu haben, dass weniger intelligente Jugendliche häufiger kriminell würden. Der Rassismusvorwurf kam postwendend - und zu Recht.

Gardner versucht solche Pannen zu vermeiden. In der Diskussion, ob Moral als Intelligenzkriterium gelten soll, kommt er zum Schluss, dass moralische Intelligenz als Begriff "nur so lange akzeptabel" scheint, wie er "nicht die Anerkennung einer bestimmten Moralität einschließt, denn das würde bedeuten, wir bewegten uns im Bereich der Wertsysteme". Die Einsicht, dass "keine Intelligenz an sich moralisch oder unmoralisch" ist, hindert ihn aber nicht daran, moralische Aspekte bei der Bewertung von Intelligenz gleich zur Maxime zu erheben: "Was allein zählt, ist der - individuelle oder kollektive - Gebrauch der Intelligenzen zur Bewältigung von gesellschaftlich hoch bewerteten Aufgaben." Insbesondere bei der Bewertung von Persönlichkeiten mit "Führungskraft" oder Figuren wie Leni Riefenstahl, die mit ihren "meisterhaften Dokumentarfilmen" das Filmschaffen der fünfziger Jahre beeinflusst habe, zieht der politisch äußerst korrekte Gardner lieber einen zweiten Boden ein: "Der Abgrund zwischen Fähigkeiten und Moral kann nicht einfach außer Betracht bleiben."

So weiß man am Ende nicht so richtig, was Gardner will. Er selbst vermutlich auch nicht. Beim Nachzählen der Intelligenzformen kommt er nun auf achteinhalb. Neu ist die naturkundliche Intelligenz, mit der Charles Darwin oder Edward O. Wilson gesegnet sind. Die Aufnahme der spirituellen Intelligenz erwägt er, um sie zu verwerfen. Immerhin entschließt er sich zur Aufnahme der Lebensintelligenz "als gereinigte Version der spirituellen Intelligenz" - unter Vorbehalt: "Allenfalls könnte ich mich in Anlehnung an Fellini spielerisch auf 8 ½ Intelligenzen festlegen."